Zum Tod von Gunter Hampel: Freier Jazz, aber mit Melodie

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Ein Individualist, leicht verschroben, immer ansprechbar, ästhetisch offen, aber nie zu musikalischen Kompromissen bereit: So kannte man den vitalen Vibraphonisten und Bassklarinettisten Gunter Hampel seit den frühen Sechzigerjahren. Die Aufnahme „Heartplants“, die er 1965 mit seinem Quintett herausbrachte, zu dem Alexander von Schlippenbach, Manfred Schoof, Buschi Niebergall und Pierre Courbois gehörten, gilt als eine der ersten Free-Jazz-Einspielungen in Europa und zugleich als frühes Dokument der europäischen Jazzemanzipation von amerikanischen Vorbildern.

Schon ein Jahr später löste Hampel die Band auf, aber auch mit seinem zweiten Quintett gelang ihm gemeinsam mit dem Saxophonisten Anthony Braxton und der Sängerin Jeanne Lee, seiner Lebensgefährtin, ein weiteres spektakuläres Album. „The 8th of July 1969“ wies ihn als kreativen Freigeist, nicht jedoch als orthodoxen Free-Jazz-Apologeten aus. Sinnlicher Klang und melodischer Fluss hatten stets Platz neben all den brachialen Tendenzen, mit denen formale, harmonische und rhythmisch-metrische Restriktionen der Jazztradition hinter sich gelassen wurden.

Drei Jahrzehnte in New York

Auch in der Gunter Hampel Group, seiner Galaxy Dream Band und anderen Combos arbeitete er danach mit amerikanischen und europäischen Jazzmusikern zusammen, etwa mit Pharoah Sanders, Sonny Sharrock, John McLaughlin, Perry Robinson, Willem Breuker und Marion Brown, bevor er sich für die nächsten fast drei Jahrzehnte in New York niederließ.

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Der Einstieg in die Hardcore-Jazz-Szene Amerikas wurde ihm dabei durch die Verbindung zu Jeanne Lee erleichtert. Als Komponistin, Dichterin, Tänzerin und Choreographin gehörte sie mit ihrer Lautpoesie und Aktionen im Grenzbereich von Musik, Tanz, Happening und Fluxus seit den frühen Sechzigerjahren zu den prägenden Figuren der künstlerischen Avantgarde in New York.

Sogar ein origineller Straßenmusiker

Zwischen 1972 und 1996 entstand eine Reihe gewichtiger Einspielungen von Gunter Hampel mit Jeanne Lee, darunter „Conspiracy“ von 1975, bei dem die rezitierte und gesungene Dichtung von Lee im Mittelpunkt stand. Auch nach ihrem Tod im Jahr 2000 blieb der Einfluss von Lee auf Hampel spürbar, und sei es vermittelt durch die gemeinsamen Kinder Cavana und Ruomi, die als Sängerin und Tänzer das Repertoire von Hampel, etwa in seiner Music + Dance Improvisation Company oder im European-New York Quartet, mit Hip-Hop-, Breakdance- und Modern-Dance-Elemente bereicherten. Mit diesen Bands war Hampel, der immer zwischen Europa und Amerika pendelte, bis in die jüngste Vergangenheit auch in Deutschland auf Tournee, bei Clubgastspielen und bei Festivals zu hören, etwa in Moers, wo er sich als Pianist auf einem offenen Truck sitzend mit seiner Band und Tänzern als origineller Straßenmusiker präsentierte.

Gunter Hampel, der aus Göttingen stammte und sein Architekturstudium in Braunschweig für eine Ausbildung als klassischer Schlagzeuger aufgab, behielt das Freigeistige zeitlebens. Auf seinem Plattenlabel Birth sind mehr als fünfzig Aufnahmen seiner Musik erschienen, die man kaum einer ästhetischen Richtung zuordnen kann. Nicht einmal dem freien Jazz. Am 19. Mai ist er im Alter von siebenundachtzig Jahren gestorben.

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