Techno-Pop von Floss: Prickelig in Pink - Album der Woche

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»Und die Zahnseide nicht vergessen« ist so ein Satz beim dentalen Kontrolltermin, der einem regelmäßig einen Seufzer des Missmuts entlockt: Das Zwischenraumreinigungsriemchen, im Englischen »Floss« genannt, tut den Zähnen gut, nervt aber in der Anwendung. Eine Künstlerin, die sich Floss nennt und ihre Musik als »angry feminist techno pop« bewirbt, mag daher mit diesem Namen und dieser widerborstigen Definition erst einmal abschrecken, zumal ein männliches Publikum.

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Aber das nimmt die aus Braunschweig stammende Wahlberlinerin Florentine Sophie Schlüter wahrscheinlich gern in Kauf, ihre Kernklientel dürfte ohnehin zuvorderst aus Frauen bestehen. Der Künstlername Floss ergab sich wohl schlicht aus den Anfangsbuchstaben ihres bürgerlichen Namens und hat mit Mundhygiene wenig zu tun. Dabei ist ihr nun erscheinendes Debütalbum »b0dy c0un1« (lies: »Body Count«) durchaus eine Erfrischungskur, zumindest für die Ohren und die von generischem Charts-Pop geplagte Seele.

Schlüter ist gelernte Modedesignerin, arbeitete einst beim Popstar-Stylisten Jeremy Scott in Los Angeles und wurde danach kreative Assistentin von Jean-Charles de Castelbajac in Paris. Die Fashion-Ikone war es dann auch, die ihr einst riet, sich als Performerin zu versuchen, was sie seit 2019 mit wachsendem Szene-Erfolg tut. Die deutsche »Vogue« hatte Floss bereits 2023 auf dem Radar der aufregendsten jungen Musikerinnen, dem Modemagazin sagte sie damals, dass sie Pop-Art als Transportmittel für ihre Botschaft des weiblichen Empowerments nutze: »Ich betrachte mich als Feministin und Aktivistin. Meine Musik spiegelt Erfahrungen wider, die ich als starke, laute Frau mache.«

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Schon damals pflegte die Anfang 30-Jährige bereits einen ausgeprägten Hang zum songlyrischen Kalauer, als sie ihre Single »Sushi Rolllllllllll« mit der Zeile »For starters, I put the sass in sashimi« würzte, also etwa: »Als Vorspeise serviere ich Sashimi mit einer Prise Pfiff.«

In scharfkantig geschliffenen Techno-Tracks, die an Madonna und Charli xcx ebenso wie an Peaches geschult wurden, inszeniert sich Floss jetzt als männerfressende »Avant-Garde«. Der »Old White Man« im gleichnamigen Track wird jedoch nicht in den Ruhestand geschickt, sondern darf ihre Miete zahlen. Sex gibt’s dafür aber nicht: »But we don’t fuck, we just friends«, singt sie. Die Musikerin mit den rosa gefärbten Haaren gibt sich nicht pretty, sondern eher prickelig in Pink.

Verwandt scheint Floss zunächst mit zurzeit trendigen Rap-Feministinnen wie Ikkimel , 6euroneunzig, Mariybu oder Vicky zu sein, die in ihrer Musik selbstbewusst über weibliche Sexualität sprechen und sich dabei eines ebenso aggressiven und deftigen Vokabulars bedienen wie ihre männlichen Macho-Pendants. Der mit viel Kink und körpersaftiger Ermächtigungsrhetorik aufgeladene Hyperpop auf »b0dy c0un1« ist jedoch weniger militant und »angry« als amüsant und verspielt, ohne dabei an Intensität einzubüßen.

Wenn die Musik gelegentlich vom strikten Dancefloor-Gebot abweicht, empfiehlt sie sich in Electroclash-Nummern wie »Druuuuuuuuugs«, »Pussy Edible« oder »Unfollow the Leader« vielleicht sogar als coole und stilsichere Alternative für den ESC in »Bangaranga«-Bulgarien nächstes Jahr. Floss nicht vergessen beim Vorentscheid!

Foto: Nikos Karpouzis

Floss: »b0dy c0un1«.

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