Raub von vier Antonello da Messinas: Für seine Bilder ließe man die Mona Lisa hängen

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Frankreich hat seine Trias schrecklicher Kunstdiebstähle hoffentlich hinter sich, nun scheint Italien an der Reihe. Der Pariser Louvre-Kronjuwelendiebstahl im Wert geschätzter 88 Millionen Euro, die aus dem elsässischen Lalique-Museum geraubten Jugendstil-Preziosen, deren Marktpreis auf mindestens 4 Millionen Euro geschätzt wird, sowie der unschätzbar wertvolle keltische Halsring von Vix mit 480 Gramm puren Goldes sind noch frisch in Erinnerung. Und schon bricht die nächste Katastrophe herein: Aus dem Regionalmuseum der sizilianischen Stadt Messina, nach der einer der bedeutendsten Renaissancemaler, nämlich Antonello da Messina, benannt ist, sind vier von dessen kostbaren, weil raren Gemälde geraubt worden. Der Verlust muss – leider – den Vergleich mit dem der Pariser Juwelen nicht scheuen: Erst Anfang des Jahres kaufte der italienische Staat Antonellos winziges Gemälde „Ecce Homo“ für rund 12 Millionen Euro vor einer drohenden Sotheby’s-Auktion.

Dabei wirkt der Tatort, das im Stil des Betonbrutalismus errichtete Regionalmuseum Accascina in Messina, von außen wie eine fensterlose, uneinnehmbare Festung. Mit seinen an der Fassade entlanggeführten Aufgängen in Sichtbeton nach dem Vorbild der ebenfalls außen liegenden Rolltreppen des Pariser Centre Pompidou werden sogar Wehrgänge des Mittelalters zitiert. Dennoch hinderte das äußerliche Abschreckungspotential die unbekannten Diebe in der Nacht von Samstag auf Sonntag nicht daran, die gesicherten Vitrinen aufzubrechen und die darin präsentierten Gemälde Antonello da Messinas zu rauben. Von den schnell und gezielt vorgehenden und das Überwachungssystem außer Betrieb setzenden Dieben fehlt bislang jede Spur.

 die Außenansicht und der Eingangsbereich des Regionalmuseums Accascina in MessinaLeider doch einnehmbare Festung: die Außenansicht und der Eingangsbereich des Regionalmuseums Accascina in MessinaFrancesco Algeri/IPA via ZUMA Pr

Da Messinas „Madonna mit Kind und Franziskaner“ ist ein Meisterwerk

Die Täter entwendeten drei der fünf Tafeln des „Polyptychons von San Gregorio“, eines mehrteiligen Altarbildes aus dem fünfzehnten Jahrhundert. Außerdem stahlen sie eine beidseitig bemalte Holztafel mit Darstellung der „Madonna mit Kind und einem Franziskaner in Adoration“ vor spektakulär schwarzem Hintergrund auf der Vorderseite und verso einem Christushaupt auf Goldgrund in gemaltem Steinvierpass mit direkter Blickbeziehung nach unten zum Gläubigen. Diese typischen Anbetungsmotive der devotio moderna, der „zeitgemäßen Andacht“ des fünfzehnten Jahrhunderts als Glaubensreform, welche die Bilder aus den Kirchen in die Privatkapellen und Räume der Wohnhäuser umlenkte, sind als Kunstwerke selbst anbetungswürdig.

 die gestohlene „Madonna und Christuskind mit Franziskaner in Adoration“ von der Vorderseite der aus dem Museo Regionale Accascina in Messina gestohlenen Doppeltafel Antonello da MessinasTreppe des Heils: die gestohlene „Madonna und Christuskind mit Franziskaner in Adoration“ von der Vorderseite der aus dem Museo Regionale Accascina in Messina gestohlenen Doppeltafel Antonello da MessinasReuters

