Herr Rahn, Sie haben im Verlag Tredition Ihr lyrisches Werk veröffentlicht. Ein Bild Ihres Bandes „Willkommen im Fehler-Paradies“ habe ich fälschlicherweise zu unserem Artikel über den KI-Schrott gestellt, den dieser Verlag in seinem Programm hatte. Aber Ihre Lyrik hat mit Künstlicher Intelligenz nichts zu tun.
Nein, in meinem Band „Willkommen im Fehler-Paradies“ ist jede Zeile, jeder Vers von mir – ohne Mitwirkung von KI geschrieben. Das gilt übrigens auch für meine drei Vorgänger-Bände. Das Hauptwerk in „Willkommen im Fehler-Paradies“ (übrigens ähnlich wie Dantes „Göttliche Komödie“ in drei Kapiteln in Dante’schen Terzinen verfasst) hält dazu an, unsere Fehlerkultur zu verbessern. Fehler sind – im Gegensatz zur Perfektion – äußerst hilfreich, denn nur durch Fehler können wir lernen und wachsen. Genau diesen Lernprozess haben wir der KI voraus.
Ich würde meine Fähigkeiten als Lyrik-Autor – auch in Hinblick auf die Differenzierung zur KI – stichpunktartig so beschreiben: Inspiration aus Erfahrung (Erlebtem), aus Beobachtungen in der Natur und in der Gesellschaft – und aus Emotionen, Stimmungen und eigenen Gedanken. Transformation und Abstraktion in – manchmal bildhaftem, manchmal emotionalen, manchmal philosophischem – Text. Gießen des Textes in Verse und Strophen mit Kreativität (mit Metaphern, mit zum Inhalt passendem Metrum, oft mit Humor) und Handwerk (Metrum, Reime). Dies könnte KI teilweise leisten – mit Ausnahme der Kreativität. Oft zusätzlicher, fließender Inhalt, der erst während des Schreibens entsteht (durch neue Inspiration während der handwerklichen Verarbeitung früherer Gedanken). Emotionale Konklusion mit teilweise emotionalen Abwägungen.
Die Künstliche Intelligenz überwältigt die Menschheit zurzeit. Wir erleben ihren Vormarsch auf allen Ebenen. Sie gewöhnt uns das eigenständige Denken und das Schreiben ab. KI übt sich auch in Lyrik. Was denken Sie, kann KI Lyrik?
Ich hoffe nicht, dass KI heute oder jemals gute, kreative Lyrik schreiben können wird! Auf der anderen Seite: Träumen nicht viele von uns von ihrer eigenen unveränderlichen, KI-freien Nische?! Ich sehe folgende Punkte, die gegen eine KI-generierte Lyrik sprechen: KI setzt bereits vorhandene Kunstwerk-Fragmente neu zusammen, was ich nicht als kreativen, schöpferischen Akt verstehe und worunter die Qualität der generierten Lyrik leiden muss. In einem kleinen Test ließ ich KI (einen ChatGPT-Chatbot der Firma Open AI) ein Sonett zum Thema „Krieg und Frieden“ schreiben. Das Resultat war meines Erachtens qualitativ mäßig, und die Nahtstellen zwischen den zusammengesetzten Textfragmenten menschlicher Künstler waren als solche erkennbar. KI kann nicht kreativ sein, weil zur echten Kreativität Persönlichkeit, Emotionen und persönliche Erfahrung gehören. Aber KI wird es schaffen, KI-Produkte zu erzeugen, die von uns als etwas Kreatives wahrgenommen werden. Der Schaffensprozess – das Lernen aus Fehlern und die Intuition – ist für viele Künstler essenziell. Diesen Prozess überspringt die KI. Dies sollte sich in der Qualität der KI-Erzeugnisse negativ niederschlagen. Die Gefahr von Plagiaten steigt bei KI-generierter Lyrik: KI wird anhand von Datenmengen menschlicher Künstler trainiert – und das, ohne für diese Daten zu bezahlen. Hierdurch sollte KI als solche identifizierbar sein und somit aus lyrischen Veröffentlichungen ausgeschlossen werden können. Lyrik ist häufig auch philosophischer Natur. Niemand möchte aber KI-generierte Philosophie lesen: Die menschliche Philosophie ist ohnehin schwer verständlich, ist aber aus einer echten subjektiven Lebenserfahrung heraus entwickelt. KI-generierter Lyrik fehlt die menschliche Unvollkommenheit. Deshalb liest sie sich gekünstelt, emotionslos und „gefühlskalt“. Allerdings zeigt eine – mich nachdenklich stimmende – wissenschaftliche Studie, die in „Scientific Reports“ veröffentlicht wurde und bei der Probanden Gedichte von menschlichen Autoren und von KI kreierte Gedichte lasen: Die Probanden konnten die KI-generierte Lyrik nicht klar als solche identifizieren. Darüber hinaus empfanden die Probanden die KI-Erzeugnisse sogar als leichter verständlich. Womöglich zeichnet sich auch bei der Thematik „KI und Lyrik“ eine Parallele zum Schachspiel ab: Auch dort hätte in den späten Achtzigerjahren niemand geglaubt, dass KI-Software schon bald in der Lage sein sollte, den menschlichen Schachweltmeister zu besiegen. Doch genau dies passierte 1994. Natürlich hat die KI ihr generelles technisches Potential noch lange nicht ausgeschöpft und wird sich in Bereichen etablieren, die wir heute als rein menschliches Terrain betrachten. So ist es vermutlich nur eine Frage der Zeit, bis KI auch Autor in allen schriftstellerischen Genres sein wird. Allerdings muss der KI-Output unter allen Umständen aus ethischen Gründen vom Menschen kontrolliert werden. Der derzeit gängige Weg – nämlich die zwangsweise Ausweisung KI-freier Zonen – dürfte für die Zukunft kaum haltbar sein: Das klingt für mich so ähnlich, als hätte man früher in der industriellen Revolution doch einfach die Maschinen verbieten können.
