Vielleicht haben wir deshalb bei dieser WM noch weniger Lust auf eine bestimmte Sorte von Gesprächen, die derzeit in Teilen unseres (überwiegend linken) Freundeskreises geführt werden. Alle zwei Jahre, wenn eine WM oder EM stattfindet, schalten einige unserer Freunde in den Alarmmodus: Stirnrunzelnd bestätigen sie sich gegenseitig, wie schlimm es sei, überall Menschen zu sehen, die sich mit den Nationalfarben schminken oder ein schwarz-rot-goldenes Fähnchen an ihr Auto hängen. Es ist nicht nur eine intellektuelle Pose (auch wenn das sicherlich eine Rolle spielt), sondern eine authentische Abneigung gegen jedes Nationalsymbol. „Verfassungspatriotismus“ ist für sie in Ordnung. Beim „Partypatriotismus“ ist jedoch die Grenze erreicht.
Der Juso-Vorsitzende will keine Fahne schwenken
Nicht nur in unserem Ü40-Freundeskreis. Der „Spiegel“ fragte Nachwuchspolitiker, wie sie es während des Turniers mit nationalen Symbolen und Patriotismus halten. Dabei zeigte sich kaum ein Unterschied zwischen den Parteien links der Mitte. Der Co-Vorsitzende der Linksjugend Solid, Limes Schäfer, rief staatsmännisch „in Anbetracht der deutschen Geschichte“ zur „Mäßigung in Bezug auf Nationalsymbole“ auf. Aufrufe zur Mäßigung sind bekanntlich selten falsch. Doch stellt sich die Frage, was konkret von deutschen Fußballfans erwartet wird. Vielleicht wäre eine DIN-A4-Obergrenze für Deutschlandfahnen beim Public Viewing eine Idee?
Auch der Juso-Vorsitzende Philipp Türmer bemühte sich jedenfalls darin. Großzügig gestand er, beim Fußballschauen schon einmal ein Trikot angezogen zu haben. Eine deutsche Flagge würde er jedoch weder aufhängen noch schwenken. Zur Begründung führte er an, dass es auf Neonazi-Demonstrationen viele Menschen gebe, die sich mit Schwarz-Rot-Gold schmückten. Den Faschisten auf diese Weise freiwillig die Deutungshoheit über unsere kollektiven Symbole zu überlassen, ist vielleicht, meinen wir, nicht die klügste Idee.
Narzissmus, als links-politische Attitüde getarnt
Das Beste gab jedoch der Co-Bundessprecher der Grünen Jugend, Luis Bobga, von sich. Nicht nur „wehende Deutschlandflaggen“ lösten bei ihm „keine schönen Gefühle“ aus, sondern jegliche Form von Patriotismus. Seine Begründung: In Deutschland leben Menschen auf der Straße, Rentner sammeln Pfandflaschen, und „Rassismus tötet“. Wir finden es übrigens auch schlimm, dass Armut, Rassismus und viele andere Übel noch nicht überwunden sind. Erstaunlich ist nur die Konsumentenhaltung, die der junge Mann hier an den Tag legt. Folgt man John F. Kennedy, besteht das nationale Gefühl gerade in der Bereitschaft jedes Einzelnen, sich für das Kollektiv einzusetzen: „Fragt nicht, was euer Land für euch tun kann – fragt, was ihr für euer Land tun könnt.“ Hier hingegen geht es vor allem darum, was Deutschland zu leisten hat, um den eigenen Erwartungen zu entsprechen. Eine Form des Narzissmus, die sich als links-politische Attitüde tarnt.
Dass in Deutschland Konzepte wie Patriotismus, Heimatliebe, Nationalstolz und Vaterland durch den Nationalsozialismus belastet und verdächtig geworden sind, versteht sich von selbst. Wir halten es jedoch für einen Fehler, den positiven Bezug zum eigenen Land grundsätzlich in die Schmuddelecke der Geschichte zu verbannen. Dass Demokratien bislang nur im Kontext von Nationalstaaten entstanden sind, gehört ebenso zur Wahrheit wie die Tatsache, dass Nationalgefühle historisch oft Konflikte befördert haben. Wo verläuft also die Grenze zwischen gesundem Patriotismus und gefährlichem Nationalismus?
Meron Mendel und Saba-Nur CheemaDavid BacharIn seinem Buch „Stolz auf unser Land. Die amerikanische Linke und der Patriotismus“ vergleicht der amerikanische Philosoph Richard Rorty den Nationalstolz mit der Selbstachtung des Einzelnen. Man braucht sie, allerdings in der richtigen Dosierung. Zu wenig davon schadet der eigenen Entwicklung und hindert Menschen daran, sich zu entfalten. Übermäßige Selbstbezogenheit hingegen führt zu Überheblichkeit. Genauso verhält es sich mit Nationalstolz: Seine Überdosierung erzeugt Aggressivität und Imperialismus.
