US-Bundesstaat: Wie Kalifornien Trump einfach weglächelt – und was wir davon lernen können

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Irgendwann taucht der peinlichste Präsident in der Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika dann doch noch auf, zwar nicht leibhaftig, dafür aber symbolträchtig. Vor einer Starbucks-Filiale in Huntington Beach, einem der vielen Millionenstadtstrände von Los Angeles, haben die Mitglieder eines Motorradklubs ihre chromblitzenden Harley-Davidsons zur Kaffeepause geparkt, und ein Radfahrer hat sich mit seinem klapprigen Gefährt frech dazwischengeschmuggelt, als sei er einer von ihnen. Das Design des Fahrrads imitiert mehr schlecht als recht den legendären Captain-America-Chopper, den Peter Fonda in „Easy Rider“ fuhr, während ein zerkratzter Aufkleber den Möchtegernrocker als Veteranen der Marines ausweist und zwei zerzauste Fahnen keinen Zweifel an seiner politischen Gesinnung lassen.

Die eine wirbt für den Präsidentschaftskandidaten Trump der Kampagne 2024, die andere will Amerika wieder ganz großartig machen. Und das alles wirkt wie die Angeberei eines kleinen Gernegroß, eines Krawallbruders im Geiste Donald Trumps, dieses selbst ernannten, Weltfrieden stiftenden Superkrieger-Riesenstaatsmannes, dessen Ego so voluminös wie eine Harley-Davidson und dessen Taktgefühl so mickrig wie das Chopper-Fahrrad ist – was wiederum dazu führt, dass er die Welt andauernd mit geschmacklosen Memes belästigt, die jeden Menschen von Minimalanstand vor Peinlichkeit die Schamesröte ins Gesicht trieben.

Ein König ohne Kleider, ein König ohne Land

In der Wahrnehmung des amerikanischen Präsidenten herrscht eine eigenartige Diskrepanz diesseits und jenseits des Atlantiks. Wir starren auf ihn wie die Schlange aufs Kaninchen, verfolgen mit obsessivem Schaudern jede seiner Verheerungen und jede seiner Albernheiten und bilden uns ein, in Amerika müsse es genauso sein. Doch zumindest in Kalifornien spielt Trump in den politischen Debatten bestenfalls eine Nebenrolle und bleibt im öffentlichen Leben so gut wie unsichtbar – ein König ohne Kleider, ein König ohne Land.

Nur sporadisch taucht er in den Zeitungen auf, etwa in den Kommentaren der „Los Angeles Times“, die lapidar konstatieren, dass die Kalifornier Trumps „schtik“ – seine Masche, abgeleitet vom jiddischen Wort für Stück – nicht mehr abkaufen, diese permanente Marktschreierei mit sofortigem Schwanzeinziehen. Und in kaum einem Vorgarten, auf fast keinem Autoheck künden Fahnen oder Aufkleber von politischen Präferenzen, schon gar nicht für Trump. Auch sonst wird rigoros an patriotischen Bekundungen gespart. Bettlakengroße Nationalflaggen wehen nur an Autohäusern mit amerikanischen Marken, und sollte jemand doch einmal die Sterne und Streifen hissen, werden sie gerne mit der Grizzlybärflagge Kaliforniens kombiniert – ein sicheres Zeichen dafür, dass sich die Menschen hier mindestens genauso sehr als Kalifornier wie als Amerikaner fühlen.

 Amerikanische Camper finden nichts dabei, mit ihren 500.000-Dollar-Wohnmobilen auf dem Parkplatz von Huntington Beach Urlaub zu machen.Asphalt-Cowboys: Amerikanische Camper finden nichts dabei, mit ihren 500.000-Dollar-Wohnmobilen auf dem Parkplatz von Huntington Beach Urlaub zu machen.Jakob Strobel y Serra

