Ziemlich genau zehn Jahre ist es jetzt her, dass Emma Cline mit ihrem Debüt „The Girls“ über die Frauen aus der mörderischen Manson-Sekte berühmt wurde. Seither hat die Kalifornierin in ihren Büchern von Männern und Frauen erzählt, von Macht und Sex, von Ausbeutung und Überlebenswillen, von den Regeln einer Gesellschaft, die zwar keine Klassen mehr zu kennen vorgibt, sich aber immer noch in Oben und Unten teilt, umso größer die Angst vor dem Absturz und die Gier nach mehr. In Clines neuem Roman reist David, ein älterer, gut situierter Herr mit seiner Assistentin Cody in die Schweiz, um dort begleitet zu sterben und auf dem Weg dorthin noch die Dinge seines Lebens zu regeln: Denn David schwinden die geistigen Kräfte. Auch das ist die Geschichte eines Machtverlusts, die Emma Cline beschreibt, in ruhigem Ton, aber nicht ungerührt.
Wie kamen Sie auf die Geschichte von David?
Es begann damit, dass ich vor Jahren in der „New York Times“ über jemanden gelesen habe, der sich für Sterbehilfe entschieden hatte und mit seinen Freunden noch eine Party gefeiert hat. Dieses Set-up hat mich nicht losgelassen. Wir werden ja alle sterben, es ist die große Tatsache unseres Lebens – nur halten wir sie aus unserem Bewusstsein fern. Aber was macht es mit dir, das Sterben total bewusst zu erleben, wenn es dann so weit ist? Ich hatte mich damals noch nicht auf die Form der Geschichte festgelegt, es kam dann alles auf einmal. Was komisch war, ich habe das gerade in meinen Tagebüchern nachgelesen: Es war ein einziger Tag, an dem ich mir die ganze Geschichte ausgemalt habe, in breiten Strichen. Ich arbeite immer stark auf einen Ton oder eine Atmosphäre hin, bei dieser Geschichte war da sofort so ein kühles Februargefühl, diese Einsamkeit und dann das Bild der Figur, David, wie er in einem kleinen Flugzeug durch die Nacht fliegt.
Er fliegt über London, wo er die Familie seiner Tochter besucht, nach Zürich, wo er noch eine Jugendliebe trifft. Assistiertes Sterben ist auch in einigen Bundesstaaten der USA möglich. Warum die Schweiz – weil Sie einen fernen Ort als Metapher brauchten? Für den Übergang ans Ende?
Es gibt zwei Antworten darauf: Seit ich mit dem Schreiben angefangen hatte, hat sich die Gesetzgebung bei uns sehr schnell verändert, Staat um Staat, jetzt, da das Buch fertig ist, ist sie auch in Kalifornien möglich, besonders bei der Diagnose Alzheimer. Aus künstlerischer Sicht geht es um das Drama einer Reise: Der Tod als unbekanntes Land, dessen Sitten und Gebräuche man nicht kennt, aber jetzt ist man halt dort angekommen. Ich bin nur ein paarmal in der Schweiz gewesen, mit gefiel sie als Schauplatz, an dem jemand landet, der weiß, dass es der letzte Ort ist, den er je besuchen wird.
Aus deutscher Sicht leuchtet die Schweiz ein, bei uns ist assistiertes Sterben seit 2020 auch möglich, in den Jahren davor wurde aber intensiv über die Fälle aus der Schweiz debattiert.
Ja, Dignitas ist die bekannteste Einrichtung. Auf deren Website habe ich mir Videos angeschaut, das war interessant, was hängt man im Sterbezimmer an die Wände, wie entscheidet man sich da und warum? Mich fasziniert der Druck, der dabei entsteht. Und auch, wie die Menschen dort in Interviews davon erzählen, warum sie für andere Menschen diese Art Sorge leisten.
Auch in Ihren anderen Büchern gibt es mythologische Elemente wie das Reisen, in der „Einladung“ war es das Wasser. Im neuen spielt sich das Motiv aber viel stärker nach vorn. Warum?