Wie Antonello schon beim genannten „Ecce Homo“ das übliche Bildformular aufbrach und den sonst buddhistisch ruhig verharrenden Christus bei der Vorführung durch Pilatus gewissermaßen aus dem Bild greifen lässt, blickt auch der Kopf des dornengekrönten Passionschristus von der Rückseite gütig direkt zum Betrachter nach unten, um mit der Hand seines nur zu imaginierenden Körpers wohl in Richtung des anbetenden Franziskaners zu langen. Der stolz wie ein Schmuckstück getragene Passionsstrick um seinen Hals als umgewertetes Marterwerkzeug jedenfalls zeigt unübersehbar mit dem markanten Knoten auf der Brust eines der Zeichen der Christusnachfolge des Franziskanerordens, die am Gürtel ihrer grauen Kutte bis heute drei Knoten vorweisen. Einen solchen Habit hinter ebenfalls steingrauer Fensterbank trägt der im sogenannten Bedeutungsmaßstab deutlich kleiner vor der Madonna kniende mutmaßliche Stifter der Doppeltafel, während das Christuskind ihm in dieser gewagt halbierten Pyramidalkomposition weit entgegenkommt.

Dass die Diebe nur drei der Tafeln des „Polyptychons des Heiligen Gregor“ und nicht den gesamten Altar stahlen, kann eigentlich nur mit der teils monumentaleren Größe der zurückgelassenen Bilder zusammenhängen. Eigenhändig vom Meister gemalt sind alle Teile.

 Antonello da Messinas 1473 entstandenes „Polittico di San Gregorio“, von dem nun drei Tafeln aus dem Museo Regionale Accascina in Messina geraubt wurdenDie Überlebenden: Antonello da Messinas 1473 entstandenes „Polittico di San Gregorio“, von dem nun drei Tafeln aus dem Museo Regionale Accascina in Messina geraubt wurdenReuters

Antonello da Messina darf als einer der bedeutendsten Renaissancemaler gelten. Wenn der angesichts des Raubs bestürzte italienische Kulturminister Alessandro Giuli über die Werke äußerte, sie seien „für das kulturelle Erbe Italiens von außerordentlichem Wert“, muss unbedingt hinzugefügt werden: für das kulturelle Welterbe. Denn ein vielleicht überraschendes Geständnis des Kunstkritikers würde lauten: Für die in das tiefste Blau der Erde getauchte Verkündigungsmadonna Antonellos in Palermo von 1475, die durch ihre raffinierte Geste auf alles Weitere wie den Verkündigungsengel Gabriel verzichten kann, würde man ohne Zögern die Mona Lisa hängen lassen. Weitere überragende Meisterwerke des Malers sind der „Salvator mundi“ aus der Londoner National Gallery sowie das Spätwerk „Sankt Sebastian“ in der Gemäldegalerie Alte Meister in Dresden, auf dem der Blick des stoischen Märtyrers abermals zum Betrachter nach unten geht und das der Sizilianer in Venedig malte und mit einer schrägen Formanalogie antiker Säulen und der typisch venezianischen Rundschornsteine versah.

Wie so oft bei Kunstdiebstählen in Italien stellt sich die Frage: „Cui bono?“ Verkaufen kann man diese bunten Hunde unter den Renaissancegemälden nicht einmal an den abgebrühtesten Schwarzhändler, für einen reinen Trophäenjäger, der sich die Tafeln nur in den Safe hängen würde, scheint das Craquelé auf dem Madonnen- und Christus-Doppelbild zu stark. Speziell bei italienischen Kunstraubzügen gibt es daher seit Jahren die berechtigte Annahme, die Mafia halte derartig hochkarätige Werke gegenüber dem Staat als eine Art Bild-Geiseln für Verhandlungen und schmutzige Deals in der Hinterhand, wie es wohl bei dem ebenfalls vor Jahrzehnten professionell aus einer neapolitanischen Kirche gestohlenen Caravaggio intendiert war. Wichtiger als die Hoffnung auf einen solchen künftigen Gefangenenaustausch und anders als im völlig festgefahrenen Fall des Louvre-Juwelendiebstahls wären nun rasche Fahndungserfolge der italienischen Polizei oder von Interpol.

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