Washington und die Weltpolitik sind weit weg, die drängenden Probleme hingegen liegen vor der Haustür. Die hohen Lebenshaltungskosten, die exorbitanten Immobilienpreise, das miserable Gesundheitssystem, die Angst vor neuerlichen Waldbränden, die ein tiefes Trauma in Los Angeles hinterlassen haben: Das treibt die Menschen um, nicht die Hizbullah oder die Mullahs. Diese Themen bestimmen auch die Vorausscheidung für die Gouverneurswahl im November, die im Lokalfernsehen als verbale Schlägerei auf Catcherniveau ausgetragen wird. Die Kandidaten beschimpfen und verunglimpfen sich gegenseitig wie zeternde Waschweiber, bezichtigen sich wahlweise der Faulheit oder der Unfähigkeit, des Nepotismus oder der Korruption, kennen dabei weder Feind noch Freund – und Trump kann sich zumindest darüber freuen, in der Verrohung des politischen Diskurses den Ton anzugeben.

Die drei Freunde, die es sich mit ihren Ehefrauen und ihren kolossalen Wohnmobilen auf dem Strandparkplatz von Huntington Beach bequem gemacht haben, wissen um die Sprengkraft dieses Diskurses und meiden ihn wie der Teufel das Weihwasser. „Wir sind alle auf dieselbe Highschool gegangen, kennen uns seit einem halben Jahrhundert und haben begriffen, wie man Freundschaften bewahrt: indem man nie über die falschen Themen redet“, sagt uns das gesetzte Triumvirat aus Kalifornien, das sich selbst verfeindeten politischen Lagern zuordnet, doch das spielt für sie keine Rolle – ein pazifistisches Muster, das sich viele Kalifornier zu eigen gemacht haben. Nur bei einer Frage hören der Spaß und das strikte Schweigegebot über politische Ansichten auf, weil sich angesichts eines Durchschnittsverbrauchs der Wohnmobile von mindestens 30 Litern auf 100 Kilometer alle einig sind: Die Benzinpreise von mehr als sechs Dollar pro Gallone seien eine Schweinerei, fünfzig Prozent mehr als üblicherweise, und ganz allein verantwortlich dafür sei der Präsident mit seinem idiotischen Krieg gegen Iran.

Ein dreiflügeliges Luxus-Camping-Schloss

Jeden Mai und September treffen sich die drei Freunde am Strand, parken ihre linienbusgroßen, mit ausfahrbaren Seitensegmenten bestückten und auch sonst mit allem Superkomfort-Schnickschnack ausgestatteten Wohnmobile im rechten Winkel, schaffen sich so ein mobiles, dreiflügeliges Luxus-Camping-Schloss und lassen es sich in dessen Cour d’honneur mit Feuerstelle, Riesengrill, Liegestühlen und einem tragbaren Laufstall fürs Hündchen gut gehen.

Das alles erinnert uns an den rauen Charme eines Fernfahrerpicknicks auf einer Autobahnraststätte und wirkt angesichts des Neupreises von einer halben Million Dollar pro Wohnmobil ein wenig befremdlich. Doch genau dieses unorthodoxe, auf alle gesellschaftlichen Konventionen pfeifende Understatement macht Amerika so sympathisch – ihr Amerika, wie die drei vom Parkplatz mit patriotischem Stolz betonen, ihr Land, das sie nicht nur mit dem Wohnmobil, sondern auch sonst nie verlassen würden. Eine Unabhängigkeit Kaliforniens ist für sie undenkbar, obwohl der Bundesstaat als viertgrößte Volkswirtschaft der Erde dafür stark genug wäre. „We believe in America“, sagen sie im Brustton tiefster Überzeugung, und daran kann weder der 45. noch der 47. Präsident etwas ändern. Und die Frage, ob sie sich um das Image der Vereinigten Staaten in der Welt scheren, sparen wir uns angesichts des Reiseradius der drei Camper lieber.

 eine junge Surferin am Strand von Huntington Beach in Los AngelesWellenritt: eine junge Surferin am Strand von Huntington Beach in Los AngelesImago

