„Inoffizielles Archiv“ aus China: Die versteckten Kameras der Volksrepublik

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„Ich kann mich nicht so genau erinnern“: So beginnt ein Dokumentarfilm von Zhou Qing über ein Vorkommnis während der Kulturrevolution, bei dem zwei Lehrer an einer Mittelschule in Xi’an von ihren Schülern erschlagen wurden. Der Satz wird zum Leitmotiv des ganzen Films, er kehrt immer wieder, wenn die Zeitzeugen, die damals sechzehn Jahre alten Klassenkameraden und Rotgardisten, nach Einzelheiten des grauenhaften Geschehens befragt werden. Hinter der Rekonstruktion des Falls kommt als das eigentliche Thema des Films immer mehr zum Vorschein, was der Astrophysiker und Dissident Fang Lizhi einmal die „chinesische Amnesie“ genannt hat: der Unwille, sich der schmerzhaften Vergangenheit zu stellen, wodurch jede Generation von Neuem in einem historischen Vakuum aufzuwachsen droht.

Doch ist der Film zugleich ein Beleg dafür, dass sich viele Chinesen damit nicht zufriedengeben, dass ihnen die Geschichte zu wichtig ist, als dass sie sie den offiziellen Versionen der Partei überlassen würden. „Unsere Arbeit hier hatte das Ziel“, sagt Filmemacher Zhou Qing aus dem Off, „jeden der Menschen, die damals in diese Geschehnisse verwickelt waren, zu der Geschichte, wie sie sich damals ereignete, zurückzubringen.“

Das Geschichtsbild der Kommunistischen Partei herausfordern

Den Film kann man samt englischen Untertiteln auf einer Website namens „China Unofficial Archives“ (minjian-danganguan.org) sehen, die als Ganzes das beeindruckende Dokument eines anderen, verblüffend heterogenen Chinas ist. In Berlin wird das Projekt jetzt seinen ersten öffentlichen Auftritt haben, wenn es vom 12. bis 14. März zusammen mit dem Filmkuratorenkollektiv CiLENS und dem „Berlin Contemporary China Network“ das Dokumentarfilmfestival „Unseen History, Unsettled Memories“ veranstaltet.

Das Archiv war 2023 aus einem Buch des amerikanischen Publizisten und Pulitzer-Preisträgers Ian Johnson hervorgegangen: „Sparks – China’s Underground-Historians and their Battle for the Future“. Er hatte dort chinesische Blogger, Filmemacher, Schriftsteller und Wissenschaftler porträtiert, die unter oft großen persönlichen Risiken das Geschichtsbild der Kommunistischen Partei herausfordern. Eine ganze „Bewegung von Untergrund-Historikern“, schrieb Johnson, habe in den letzten zwanzig Jahren Fahrt aufgenommen, verbunden bloß durch die Überzeugung, dass „eine moralische Gesellschaft nicht auf Lügen und Schweigen gegründet sein“ könne. Mit dem inoffiziellen Archiv will er nun die verstreuten, oft schwer auffindbaren Texte und Filme dieser sehr unterschiedlichen, getrennt voneinander arbeitenden Autoren der chinesischen Öffentlichkeit zugänglich machen.

Ins Innere der Debatten der Volksrepublik

Finanziert wird das Projekt durch mehrere Stiftungen aus der chinesischen Diaspora. Johnson selbst, der mittlerweile in Berlin lebt, wirkt als Koordinator und Übersetzer ehrenamtlich dabei mit, und ansonsten sind drei chinesische Rechercheure fest angestellt, die in Kanada und den USA wohnen. Jede Woche treffen sie sich einmal online zu einer Konferenz, in der sie besprechen, was als Nächstes veröffentlicht werden soll.

Pulitzer-Preisträger Ian JohnsonPulitzer-Preisträger Ian JohnsonChina Unofficial Archives

Natürlich wurde das Archiv im chinesischen Internet sofort gesperrt, aber wer über die Verschlüsselungstechnik eines VPN verfügt, kann es auch in der Volksrepublik nutzen. Johnson betont, dass sie sich nicht zum Fürsprecher bestimmter Positionen oder Personen machen, sondern einfach nur Materialien unterschiedlicher Richtungen bereitstellen wollen, die jeder auf seine Weise erkunden kann. Die Grundsprache ist Chinesisch; die meisten der bereitgestellten Bücher sind nicht übersetzt. Doch zu allen Materialien und deren Urhebern gibt es Einführungen, die auch auf Englisch verfügbar sind. So kann man auch aus der Ferne einen Einblick in das Innere von historischen Konstellationen und Debatten in der Volksrepublik bekommen, wie er sonst kaum irgendwo zu haben ist.

