Der öffentlich-rechtliche Rundfunk steht unter einem Verdacht: Er rekrutiere überwiegend Redakteure links der Mitte und sei gegenüber Vertretern von Parteien dieses Spektrums wohlwollender. Interviews mit Konservativen, Bürgerlichen und Rechtsextremen verkämen deshalb zu Verhören. Interviews mit Politikern von Grünen, Sozialdemokraten und Linken seien Gespräche unter Freunden.
Egal, wo Journalisten weltanschaulich stehen, kritisches Nachfragen gehört zum Handwerk. Und die Herausforderungen politischer Parteien lassen sich am besten dadurch aufzeigen, wie sie mit Widersprüchen umgehen. Im ZDF-Sommerinterview mit dem Vorsitzenden von Bündnis 90/Die Grünen, Felix Banaszak, ist das gut gelungen. In den 20 Minuten Zwiegespräch an der Havel in Brandenburg, nahe seinem neu errichteten Regionalbüro, konnte er nie ins ausschweifende Erzählen kommen, sondern sah sich einem Stakkato kritischer Fragen ausgesetzt.
Nun steht Moderator Wulf Schmiese, ehemaliger Redakteur der konservativen Zeitungen „Die Welt“ und F.A.Z., nicht im Verdacht, es rot-grünen Politikern leicht zu machen. Seine Fragen zu den Themenkomplexen Ostdeutschland, Enteignungen auf dem Wohnungsmarkt, Beliebigkeit der Partei, teure Energiewende und Migration waren so gestellt (und durch gut getimte Nachfragen zugespitzt), dass sich Banaszak nie in seine Komfortzone zurückziehen konnte.
Image als Wohlstands-Besserwessi-Partei
Dabei gestand der Ko-Vorsitzende seiner Partei ein, dass die Ausgangslage in Ostdeutschland schwierig war. Er merke aber bei seinen vielen Begegnungen im Wahlkampf für Sachsen-Anhalt, dass das Interesse zurückkomme. Die Bündnis-Grünen, wie er im Respekt auf die Parteihistorie im Osten formuliert, gäben weder Brandenburg (wo sein Büro steht) noch den Osten auf.
Ob die Partei hier unter einer Wohlstands-Besserwessi-Erblast leide, fragte ihn Schmiese. Der Wahlkampf 1990 („Alle reden von Deutschland. Wir reden vom Wetter“) sei ein historischer Fehler gewesen. Wenn man überall im Land Teil der Gesellschaft sein wolle, müsse man von beidem reden. „Dass wir beim Wetter heute fast die einzigen geworden sind, die die klimatischen Änderungen thematisieren, ist dramatisch“, sagte Banaszak. „Aber das hält uns nicht davon ab, das weiter zu tun.“
Mit Blick auf die Abgeordnetenhaus-Wahl in Berlin bemühte sich der Moderator, den Politiker auf eine klare Haltung zum Thema Enteignungen festzunageln. Dieser setzte an zu einer Grundsatzüberlegung, dass Parteien des demokratischen Spektrums nicht zu viele Bedingungen stellen sollten, um nicht die wenigen übrig bleibenden Bündnisse auszuschließen. „Berlinerinnen und Berliner sollen erstmal entscheiden, wem sie am meisten zutrauen, die Stadt nach vorne zu bringen“, sagte Banaszak. Ein Anzeichen, der in einer Umfrage ermittelten Beliebigkeit, auf die Schmiese anschließend einging?
Banaszak wünscht sich einen Wettbewerb um Klimapolitik
Zumindest warf der Grünen-Chef den Vorschlag ein, leerstehenden Büroraum in Berlin für Wohnungen umzuwandeln. Es dürfe nicht sein, dass sein Erlebnis, als Student in die Stadt zu kommen und dort erschwinglich zu wohnen, heute nicht mehr möglich sei. Zweimal hakte der Moderator ein, um eine für alle Zuschauer verstehbare Haltung zur Ausgangsfrage sichtbar zu machen. Dann leitete er dazu über, wie er eine Zusammenarbeit mit der Nachfolgepartei der SED in östlichen Bundesländern rechtfertigen könne. Linken-Chefin Heidi Reichinnek wolle keine Massenausweisungen. Außerdem dürfe die Verantwortung für Schulen nicht in die Hände von Verfassungsfeinden geraten.