Ihr Nachbar, ebenfalls mit einem Luxuswohnmobil für ein paar Hunderttausend Dollar ausgestattet, ist auskunftsfreudiger. Trump sei kein Politiker, sondern ein Geschäftsmann, der die Komplexität des politischen Betriebs nicht verstehe und deswegen schnell an seine intellektuellen Grenzen stoße. Im Übrigen entschuldige er sich bei uns aufrichtig für den peinlichen Rabauken im Weißen Haus, ein Satz, den wir pausenlos in Kalifornien hören. Doch damit wolle er sich jetzt nicht mehr herumplagen. Er sei jetzt Ende sechzig, beziehe eine gute Rente, genieße den Ruhestand, lasse sich nicht von Trump sein Leben vorschreiben, schaue weder CNN noch Fox News, habe zwar von den seltsamen Memes des Präsidenten als König Amerikas, Jesus Christus oder Star-Wars-Krieger gehört, kümmere sich aber nicht weiter darum und spüre außer den hohen Benzinpreisen nichts vom Washingtoner Schlamassel in seinem täglichen Leben. Ganz anders sei das mit der Politik des kalifornischen Gouverneurs Gavin Newsom, der gerne Trump beerben würde und mit seiner demokratischen Wohlfahrtspolitik das Leben in Kalifornien immer teurer mache. „Wir zahlen die höchsten Steuern in den Vereinigten Staaten und bekommen kaum etwas dafür“, sagt der Mann, der trotzdem niemals wegziehen würde, allein schon wegen des sagenhaft zuverlässigen Sonnenscheins am Pazifischen Ozean.

Wir können den Herrn gut verstehen, denn nicht nur dank des Wohnmobilparkplatzes bietet Huntington Beach genau die grenzenlose Freiheit, derer sich die Vereinigten Staaten selbst in Trumps Zeiten so gerne rühmen. 17 Kilometer ist der Strand lang, 200 Meter breit und derart großzügig dimensioniert, dass für jeden Badegast ein paar Hundert Quadratmeter Liegefläche übrig bleiben – schöne Grüße an die klaustrophobische Adria. Es ist die ideale Kulisse für einen Kurzurlaub von der Fünfzehn-Millionen-Megalopolis. Die einen spielen Beachvolleyball auf fast olympischem Niveau, die anderen treffen sich zum Strandparty-Picknick mit Kind, Kegel und Köter, die dritten Surfen eine Welle von solch zuverlässiger Regelmäßigkeit, dass Huntington Beach seit jeher als Amerikas „Surf City“ par excellence gilt – bis wieder einmal ein Weißer Hai für Steven-Spielberg-Stimmung sorgt und das Meer blitzartig entvölkert. Und keiner, den wir fragen, schert sich um das Irrlicht im Weißen Haus, sondern genießt lieber den kalifornischen Sonnenuntergang.

Die mexikanische Familie auf dem Campingparkplatz, die sich mit einem einfachen Wohnwagen für drei Generationen auf engstem Raum bescheidet, geht kein Hairisiko ein und verlegt sich lieber aufs Angeln am Pier. Seit 50 Jahren schuftet die Großmutter für kleines Geld in Kalifornien, erntet auf Feldern, putzt in Häusern, pflegt Menschen und ist trotzdem dankbar für ihr Leben. Sie habe Amerika so vieles gegeben und Amerika so vieles ihr, und dass sich der Präsident jetzt derart undankbar zeige, schmerze sie sehr. „Jeder von uns kennt jemanden, der deportiert wurde, der sich nicht mehr auf die Straße traut, der in ständiger Angst lebt“, sagt die alte Frau, die zu unserer Verblüffung dennoch nicht den Stab über Donald Trump brechen will, obwohl er seine Schergen der ICE als Erstes nach Los Angeles geschickt hat. Deportationen habe es immer schon gegeben, so sei es nun einmal in diesem Land, nur seien sie jetzt mit viel mehr Getöse verbunden.

„Der Präsident macht auch nur seinen Job, er hat seinen Plan, der mir nicht gefällt, aber ewig wird er nicht im Weißen Haus sitzen“, sagt die Großmutter. Ihr Sohn und ihr Enkel nicken zustimmend, während sie stoisch ihre Angelruten präparieren. Und wir denken beim Abschied von den Mexikanern und all den anderen Campern auf dem Parkplatz, dass die Gelassenheit eines gesunden Fatalismus, die sich Kalifornien in Zeiten des Trumpismus selbst verschreibt, auch für uns manchmal eine bessere Medizin sein könnte als die bittere Pille des permanenten Alarmismus.

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