Schon auf die erste Frage antwortet Igor Levit mit einem Witz. Warum er denn ein eigenes Label gründe? „Um gleich mal einen alten jüdischen Witz zu zitieren“, sagt der Pianist: „Warum nicht!“ (Der ganze Witz geht übrigens so: Ein Christ fragt einen Juden: Warum beantwortet ihr alle Fragen mit einer Gegenfrage? Da kommt die Antwort: Na, warum nicht?) Damit ist schon vieles gesagt über das Ausnahmetalent unter den Pianisten. Er ist auch politisch, redet auch über sein Judentum, erst recht seit dem Terror vom 7. Oktober 2023. Jetzt spricht vor allem der Musiker: „Das Label No Silence ist nicht ein Produkt gegen etwas, sondern für etwas. Es geht um die Musik, um Künstler und das, was sie bewegt.“
Das kleine Interview gibt er aus dem Zug heraus. Ohne Verabredung. Das Telefon klingelt, und es heißt: „Genau jetzt hat er Zeit.“ Und dann ist er auch schon dran. Im Hintergrund hört man die Durchsagen der Zürcher Bahn. „No Silence“ werde kein reines Klassiklabel, erklärt Levit. „Mir geht es darum, herausragenden Musikern eine Stimme zu geben. Das können auch Jazzer, Hip-Hoper, Singer-Songwriter sein.“ Er wolle „Häuser bauen“. Er sagt auch: „Vielleicht ist das auch sehr jüdisch an mir.“
Er möchte auf keinen Fall still sein
Levit wurde in Nischni Nowgorod an der Wolga geboren, wuchs aber in Hannover auf, wo er heute auch Professor an der Hochschule für Musik, Theater und Medien ist. Schon sein Debütalbum von 2013 war eine Dreistigkeit: Die letzten fünf Beethovensonaten. Sie gehören zum Schwierigsten und Komplexesten, was es gibt in der Klavierliteratur. Levit war Mitte 20 und fing sozusagen oben auf dem Mount Everest an, widmete sich dann erst dem Rest der Welt. Als nächstes Bach, dann Frederic Rzewski, dem kaum spielbaren Klaviervirtuosen der Neuen Musik. Levit wird international gefeiert, wenn es überhaupt einmal Kritik gibt, dann die, dass sein Ton etwas brachial werden kann. Still sein will er nicht. Sein Label heißt jetzt „No Silence“. Im Oktober erscheinen drei Alben, zwei von ihm, eins von dem fünfundzwanzigjährigen österreichischen Pianisten Lukas Sternath, den Levit vor sechs Jahren entdeckte und seither fördert.

Eigene Label haben viele, besonders unter jungen Pianisten. Víkingur Ólafsson hat drei Platten bei seinem eigenen Projekt „Dirrindí“ veröffentlicht, ging dann zur Deutschen Grammophon. Joep Beving veröffentlichte am Anfang seiner Karriere drei Jahre selbst, weil große Labels ihn abgelehnt hatten. Valentina Lisitsa baute sich ein Millionenpublikum auf Youtube auf, ging dann zu Decca. All das steht normalerweise am Anfang einer Karriere. Levit macht es auf dem Höhepunkt. Sein Label ist kein Bruch mit dem Konzern, bei dem Levit seit 13 Jahren alles veröffentlicht: Sony macht Marketing und Vertrieb, Levit hat die künstlerische Hoheit. Und er ist jetzt, noch bevor es losgeht, schon ein paar weitere Schritte in der Zukunft: „No Silence“ soll auch ein Netzwerk werden, eine Akademie, Stiftung, ein Festival.
Das Logo des von Igor Levit in Partnerschaft mit Sony Classical gegründeten LabelsNo SilenceIn politische Debatten mischte er sich von Anfang an ein, ihm wurde schon vorgeworfen, sich mehr für Meinungsführerschaft als für Beethoven zu interessieren. Der Terroranschlag auf die israelische Bevölkerung vom 7. Oktober 2023 hat für ihn viel verändert. Er sprach von tiefer Enttäuschung über die Reaktionen in Deutschland, von mangelnder Empathie für die jüdischen Opfer.
Er habe auch einen großen Teil seines erweiterten Freundeskreises verloren. Jetzt erst, nach zweieinhalb Jahren, antwortet er mit seiner Kunst: „Ich will so viel Musik, Begegnung und Dialog wie nur irgend möglich schaffen und in die Welt bringen. Wir verlieren Räume, auch ökonomisch. Kultur hat viel zu oft keinen Platz mehr, wird verdrängt, durch nichts Neues ersetzt. Deswegen zielt meine gesamte Energie darauf, mehr von diesen Häusern zu bauen und Orte der Begegnung zu schaffen.“ Und dann erwähnt er noch einen berühmten Satz: „Dies wird unsere Antwort auf Gewalt sein: Musik intensiver, schöner und hingebungsvoller zu machen als je zuvor.“ Leonard Bernstein sagte das – am Tag nach der Ermordung von John F. Kennedy.
Lukas Sternath spielt auf seinem Label die so schwierige wie schöne Wanderer-Fantasie von Franz Schubert ein. Die Frage, ob es denn nicht schon alle denkbaren Arten gebe, die Klavierwerke Schuberts zu interpretieren, ärgert Levit. „Nichts ist je auserzählt!“, ruft er. „Jeder Mensch ist Erzähler und Schöpfer seines eigenen Lebens. Schuberts Musik wäre tot, wenn es die Lebenden nicht gäbe. Sie steht seit 200 Jahren auf dem Papier, aber das ist nur das Papier, nicht das Leben, das sie braucht.“ Deswegen freue er sich so auf Sternaths Aufnahme: „Da kommt ein junger Mann und sagt: Ich bin da, hier ist meine Geschichte, mein Ton, mein Klang. Was für ein Geschenk!“
Die erste große Einspielung von Levit selbst werden die „Vexations“ von Erik Satie sein. Ein seltsames Stück, eigentlich ein musikalischer Witz: Die Noten sind ganz leicht zu spielen, aber eine Anweisung des Komponisten wird heute so verstanden, dass es „840-mal wiederholt“ werden müsse. Das dauert rund 16 Stunden. Es erscheint als NFC-Chip, der zu einem digitalen Stream der Musik führt. Levit sagt dazu nur lapidar: „Es gibt keine Grenzen!“
Mehr zum neuen Label unter: nosilencerecords.com

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