Ich glaube, ich suche in meinen Büchern nach etwas, das über den festen Boden der Realität hinausgeht. Bei der „Einladung“ wollte ich, dass sich die Geschichte wie aus der Zeit gefallen liest, und ich wollte auch da von einer Suche erzählen, gespenstisch irgendwie. Beim neuen Buch ging es auch um die metaphysischen Aspekte der Reise: der Fährmann, der dich über den Styx bringt. Jemand, der dir auf der Reise hilft, aber die letzten Schritte musst du allein machen. Ich glaube, das ist so furchteinflößend am Tod: Egal wer du in deinem Leben warst, das musst du allein hinter dich bringen.
Sie erzählen vom Sterben, aber auch vom Vergessen und mussten dafür eine erzählerische Form finden. Wie haben Sie die entwickelt?
Ich weiß nicht, warum für mich personales Erzählen so gut funktioniert, aber es ist fast so, als wäre man noch stärker in einer Figur drin, als wenn man aus der Ich-Perspektive erzählt. Es war eine Art Monolog: Ich musste die Welt kennen, aus der ich erzähle, und dann habe ich improvisiert. Ich weiß nicht, ob das Ihre Frage beantwortet, ich habe noch nie so genau darüber gesprochen, wie ich das gemacht habe. Ich habe bestimmte Dinge benutzt, die immer wieder in meinem eigenen Kopf herumgehen, Lieder, Zeilen, habe das dann literarisiert und versucht zu zeigen, warum manches hängen bleibt und anderes nicht. Dieser Drift. Manchmal wissen Sie als Leser auch mehr als David.
Immer wieder aber übernimmt die Erzählung auch das, was David aus dem macht, was er vergessen hat. Eben weiß er noch etwas, dann ist es verschwunden, ersetzt von einer Variante davon, ohne aber dass David weiß, dass er da überhaupt etwas ersetzt hat. Der Effekt ist verstörend, schon beim Lesen gerät die Welt ins Rutschen.
Emma Cline: „In die Schweiz“HanserIch habe Menschen um mich herum, die dement waren oder es sind. Mit ihnen Zeit zu verbringen, hat auch dazu beigetragen, mir vorzustellen, wie das sein könnte – aber wie sollte man das je wissen, bevor man es weiß? Man ist ja auf der anderen Seite. Man kann das Bewusstsein anderer Menschen nicht verstehen. Das Schreiben ging wie in einem Rutsch, das war erstaunlich fluide. Ich habe nicht intensiv daran gearbeitet. Vielleicht war es total naiv von mir, mich so an diese Geschichte zu setzen, aber es fühlte sich an, als würde ich diese Welt kennen. Und dann konnte ich, während ich mich in ihr bewegt habe, herumspielen und abrutschen.
Alterserscheinungen wie Demenz oder Alzheimer kennen heute viele Menschen aus der eigenen Familie, dem Umfeld. Ist es nicht eigenartig, dass es allen zwar vertraut ist, aber gar nicht so leicht zu sein scheint, darüber öffentlich zu sprechen, etwa wenn es um Politiker und Prominente geht? Ist Ihr Buch ein Versuch, das Thema zur Sprache zu bringen?
Ich möchte nie mit einem Buch irgendein Thema zur Sprache bringen. Selbst im Fall des neuen Buchs ging es mir nicht darum, über Sterbehilfe zu schreiben. Es ist eher so, dass so ein Buch auftaucht und ich dann merke, dass es zu Dingen passt, die gerade passieren. Aber es ist seltsam: Gerade war es besonders heiß hier, ich hatte nichts vor, also bin ich in die „Presidential Library“ von Ronald Reagan gegangen.
Interessantes Ausflugsziel.
(Lacht.) Ich interessiere mich gar nicht besonders für Ronald Reagan. Man läuft durch dieses riesige Museum, da ist ein Nachbau vom Oval Office, da ist das Glas mit den Jelly Beans, die er immer gegessen hat, da steht die Air Force One – in jedem Raum geht es um diese überlebensgroße Figur. Und dann, im letzten Raum, hat Reagan Alzheimer. Und verliert all das, durch das man eben noch in diesem Museum gelaufen ist. Eben warst du noch der Präsident der Vereinigten Staaten, jetzt hast du gar nichts mehr. David ist natürlich nicht der Präsident der Vereinigten Staaten, aber wir alle haben ein Leben zu verlieren, eine Geschichte, all das, mit dem wir unser Leben ausstaffieren. Und all das auf diese Weise zu verlieren, ist grausam.
