Washington Irving: „Das Skizzenbuch“: Er schläft zwanzig Jahre lang seinen Rausch aus

vor 1 Tag 1

Rip van Winkle ist ein freundlicher Familienvater mittleren Alters, rührig in allem, was ihn nicht betrifft, und unfähig, seine eigenen Angelegenheiten in Ordnung zu bringen. Dass seine Frau nicht glücklich damit ist, ihr kleines Wohnhaus in der Nähe des Hudson River zunehmend verfallen zu sehen, ist nur zu verständlich, und dass sie ihrem Mann deshalb Vorwürfe macht, ist es auch. Rip van Winkle aber lässt alles an sich abperlen, zuckt mit den Schultern und dreht den Kopf von links nach rechts.

Das Abenteuer seines Lebens beginnt dann auch ganz unspektakulär, als er in den Bergen unterwegs ist, die sich in der Nähe seines Dorfes erheben. Bei Sonnenuntergang begegnet ihm ein stämmiger Kerl in altertümlicher Kleidung, dem er dabei helfen soll, ein Fass mit Branntwein auf ein Felstableau zu tragen, wo schon eine Reihe ähnlicher Gestalten warten. Sie kegeln, er sieht zu, nippt aber heimlich an ihrem Trank und schläft ein. Am nächsten Morgen wacht er in einer veränderten Welt auf. Er ist, stellt er im Dorf fest, um zwanzig Jahre gealtert. In der Zwischenzeit ist aus der britischen Kolonie ein Teil des unabhängigen Amerikas geworden. Er nimmt alles hin und lebt nun dasselbe Leben weiter, nur bei der Tochter, weil seine Frau gestorben ist.

 Ausgabe von 1888)Washington Irving:  „The Sketch-Book“, 1819 (hier: Ausgabe von 1888)University of California Libraries

Diese zeitlose Figur hat der junge amerikanische Autor Washington Irving, der sich hinter dem sprechenden Pseudonym „Geoffrey Crayon“ verbirgt, in seiner Textsammlung „Das Skizzenbuch“ entworfen, liebenswert und kaum lebenstüchtig, und ihn in scharfen Kontrast zu der neuen Zeit gestellt. Ihm haftet etwas Holländisches an, also etwas Europäisches, und um diesen Gegensatz geht es Irving im Grunde in allen Erzählungen und Essays. Sie handeln vom Reisen und vom Ankommen in der Fremde, von Begegnungen und vom Verpassen, und sie feiern eifrig die kleine Form, eben die Skizze.

Hier bedeutet das auch, dass sich die kurzen Texte gegenseitig beleuchten und relativieren. Der von Spannungen geprägten Ehe des Rip van Winkle wird die Schilderung einer anderen, von großer Liebe bestimmten vorangestellt. Sentimentalität neben Spott, englische Zustände neben amerikanischen, Übersinnliches neben Materialismus.

Das Meisterstück des Bandes neben vielen Kostbarkeiten ist dann „Die Sage von der schläfrigen Schlucht“ (im Original: „Sleepy Hollow“), die als Kippfigur angelegt ist. Was hat es mit dem kopflosen Reiter auf sich, warum verschwindet der verliebte Schulmeister auf seinem nächtlichen Heimweg, als er hinter sich Hufschläge hört? Inszeniert oder echt?

Irving hat sich für diese uramerikanische Geschichte von Musäus und seinen deutschen Rübezahlgeschichten anregen lassen und darin Aspekte seines Heimatlands gespiegelt. Sein Blick geht fortwährend hin und her über den Ozean, in den besten Stücken kommt er zur Synthese der beiden Welten. Und wenn er von Engländern schreibt, die Amerika bereisen und beschreiben, was sie ohnehin schon wissen, dann wird daraus eine freundliche, aber unmissverständliche Darstellung von Autorenborniertheit, die man auch 200 Jahre später verblüfft und erfreut lesen kann.

In unserer Serie „Amerika, wie es im Buche steht“ stellen wir anlässlich des 250. Geburtstags der Vereinigten Staaten von Amerika fünfzig Bücher vor, die das Selbstverständnis des Landes geprägt haben.

Gesamten Artikel lesen