Der Autor Norbert RahnprivatSie haben Ihr Werk bei Tredition verlegt. Tredition ist ein Verlag für Selfpublisher. Wie funktioniert das eigentlich? Und wie sind Sie auf Tredition gekommen? Was raten Sie Autorinnen und Autoren, die es Ihnen gleichtun wollten?
Autoren haben ja zwei Wege, um ihre Werke dem Buchmarkt verfügbar zu machen: klassischer Verlag oder Selfpublishing. Ich habe – auch aus Gründen der Markt-Enge des Genres Lyrik – den Selfpublisher-Weg via Tredition verwendet. Ich habe meine bisherigen vier Lyrikbände alle mit Tredition veröffentlicht, da ich Preis-Leistung und Komfort des Veröffentlichungsprozesses sehr schätze. Sobald ein Autor ein eigenes fertiges Manuskript hat, ist der Prozess zum eigenen Buch einfach: Über die Tredition-Homepage werden die Charakteristika des Buches (Autor, Titel, Seitenzahl, Papierart, Abbildungen, Preis – ja, der ist in bestimmtem Rahmen frei wählbar, insbesondere die Marge) ausgewählt. Es kann der (sehr einfache) Cover-Editor von Tredition verwendet werden, oder es kann ein selbst erstelltes Cover verwendet werden. Der Autor bekommt von Tredition drei ISBNs zur Verfügung gestellt für Taschenbuch, Hardcover und E-Book. Anschließend kann das Manuskript hochgeladen und mit einer Tredition-Vorlage modifiziert werden. Hierzu gibt es auch einen Impressum-Generator (mit eigener Anschrift des Autors oder als Impressum von Tredition, wobei letzteres kostenpflichtig ist) sowie die Möglichkeit, Barcode und ISBN auf dem Cover zu platzieren. So kann der Drucksatz erstellt werden. Auf iterativem Weg kann dann jeweils das Manuskript modifiziert und wieder ein neuer Drucksatz erstellt werden. Zuletzt erfolgt die Freigabe durch Tredition. Kostenpflichtiges Korrektorat und Lektorat sind optional. Tredition listet das freigegebene Buch in Datenbanken und sorgt dafür, dass das Buch im deutschen Buchhandel bei allen großen Online-Distributoren erhältlich ist. Auch das E-Book wird auf den bekannten Plattformen angeboten. Diese Distributoren ordern bei Nachfrage einfach Print-Exemplare bei Tredition, und Tredition druckt und liefert dann bei Bedarf. Dasselbe gilt auch für die Eigenexemplare des Autors. So ist es für Tredition-Autoren einfach und verhältnismäßig günstig, ein Buch zu veröffentlichen, auch wenn die Schwierigkeiten in der Praxis in kleinen Details auftauchen können. Allerdings beginnt erst nach der eigentlichen Publikation der steinige und von Autoren meist ungeliebte Prozess des Buch-Marketings. Denn nach der Veröffentlichung ist man als Selfpublisher ja weitgehend auf sich allein gestellt. Das heißt, man steht vor der Aufgabe, das eigene Buch irgendwie bekannt zu machen. Als Wege hierfür bieten sich, neben dem eigenen Freundes- und Bekanntenkreis, die sozialen Medien an, dann Lesungen, Besuch von Buchmessen. Deshalb mein Rat an Autoren und Autorinnen: Selfpublishing ist ein gangbarer Weg, bei dem man die Kontrolle über sein Manuskript behält. So groß die Freude nach erfolgreicher Publikation auch sein mag – ich bitte euch, das Thema Marketing nicht zu unterschätzen und dafür rechtzeitig viel Kraft und Zeit einzuplanen. Dies trifft allerdings auch auf alle kleineren Verlage zu, die ebenfalls nur über ein limitiertes Marketing-Etat verfügen.
Der Verlag hat uns inzwischen zugesichert, den KI-Schrott aus seinem Angebot zu streichen. Und Tredition hat die entsprechenden Schritte, so wie wir es überblicken können, auch unternommen. Das dürfte Ihnen als menschlichem Original-Autor gefallen, denke ich.
Ja, Herr Hanfeld – das freut mich sehr! Ich denke sogar, mich an eine E-Mail von Tredition zu erinnern, in der eine strengere Überprüfung von Manuskripten in Richtung KI-Herkunft angekündigt wurde. Hier vermute ich einen Zusammenhang mit Ihrem – außer der fälschlichen Verwendung des Covers meines Buches in diesem Kontext – ausgezeichneten Artikel.

vor 4 Stunden
1











English (US) ·