Sie haben immer wieder über Männer geschrieben, die Macht haben oder sie verlieren. Auch David verliert seine Macht, aber nicht wegen seines Verhaltens: Sein Körper macht nicht mehr mit. Wie haben Sie sich auf die Beschreibung seines Endes eingelassen?
Ich habe gerade einen befreundeten Autor gefragt, wie der seine Geschichten beendet. Und er hat geantwortet: Das einzig echte Ende ist Sterben. Alles andere, was wir in Geschichten und Filmen und Songs tun, ist nur Training. Ich habe das Buch chronologisch geschrieben, auf das Ende hin, im Vertrauen darauf, dass mich der Sog schon tragen wird. Ich hatte genug recherchiert, um zu wissen, was in diesem Sterbezimmer passieren wird. Aber ich komme erst dazu, es zu schreiben, sobald ich da bin. Und ohne zu wissen, was der letzte Satz sein wird. Wenn der dann kommt, weiß ich es, und dann ist es fertig.
Als Sie im Sterbezimmer ankamen, wussten Sie, wie Sie es schreiben können?
Diese letzten Szenen gehören zu den Gründen, warum es dieses Buch überhaupt gibt. Ich wollte es schreiben, um zu erfahren, wie es ist, in diesem Sterbezimmer zu sein, wohin der Geist wandert. Ich kann mich natürlich nur in diese Situation hineinversetzen: Aber da ist der riesengroße Wunsch, dass alles etwas zu bedeuten hat. Und auch ein bisschen Ungeduld, dass es nach der ganzen Vorbereitung endlich vorbei ist.
Haben Sie sich davor gefürchtet, diese Szenen zu schreiben?
Wie meinen Sie das, gefürchtet?
Die amerikanische Schriftstellerin Emma ClineRicky SaidIn dem Sinne, dass Sie ihn jetzt sterben lassen und auch dabei sind.
Es gab schon Furcht, aber es lief ja alles darauf hinaus, es war ja die Intensität dieser Erfahrung, warum ich überhaupt darüber schreiben wollte. Mich dem auszusetzen, den intensiven Augenblicken, diesen Momenten von Langeweile und Banalität. All das erscheint mir so menschlich. Mich reizt es, erzählerische Erwartungen zu unterlaufen, zum Beispiel dass man eine tiefe Erkenntnis finden wird – vielleicht sieht es ganz anders aus, als wir erwartet haben. Oder wie es im Film wäre. Wir füllen unser Leben mit Geschichten, mit Aufgaben, mit Titeln: Ich bin Emma, ich bin Schriftstellerin, hier sind meine Bücher. Wir machen uns Illusionen, die uns so viel bedeuten und von denen wir denken, dass wir das sind. Aber diese Illusionen dann so fundamental zu verlieren – es ist nicht leicht, darüber zu reden, wie Sie schon gesagt haben. Weil wir auf Vorstellungen von Macht und Erfolg bauen und zu denen aufschauen, die das symbolisieren, gerade in den USA. Zu erleben, wie ein Präsident so schwinden kann, zeigt uns, dass es uns allen passieren kann.
Man denkt ja auch, dass man auf keinen Fall mit einem Flugzeug abstürzen wird, wenn ein berühmter Mensch mit an Bord ist.
Genau. Ich denke oft daran, wie Filme uns trainieren, bestimmte Momente in unserem Leben zu leben – und wie verstörend es dann ist, sie wirklich zu erleben. Ich hatte einen Autounfall, das Auto hat sich überschlagen und ging in Flammen auf, es war wie im Film, aber eben auch gar nicht, es ist dein ganz normales Leben, und das zu erkennen, war wirklich seltsam. Die Autorin Mary Gaitskill hat einmal in einem Essay sinngemäß geschrieben, dass man eine Ahnung davon bekommt, wie absolut unverständlich einem der Mensch ist, wenn man bei einem Sterbenden ist. Und dass wir nichts davon wissen, wer wir sind und was unsere Leben bedeuten. Ich versuche immer, auf dieses Mysterium hinzuschreiben. Dass wir es einfach nicht wissen.
Emma Cline, „In die Schweiz“. Roman. Aus dem Englischen von Nikolaus Stingl. Hanser, 384 Seiten, 25 Euro.

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