Es ist eine komische Sache mit den Katastrophen. Entweder man sieht sie zu früh, spricht von ihnen, bevor sie sich ereignen, warnt vor ihnen, versucht, sie durch Vorahnung zu bannen, ihre alles zerstörende Wirkung durch vorweggenommene Verzweiflung irgendwie einzudämmen – oder man sieht sie zu spät, hört den Aufprall, „wenn die Bombe längst gefallen ist“, reagiert mit Panik und Hilflosigkeit auf sie, ist ihr ganz untertan, verliert den eigenen Willen, das Zutrauen zu sich und kann nur im Rückblick vom Schrecken berichten – beim unmittelbaren Einritt der Katastrophe aber schreibt die Geschichte sich selbst, wird einem der rote Faden aus der Hand geschlagen, und das Ereignis erzählt von allein.
Als in der Nacht vom 26. auf den 27. August 1883 der indonesische Vulkan Krakatau ausbrach, 160 Dörfer an den Küsten der Inseln Java und Sumatra zerstörte und mehr als 36.000 Menschen in den Tod riss, bestimmte die Nachricht von dieser ungeheuren Naturkatastrophe auf einmal die Tischgespräche der ganzen Welt. Wenige Jahre zuvor waren die ersten Tiefseekabel zur Telegrafenkommunikation in den Weltmeeren verlegt worden, sodass sich die Nachricht vom Vulkanausbruch tatsächlich wie ein Lauffeuer rund um den Globus verbreiten konnte.
Aber auch ohne moderne Kommunikationsmittel spürte die Menschheit die Folgen dieser gewaltigen Detonation am eigenen Leib: nicht nur, dass deren Laut noch mehr als 4000 Kilometer entfernt zu hören war, auch der Himmel verdunkelte sich: „die Sonne wurde schwarz wie ein Trauersack und der ganze Mond war wie Blut“, wie es mit Blick auf die Kreuzigung Jesu in der Johannesoffenbarung heißt. Eine riesige Aschewolke stieg in diesen letzten Augusttagen 1883 auf, 30 Millionen Tonnen Schwefeldioxid gelangten in die Stratosphäre und sorgten dafür, dass die globale Durchschnittstemperatur für mehrere Jahre um 0,5 Grad abkühlte.
Der Schlag der Zeit
Der Dichter Muhammad Saleh, der den Krakatau-Ausbruch als Augenzeuge miterlebte, schrieb noch im selben Jahr eine mehrere Hundert Strophen umfassende Ballade, in der er die unmittelbare Schilderung der gewaltigen Zerstörung mit einer spirituellen Deutung und göttlichen Schutzanrufung verband. Saleh wertet den gewaltigen Ausbruch der Naturgewalt als Mahnung des Schöpfers an die Menschen, ihren leichtfertigen Lebenswandel zu überdenken. Der Vulkan erscheint dabei als anthropomorpher Rächer, der zunächst Anzeichen von Unruhe zeigt, sich verärgert gibt und dann schließlich schrecklich aus der Haut fährt. „Der Berg räusperte sich, bevor er anfing zu sprechen“, heißt es in der Ballade, die den Menschen an verschiedenen Stellen vorwirft, die Warnungen überhört, die Katastrophe nicht kommen sehen zu haben.
In Venedig, jener vom Untergang bedrohten Stadt, die, vom steigenden Meeresspiegel in den Bann gezogen, trotz aller technologischen Schutzmechanismen auch heute nichts mehr fürchtet als jene Sturmfluten, die im Gefolge von Vulkanausbrüchen auf sie treffen könnten, im vorahnungsvollen Venedig also, in einer jener zu Theatersälen umfunktionierten alten Schiffsbauhallen zeigt die indonesische Bumi Purnati Company eine beeindruckende Adaption dieser alten Untergangsballade. Vor einer riesigen Videoleinwand, die einen schlummernden Vulkankrater reproduziert, bewegen sich elf Darsteller mit einigen wenigen Requisiten und Ausdrucksformen durch den leeren Raum. Begleitet werden ihre Bewegungen von den Klängen traditioneller Perkussion sowie von sanften Lichtwechseln.
Es wird nicht viel gesprochen
In sechs Szenen zeigt Regisseur Yusril Katil das ergreifende Schicksal von Menschen, die abgelenkt von ihren gierigen Geschäften und körperlichen Trieben den kommenden Sturm nicht vorhersehen. Die sich in ihrem Können gefallen und meinen, im Gegenüber den einzigen Ansprechpartner gefunden zu haben. Die Versuchung, der sie erliegen, lautet: Kommunikation. Sie reden, handeln und ringen miteinander, aber schauen nicht mehr nach oben. Nicht mehr dorthin, wo sich „der Berg räuspert“ und Gott auf sich aufmerksam machen will.
Acht einfache Holzleitern reichen an diesem Abend aus, um eine Welt vor unseren Augen zu erbauen, die bestraft untergeht. Aus diesen Leitern werden Türme und Klettersteige hergestellt, die die Darsteller akrobatisch erklimmen, aber auch Bahren und Stelzen entstehen so oder ein gigantisches Uhrpendel, das den heftigen Schlag der Zeit anzeigt und zugleich darunter zusammenbricht.
Es wird nicht viel gesprochen in dieser aufrührenden Performance, ihren Eindruck verdankt sie der Erinnerung an das, was unser Modewort „Disruption“ in Wirklichkeit bedeutet: die fürchterlichste Zerstörung von Körper und Geist. „Under the Volcano“ zeigt, wie die Katastrophe in den Körpern und Gesichtern der Nachkommen fortwirkt. Wie sie sich in Bewegungen ausdrückt, etwa im den Schrecken bannenden Ritual einer traditionellen Kampfkunst zum Vorschein kommt oder sich in gottesfürchtig anmutenden Gesten zeigt. Die Katastrophe steckt diesen dargestellten Menschen in den Gliedern – aber nicht nur ihnen. Als sich am Ende die Darsteller vor dem Biennale-Publikum verneigen, falten auch sie die Hände still vor der Brust. Und auch der Regisseur, in modischen Sportschuhen und mit amerikanischem Baseballcap auf dem Kopf, tut es ihnen gleich und zeigt damit: Auch unsere durch viel Künstlichkeit versuchte Gegenwart sollte das Räuspern der Berge nicht überhören.

vor 2 Stunden
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