Zum Beispiel lernt man den radikalen Nonkonformismus der Dichterin Lin Zhao kennen, einer Art chinesischer Simone Weil, deren unbeugsamer Charakter für ganze Generationen unabhängiger Geister in China ein Vorbild gewesen ist. Das Archiv dokumentiert einen Film und ein Buch über sie sowie den 137 Seiten langen Essay, den sie 1965 in der Haft schrieb und an die Parteizeitung „Renmin Ribao“ schickte, bevor sie 1968 hingerichtet wurde. Als junge Frau war sie noch vor Gründung der Volksrepublik in den kommunistischen Untergrund gegangen, doch als sie während der Hundert-Blumen-Bewegung für Kommilitonen an der Peking-Universität Partei ergriffen hatte, wurde sie in der Anti-Rechts-Kampagne 1957 wie so viele andere Linke als „Rechte“ klassifiziert.

Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Es begann für sie eine Zeit immer neuer Verhaftungen, in der die ehemalige Methodistenschülerin sich schrittweise vom Klassenkampf löste und ihren christlichen Glauben wiederentdeckte. „Ich werde es nie für richtig halten“, schrieb sie aus dem Gefängnis, „dass es in der weiten Welt, die Gott uns zum Leben gegeben hat, für die Menschheit je die Notwendigkeit geben wird, sich in einem Kampf auf Leben und Tod zu verausgaben.“ Zugleich ermahnt sie die Kritiker der KP, „das Ziel unseres Kampfes nicht dadurch zu entwürdigen, selber eine Art Sklavenhalter werden zu wollen“. 1980 wurde Lin Zhao offiziell rehabilitiert, aber bis heute ist sie eine brisante Figur geblieben.

Was die Website auch für Westler zum Erlebnis macht, sind nicht sensationelle neue Enthüllungen, wohl aber ein Einblick in die Zwischenräume der chinesischen Gesellschaft, in die spezifischen Mischungsverhältnisse zwischen Eingebundensein und Kritik. China sei ein viel chaotischerer Ort, als man oft denke, sagt Ian Johnson. So handele es sich bei den meisten Beiträgern seines Archivs auch nicht um Fundamentaloppositionelle, die man im Westen als Dissidenten bezeichnen würde, sondern um Leute, die als Professoren, Redakteure oder Lektoren mit einem Bein innerhalb des Systems stehen und es dennoch wagen, mit dessen Narrativen zu brechen.

Der bisher nicht gezeigte Dokumentarfilm „Tiananmen“ liefert eine Momentaufnahme der chinesischen Gesellschaft kurz vor der Niederschlagung der Demonstrationen 1989.Der bisher nicht gezeigte Dokumentarfilm „Tiananmen“ liefert eine Momentaufnahme der chinesischen Gesellschaft kurz vor der Niederschlagung der Demonstrationen 1989.China unofficial Archives

Johnson, der viele Jahre für das „Wall Street Journal“, die „New York Times“ und die „New York Review of Books“ aus China berichtet hat, aber 2000 keine Verlängerung seines Journalistenvisums mehr bekam, will mit seinem Projekt nicht zuletzt gegen eine fatalistische Einstellung gegenüber China angehen. Weil sich der Staat unter Xi Jinping in eine noch autoritärere Richtung entwickelt hat, würden viele im Westen China jetzt abschreiben. Das aber werde all den Chinesen nicht gerecht, die ihre Möglichkeiten innerhalb des Landes nutzen, um sich gegen Unrecht und Lüge zu stellen.

Johnson weist darauf hin, dass der Sinn für Gerechtigkeit, Loyalität und Denkfreiheit tief in der chinesischen Tradition verwurzelt ist, vor allem in dem mehr als zweitausend Jahre alten Jianghu-Motiv, einem utopischen Ort zwischen Flüssen und Seen, von dem aus ritterliche Rebellen den Armen und Unterdrückten gegen korrupte Beamte beistehen.

