Ute Nyssen blickt zurück: Die unsichtbaren Macher der deutschen Theaterlandschaft

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Verlage ohne Drucker, ohne Leser? Ja, gibt es. Zum Beispiel Bühnenverlage. Statt auf die Büchertische suchen sie ihre Texte auf die Bühnen zu bringen. Mehr fast als am Lektorentisch spielte sich bei ihnen die Arbeit, als es noch neue Stücktexte bekannt zu machen gab, im Reisen zu den Chefdramaturgen der Theater ab. Nicht selten waren sie graue Eminenzen bei der Gestaltung der Saisonprogramme. Der Rückblick einer Bühnenverlegerin ist deshalb auch ein Stück deutscher Theatergeschichte.

Im Fall Ute Nyssens, die 1963 bei Kiepenheuer & Witsch begann und 1981 zusammen mit Jürgen Bansemer in Köln einen eigenen Bühnenverlag gründete, ist es eine ausgesprochen bundesrepublikanische Geschichte: westorientiert, für englische und französische Autoren offen, experimentierfreudig, witzig, gern auch unterhaltsam, eher geschichtsfern.

Dann verweigerten die Aufführungsrechte

Wolfgang Bauer, Tankred Dorst, Fernando Arrabal, Brendan Behan, Paul Pörtner gehörten zu den ersten Autoren. Aktuelle Debatten um die Studentenbewegung, die sexuelle Befreiung, die RAF, den Radikalenerlass schwappten auch auf die Bühnen. Ute Nyssen erzählt die Episoden beschwingt zwischen Anekdoten und klugen Kurzanalysen zu den Stücken.

 „Ist’s vorüber, lacht man drüber“.Ute Nyssen: „Ist’s vorüber, lacht man drüber“.Theater der Zeit

Interessant ist etwa der Rückblick auf die Polemik 1983 um das Stück „Bruder Eichmann“ von Heinar Kipp­hardt. Dieser Autor, 1963 mit „In der Sache J. Robert Oppenheimer“ als Vertreter des Dokumentartheaters berühmt geworden, hatte in „Bruder Eichmann“ Dokumente aus dem israelischen Verhörprotokoll verarbeitet und dazwischen sogenannte Analogieszenen eingefügt mit Akteuren aus Vietnam, des Massakers in Beirut und anderen Gewaltereignissen. Er wollte damit hinter der Person Eichmann die „Eichmann-Haltung“ der Befehlsvollzieher sichtbar machen.

Nach der Uraufführung in München wollte das Kölner Theater das Stück nachspielen, aber nur mit den Analogieszenen, die in direktem inhaltlichem Bezug zu den nationalsozialistischen Verbrechen standen. Man könne so verschiedene Situationen nicht einfach mit dem Völkermord der Nationalsozialisten in Zusammenhang bringen, lautete die Begründung. Nyssen & Bansemer, mit ihrem Verlag nach Kipphardts Tod dessen Rechteinhaber, verweigerten die Aufführungsrechte für das Stück, sofern nicht mindestens zwei Drittel der Analogieszenen beibehalten würden. Die heftige Polemik trieb den jungen Verlag an den Rand der Krise. Die Autorin steht im Rückblick zur damaligen Entscheidung, gibt aber auch eigene Fehler zu, wie etwa den Vorwurf an die Theater, sie seien doch nur zu feige gewesen.

Die heutigen Romanbearbeitungen langweilen nur noch

Die Lust jener Jahre auf neue Stoffe und neue Formen, auf die Verbindung von Provokation und Qualität schwingt durchs ganze Buch. Man begegnet Woody Allen und Else Lasker-Schüler, Jérôme Savary und Christoph Marthaler. Bei Elfriede Jelineks Bühnenwerk, das Nyssen & Bansemer von 1976 bis zum Ende der Verlagstätigkeit im Jahr 2000 betreuten, bestand die lektorierende Hauptarbeit im Kürzen. Mit Tankred Dorst, der wohl einzige Nachkriegsdramatiker, so Ute Nyssens etwas kühne Anmerkung, der die Geschichtlichkeit des Menschen in seinen Stücken mitreflektiert habe, war die Beziehung etwas schwieriger. Dennoch gibt es im Buch schöne Sätze über ihn wie den, seine Figuren trügen „an den Schuhen immer eine viel ältere Zeit als die, in der sie leben“.

Zum Theater gehören aber auch Zwischenrufe. Die gegenwärtige Flut von Roman-, Drehbuch- und sonstigen Bühnenbearbeitungen, für eine neue Dramatik wenig ergiebig, animiere sie nicht einmal mehr zur Kritik, sondern langweile sie nur noch, lautet so ein Zwischenruf der Autorin.

Und in einem abschließenden Gespräch mit der Theaterkritikerin Simone Kaempf erklärt sie ihre Ablehnung der Theorie eines „postdramatischen Theaters“, schon aus dem Begriff. Das Wort „Post-“ bezeichne das, was chronologisch nach der Moderne kommt, Drama hingegen bezeichne eine Gattung, etwas ganz anderes als die Zeitkategorie „Moderne“. Da hört sich im Buch auch das aus dem Titel klingende Lachen – Replik eines Stücks von Eugène Labiche in der Übersetzung Jürgen Bansemers – endgültig auf. Bleibt das Erbe eines seriösen Verlags.

Ute Nyssen: „Ist’s vorüber, lacht man drüber“. Verlag Theater der Zeit, Berlin 2025. 268 S., geb. 22,– €.

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