Nachdem Schmiese die Umfrage zitierte, die der Partei eine Beliebigkeit attestierte, wurde Banaszak grundsätzlicher. Viele, besonders auch Journalisten, hätten den Grünen vorgehalten, angesichts der deutschen Industriekrise am Klima-Thema festzuhalten. Nun habe ihm kürzlich eine ältere Frau in Sachsen-Anhalt erzählt, sie und ihre Freundinnen verließen wegen der Hitze die Wohnung nicht mehr. Menschen litten unter der Hitze. Er wünsche sich statt Ignoranz einen Wettbewerb um die beste Klimapolitik.
Für Schmiese war das eine Steilvorlage, denn die deutsche Energiewende gilt im internationalen Vergleich als besonders stark reguliert und deshalb teuer. Den Kindern und Enkeln müsse ein lebenswerter Planet hinterlassen werden. Wohl niemand bezweifelt das, aber wie dies am besten im Einklang mit wirtschaftlichen Notwendigkeiten geschehen kann, dazu hat Banaszak in diesem Interview keinen Beitrag geleistet.
Antworten werden durch kritisches Nachfragen schärfer
Wieder etwas schärfer hakte der Moderator zu seinen beiden Fragen aus dem Komplex Migration nach: Wo die von den Grünen in Aussicht gestellten wirtschaftlichen Schäden durch Grenzkontrollen blieben, wollte er vom Parteichef wissen. Der ging auf diverse Widersprüche ein, unter der Logistikunternehmen litten. Und dann gab er dem Bundesinnenminister von der CSU einen mit: „Ich möchte nicht, dass Alexander Dobrindt ernsthaft weiter die Geschichte erzählt, dass die Grenzkontrollen in Frankfurt an der Oder dazu geführt haben, dass in Syrien ein Diktator gestürzt wurde und deshalb Menschen nicht mehr nach Deutschland kommen.“ Ob er das wirklich einmal so postuliert hat, muss der Faktencheck klären.
Der kürzliche Ansturm auf die spanische Enklave Ceuta stelle die Haltung der Grünen nicht in Frage, sagte Banaszak. „Wir wollen keine illegalen Grenzübertritte einfach dulden, aber ich will ein bisschen Menschlichkeit in diese Debatte zurückholen“, sagte er. Der Moderator hielt ihm eine Aussage seines frühen Vorgängers Ralf Fücks (heute Geschäftsführender Gesellschafter des Zentrums Liberale Moderne) vor, die Partei stehe in einem permanenten Lernprozess.
Das wertete Banaszak aber nicht so, dass die Grünen im Rückblick öfter falsch lagen als andere. „Die Selbstkritik, die wir – ich glaube – sehr stark verinnerlicht haben –, würde ich mir manchmal von anderen auch wünschen“, sagte er sogar. Wenn die Wahlen in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin nicht zufriedenstellend ausgingen, werde er sich einer Aufarbeitung stellen. Bis dahin kämpfe er aber dafür, dass Bündnis 90/Die Grünen dort Politik mitgestalten können.
Das Sommerinterview sollten sich die Spitzen von ARD und ZDF zum Vorbild nehmen. Für die 20 Minuten des Gesprächs hat der Moderator einige der wunden Punkte der Partei identifiziert und durch eine straffe Gesprächsführung einen Spitzenpolitiker herausgefordert. Dass dadurch auch seine Antworten schärfer werden, ist der Gewinn für den Interviewten. Dass Zuschauer einen guten Eindruck davon bekommen, ob sich ein Gesprächspartner windet oder konstruktive Vorschläge hat, nutzt der interessierten Öffentlichkeit.

vor 5 Stunden
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