Der Mensch hinter dem Großpropagandisten

So wirft der Newsletter, der dem Archiv beigegeben ist, auch die Frage auf, wie sich die Würde derer wiederherstellen lässt, die von der Partei auf bloße Zeichen des politischen Kampfs reduziert wurden. Die Frage nimmt Bezug auf das im Archiv dokumentierte Buch „Die Wahrheit über Liu Wencai“ von Xiao Shu, der nach dessen Erscheinen 1999 seine Stelle als Dozent für die Geschichte der Kommunistischen Partei aufgeben musste.

Den schon 1949 verstorbenen Liu Wencai hatte die Propaganda in den ersten Jahrzehnten der Volksrepublik als Prototyp des ausbeuterischen Großgrundbesitzers aufgebaut, etwa in der monumentalen Skulpturengruppe „Der Hof für die Pachteinnahme“, die im kollektiven Gedächtnis Chinas einen zentralen Platz einnahm. Xiao Shu versuchte mit seinen detaillierten Recherchen nun, den Menschen dahinter freizulegen. Er stellte fest, dass die Familie Lius aus dem politischen Vakuum der Warlord-Ära nach dem Ende der Qing-Dynastie tatsächlich Profit geschlagen hatte, dass Liu Wencai selber aber später einen Großteil seines Vermögens in öffentliche Wohlfahrt, in Straßen, Schulen und die Unterstützung verarmter Familien investiert hatte.

Aufgezeichnete Gespräche in einem Pekinger Taxi

Die Veröffentlichungen des Archivs reichen bis in die Gegenwart heran, etwa zur Aufarbeitung des COVID-Lockdowns in Wuhan oder zu einer Dokumentation feministischer Aktionen in China von 2020 bis 2023. Viele der Beiträge sind einfach dadurch „inoffiziell“, dass sie an der Stelle der sterilen Propagandaschablonen nicht vorsortierte Wirklichkeitssplitter präsentieren – zum Beispiel wenn Fan Jian über Monate hinweg mit versteckter Kamera die Unterhaltungen in einem Pekinger Taxi aufzeichnet. Oder wenn Duan Jinchuan in seinem Dokumentarfilm „The Secret of my Success“ einen großsprecherischen Familienplanungsfunktionär vorstellt, der um seinen Kopf fürchtet, weil eine schwangere Frau in seinem Dorf sich seiner Kontrolle entzogen hat. „Das hat nichts mit uns als Individuen zu tun“, beschwört die verzweifelte Dorfvorsteherin den Ehemann der flüchtigen Frau: „Das ist eine nationale Angelegenheit.“ Der seltene Einblick in das trostlose Innere der Machtmechanik lässt den Horror der erst 2016 abgeschafften Einkindpolitik nur um so markanter hervortreten.

Auch die öffentlich bisher nicht gezeigten Dokumentationen, die das vom Archiv veranstaltete Berliner Filmfestival jetzt im März präsentiert, sind einem solchen Realismus verpflichtet. Die Filme stammen von einer Gruppe von vier Pekinger Filmemachern namens SWYC, die Ende der Achtzigerjahre zusammenfand. Drei von ihnen arbeiteten damals bei staatlichen Fernsehanstalten. Der längste Film, „Tiananmen“, erkundet in acht fünfzig bis sechzig Minuten langen Teilen die Gegend rund um den Pekinger Platz des Himmlischen Friedens und entwirft so eine Momentaufnahme von China im symbolträchtigen Jahr 1989, von Avantgardekünstlern und Intellektuellen, von den letzten noch lebenden Zeitzeugen der Qing-Dynastie bis zu denen, die sich am Rande der Gesellschaft durchschlagen.

Der Film war ursprünglich für das staatliche Fernsehen produziert worden, doch nach den Demonstrationen hielten die Zensoren seinen Titel und seinen Realismus offenbar für zu brisant, um ihn noch auszustrahlen. Andere Filme zeigen das Leben Pekinger Studenten drei Jahre nach den Unruhen und das Innere von Umerziehungseinrichtungen für Jugendliche. Eine Podiumsdiskussion bringt die Filmemacher mit chinesischen Intellektuellen zusammen, die in Deutschland leben, und verbindet das Pekinger Umbruchsjahr so mit der Berliner Gegenwart.

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