Filmklassiker „Amreeka“: Der Reisepass ist nicht alles

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Die Regisseurin Cherien Dabis will ihrem Vater etwas beweisen. Sie ist in den Sieb­zigern in Nebraska geboren. Ihr Vater hat palästinensische Wurzeln, ihre Mutter kommt aus Jordanien. Als Dabis vierzehn Jahre alt war, erzählte sie ihrem Vater von ihrem Berufswunsch. Der erwiderte nur: „Du kannst keine Filmemacherin werden. Du bist Palästinenserin. Niemand wird sich dafür interessieren, was du zu sagen hast.“ Diese Worte hätten ein „Feuer“ in ihr entfacht, erklärte Dabis unlängst. Verleiht ihr Vater einem ­Gefühl Ausdruck, das viele Palästinenser teilen?

In ihrem ersten Langspielfilm „Amreeka“ (Arabisch für Amerika), der 2009 Premiere in Sun­dance feierte, greift sie das Thema auf: Muna Farah (Nisreen Faour), palästinensische Christin und alleinerziehende Mutter, arbeitet bei einer Bank in Ramallah und holt ihren Sohn Fadi von der Schule ab. Um nach Hause zu kommen – sie leben in Bethlehem –, passieren sie täglich einen Checkpoint mit israelischen Soldaten. Bei einer Kontrolle gerät Fadi in ein Wortgefecht und muss aus­steigen. Er solle sein T-Shirt hochziehen und sich mehrmals umdrehen. Die Folge: Er fühlt sich ge­demütigt. Deswegen denkt Muna darüber nach, auszuwandern. Sie bekommt eine Aufenthalts­genehmigung für die USA. „Das ist ein Traum“, sagt ihr Sohn, denn im besetzten Palästinensischen Gebiet sehe er keine Perspektive. „Wir leben hier wie Gefangene im eigenen Land.“

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Die Reise geht nach Illinois, wo Munas Schwester Raghda zusammen mit Mann Nabeel und drei Kindern lebt. Aus den Sprachschwierigkeiten bei der Einreise zieht die Regisseurin Dabis zunächst Komik: Auf die Frage, welche Staatsangehörigkeit sie besitze, antwortet Muna: „Wir haben keine.“ Was denn ihre „occupation“ sei? Muna sagt: „Die palästinensischen Gebiete sind seit vierzig Jahren besetzt.“ Dabei wollte der Offizier eigentlich wissen, welchen Beruf sie ausübt.

„Die werden ihn ­töten und dann uns“

Auf diese komische Szene folgt Ernstes. Muna und Fadi werden drei Stunden lang durchsucht. Sie sind im Amerika angekommen, das gegen den Irak ins Feld zieht. Außenpolitisch herrscht Krieg gegen den Terror, innenpolitisch ist die Stimmung auf­geheizt. Vor allem arabischstämmige Amerikaner werden angefeindet. So etwa auch Nabeel, der als Arzt arbeitet. Seit dem Irakkrieg würden viele Patienten seine Praxis meiden; die Familie erhält rassistische Drohbriefe, die sie mit dem Diktator Saddam Hussein vergleichen. „Die werden ihn ­töten und dann uns. Sie differenzieren nicht“, sagt Ragh­da.

Auch Fadi wird in der neuen Schule zur Zielscheibe, wird als „Saddam“ und „Bomben­leger“ beleidigt, und muss sich vor der Klasse für die Gründe des Terrorismus „rechtfertigen“. ­ Irgendwann sagt er: „Wir gehören nicht hierher.“ Doch seine Mutter impft ihm ein: „Wir haben das Recht, hier zu sein, wie jeder andere auch.“

Dabis hat eigene Erfahrungen aus der Zeit des ersten Golfkriegs einfließen lassen: Stereo­typen, die über Araber verbreitet wurden, Drohungen, Rassismus – und die Angst, dass man permanenter Flüchtling bleibt. „Ich bin damit aufgewachsen“, sagt sie, „den Kummer meines Vaters über den Verfall seines Heimatlandes mitanzusehen.“

Zwischen Heimweh und der Sehnsucht nach Freiheit

Vor diesem Hintergrund zählen die Momente der Reflexion zu den großen Stärken des Films. An einer Stelle sitzt Muna auf dem Bett und weint. Die Schwester will sie trösten und sagt, dass auch sie das Gefühl kenne: „homesick“, Heimweh haben. „Das ist wie ein Baum, den man rausreißt und dann wo­anders hinpflanzt. Aber der Baum lebt nicht.“ Die Entwurzelung, die Heimatlosigkeit, die Melancholie werden einfühlsam dargestellt. Sie prägen die palästinensische Identität – und sind wiederkehrende Topoi. Dazu passt die Filmmusik: „Jawaz al-safar“ (Reisepass) des libanesischen Komponisten Marcel Khalife, das auf dem gleichnamigen Gedicht des palästinensischen Dichters Mahmoud Darwish beruht.

Zudem arbeitet Dabis detailliert das Bild der palästinensischen Diaspora heraus: Bildung ist sehr wichtig – Muna zahlte viel Geld, damit Fadi auf eine Privatschule in Ramallah gehen konnte. ­Fadi will auf ein Arts College gehen, aber Muna möchte unbedingt, dass er Arzt wird. Im Hintergrund läuft immer der Fernseher, zeigt die Kriege im Nahen Osten. Dann sind da Diskussionen, Anrufe in die Heimat („Watan“), Wut auf die Politik des Westens und die eigene politische Führung, Frust über die Unfähigkeit, selbst etwas zu tun, und Oszillieren zwischen Integration und Assimilierung.

Die palästinensische Schauspielerin Nisreen ­Faour füllt ihre Hauptrolle phantastisch aus: charismatisch, empathisch, witzig. Sie verleiht dem Film die Leichtigkeit, die er braucht. Trotz der diffizilen Themen wirkt nichts anklagend oder larmoyant – es ist eine Mischung aus Drama und Komödie. Mit „Amreeka“ begann Cherien Dabis nicht nur, ihr „eigenes Trauma-Erbe“ zu erforschen. Sie hat die über Generationen hinweg entstandenen Komplexitäten palästinensischer Familien beleuchtet: die Sehnsucht nach Anerkennung und Selbstbestimmung, aber auch die Hoffnungslosigkeit, die weitergegeben wird.

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