Knallerbsen sind erbsengroße Papierkugeln, die mit Sand gefüllt sind, an dem sich, wird die Knallerbse zu Boden geworfen, eine kleine Menge Silbersalz reibt, wodurch es zu einem Knall kommt. Es handelt sich um die harmloseste Art von Sprengstoff. Niemand wird verletzt, Feuer wird nicht entzündet, allenfalls zuckt jemand zusammen. In der Öffentlichkeit ist gerade eine besondere Art von Knallerzeugung zu beobachten: die sich selbst auf den Boden werfende Erbse.
Eine Person, die sich den Anschein gibt, nachgedacht zu haben, hat einen Auftritt. Dabei knallt es. Zwar zuckt niemand zusammen, denn der Knall war lange angekündigt. Aber viele tun so, als gebe es Anlass zur Aufregung, vor allem die Knallerbsen selbst tun so. Für die Wiener Festwochen hat die Bühnenknallerbse Milo Rau einen solchen Auftritt geplant und den amerikanischen Tech-Milliardär Peter Thiel zur Diskussion eingeladen.
Reflexives Knallerbsentum
Thiel ist seinerseits ein mit Sand gefüllter Kopf, der sich seit Studienzeiten in Stanford ein paar Milligramm Sprengstoff aus Carl Schmitt und Leo Strauss, Transhumanismus, ultralibertärer Trumpolatrie und Antichristenlehre zusammengelesen hat, um Reibungseffekte zu erzeugen. Gedanklich steckt nicht viel dahinter, aber wenn ein politisch einflussreicher Multimilliardär sich zu Boden wirft, macht das natürlich Lärm. Dem will Milo Rau unter dem Titel „Diskussion“ eine Bühne geben, wie er überhaupt gern behauptet, zur öffentlichen Debatte beizutragen. Die ist, reflexives Knallerbsentum, in erster Linie eine Debatte darüber, ob die Debatte stattfinden soll.
Rau hat in den Festwochen erst die „Freie Republik Wien“ ausgerufen, dann die „Republik der Liebe“, jetzt die „Republic of Gods“. Drunter macht er es nicht. Die Leute sollen das Gefühl haben, bei einer richtig großen Sache dabei zu sein. Die große Sache, für die sie ihre Tickets lösen, ist allerdings vor allem „Die Republik des Milo Rau“, die eine Monarchie der Selbstvermarktung eines Diskursdarstellers ist. Darin ähnelt er, der sich links vorkommt, den Knallerbsen, die sich als die wahren Konservativen vorkommen, wenn sie sich unablässig clownshaft feixend zu Boden werfen, um das Bürgertum mit der großmäulig angekündigten Zerstörung aller Institutionen zu erschrecken, mit der Apokalypse, mit Punk, mit J.D. Vance und Kettensäge.
Einen Begriff von dem, was sie zerstören wollen, haben sie so wenig wie Milo Rau einen von dem, was er vor ihnen retten will. Sie denken nicht, sie lesen nicht, sie argumentieren nicht, sie werfen nur Papierkügelchen, gefüllt mit Sand, damit es knallt. In Deutschland fallen Knallerbsen unter die Bestimmungen für Kleinstfeuerwerk.

vor 1 Stunde
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