Natürlich kann auch die Identifikation mit der Nationalmannschaft als Freischein für Nationalismus und Rassismus missbraucht werden. So markierte der WM-Sieg Deutschlands 1990 den Beginn einer Welle rechtsextremer und rassistischer Gewalt. Der Journalist Deniz Yücel erinnert sich daran, dass seine Mutter beim Anblick der deutschen Fahnen zur Fußball-WM in ihrer Nachbarschaft sagte: „Das geht gegen uns.“
Einige Jahre später sah es schon anders aus. Als Saba-Nur neun Jahre alt war, fand die Europameisterschaft in England statt. Die große Vorfreude begann bereits Wochen zuvor, als ihr Vater bei einem der regelmäßigen Sonderangebote vor einem großen Turnier endlich einen Röhrenfernseher ergattern konnte. Und selbstverständlich durfte auch die schwarz-rot-goldene Fahne am Balkon der Familie Cheema im Frankfurter Hochhaus nicht fehlen. Wie sehr die Familie mitfieberte, zeigte sich spätestens im Finale gegen Tschechien. Wenige Minuten vor Beginn der Verlängerung eilte Saba-Nurs Mutter ins Schlafzimmer, rollte hastig den Gebetsteppich aus und begann, für den Sieg der deutschen Nationalmannschaft zu beten. Als Oliver Bierhoff kurz darauf das legendäre Golden Goal schoss und Deutschland zum Europameister machte, war sie sich jedenfalls sicher, dass ihre Gebete nicht ganz wirkungslos geblieben waren. Leider zeigte das gleiche Gebet 2006 nicht dieselbe Wirkung, als das „Sommermärchen“ für die deutsche Mannschaft im Halbfinale mit einer Niederlage gegen Italien endete.
Fußballturniere können das Zugehörigkeitsgefühl stärken
Dass Fußballturniere das Zugehörigkeitsgefühl stärken können, zeigt jedoch nicht nur die Erfahrung der Familie Cheema. Manche, wie der Politikwissenschaftler Clemens Heini, vertreten die These: „Ohne 2006 wäre es nicht in diesem Ausmaß zu Pegida gekommen, und ohne Pegida gäbe es keine AfD in dieser Form.“ Doch die Empirie spricht eine andere Sprache. Wenn es einen Zusammenhang zwischen Partypatriotismus und Rechtsextremismus gibt, dann genau in die andere Richtung. Der Politikwissenschaftler Norbert Kersting analysierte, dass nach der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 ausländerfeindliche Einstellungen in Deutschland zurückgingen.
Selbst die Zustimmung zu Parolen wie „Wenn die Arbeitslosigkeit steigt, müssen die Ausländer zurückgeschickt werden“ nahm ab. Kersting sieht deshalb einen Zusammenhang zwischen einem gewachsenen, unverkrampften Nationalgefühl und dem Rückgang rassistischer Gewalt. Offenbar führt ein stärkeres Zugehörigkeitsgefühl nicht zwangsläufig dazu, andere auszugrenzen. In eine ähnliche Richtung weist der sogenannte „Salah-Effekt“ unter britischen Fußballfans. Der ägyptische Fußballstar Mohamed Salah wurde für viele FC Liverpool-Fans zu einer Identifikationsfigur. Empirische Forschung bestätigte, dass mit seiner Popularität Vorurteile gegenüber Muslimen zurückgingen.
Auch wenn unsere schlechtgelaunten linken Freunde glauben, dass die Deutschen nur auf die Gelegenheit warten, ihr patriotische Gesinnung offen auf die Straße zu zeigen, müssen wir feststellen, dass sich das aktuelle WM-Fieber bislang in Grenzen hält. Laut einer Forsa-Umfrage haben bisher nur sieben Prozent der Menschen in Deutschland entsprechende Accessoires angeschafft. Liegt es daran, dass das Turnier erst vor Kurzem begonnen hat, oder an der allgemein gedämpften Stimmung im Land?
Vielleicht hängt es damit zusammen, dass die WM unter anderem in den USA stattfindet. Die Anklage bei unserem Freundeskreis und in den sozialen Medien lautet: Wie könnt ihr euch auf eine WM in den USA freuen, wenn dort Menschen auf der Straße von ICE getötet werden? Bekanntlich sind Linke immer gut darin, passende Gründe für ihre schlechte Laune zu finden. Für uns sind genau diese Schreckensbilder und Videos aus Minnesota, Chicago, Los Angeles und anderen amerikanischen Städten vielmehr eine Erinnerung daran, worauf wir in diesem Land noch stolz sein können. Eine Erinnerung daran, dass in Deutschland trotz aller Probleme, Unzulänglichkeiten und Bahnverspätungen der Regierungschef nicht in einem rechtsfreien Raum agiert und die Bürger nicht der reinen Willkür der Mächtigen ausgeliefert sind. Auch als Fußballignoranten wünschen wir der deutschen Elf, den WM-Pokal nach Berlin zu holen. Aber selbst wenn dieser Wunsch nicht in Erfüllung gehen sollte, bleiben uns genügend Gründe, deutsche Patrioten zu sein.

vor 2 Stunden
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