Hörbuch „Zugwind“: Das Syndrom des aufgeschobenen Lebens

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Sie hatte Glück. Nach Deutschland kam Iryna Fingerova schon 2019. Nach einem Klinikpraktikum in Haifa hätte es auch Israel werden können, doch dann zog sie mit ihrer Familie lieber nach Kamenz, später ins nahe Dresden. In ihren Träumen ist sie zugleich in der ursprünglichen Heimat Odessa, das sie aus Respekt vor der ukrainischen Sprache mit nur einem s schreibt. Dem dritten Roman „Zugwind“, der teils auf Deutsch entstand und teils von Jakob Walosczyk aus dem Ukrainischen übersetzt wurde, stehen zwei Verszeilen des aus Czernowitz stammenden Paul Celan voran: „IN DER LUFT, da bleibt deine Wurzel, da, in der Luft.“ Celan spielt in dem Gedicht auf das Lied „Maikäfer, flieg“ an – über den Vater im Dreißigjährigen Krieg und die zurückgelassene Mutter, die im verbrannten Pommern zur Verbannten wird.

Auch Mira Zehmann, die Ich-Erzählerin in „Zugwind“, ist eine Verbannte aus einem verbrannten und zerstörten Land, eine Entwurzelte, von einem rätselhaften Zugwind durchdrungen und getrieben. Von ihr heißt es am Romaneingang, sie sei durch den Kriegsbeginn am 24. Februar 2022 „endgültig erwachsen geworden“.

Cover von „Zugwind“Cover von „Zugwind“Verlag

Mira Zehmann ist eine Ärztin aus Odessa in Deutschland und teilt mit Fingerova auch sonst viel – das Alter, den Ehmann, eine kleine Tochter. Mit dem Ausbruch des russischen Angriffskriegs bringt sie mit ihrem ebenfalls als Arzt tätigen Mann medizinisches Material an die polnische Grenze und empfängt dort umgekehrt die aus der Ukraine nachkommenden Verwandten. Bald begreift Mira, „dass Lebensfreude in Zeiten des Krieges ebenso eine staatsbürgerliche Pflicht ist wie Spenden an die ukrainische Armee.“ Vermitteln kann sie diese neben ärztlicher Versorgung in ihrer medizinischen Praxis, die bevorzugt von Geflüchteten aufgesucht wird. Mit den Geschichten dieser Hilfesuchenden stopft sie sich die Taschen voll, so die Leitmetapher des Buches, „Geschichten, von denen sich der Zugwind legte.“

Es geht um Geben und Nehmen. Denn der Gang zur Ärztin erfolgt nicht immer aufgrund körperlicher Symptome. Die Leute wollen sprechen und gehört werden, über sich und die Angehörigen in der Ukraine. Mira Zehmann hört zu, zeichnet auf und verbindet die einzelnen Fälle durch übergeordnetes Nachdenken, Einordnen, Weiterträumen mit der eigenen Geschichte. Die Berliner Schauspielerin Lisa Hrdina trifft für diese Mischung aus äußeren Perspektiven und inneren Reflexionen den passenden Ton zwischen Empathie und Distanz. Nirgends klingt das nach selbstzufriedener Anteilnahme oder unechter Wohltätigkeit. Eher so ungezwungen und schnörkellos wie Iryna Fingerova sich selbst in längeren Radiogesprächen anhört, sprachlich übrigens so eindrucksvoll, dass sie das nächste Buch sicher vollständig auf Deutsch schreiben wird.

Der Aufenthalt im Kriegsgebiet spendet neue Energie

Erschütternd ist das beschriebene „Syndrom des aufgeschobenen Lebens“, die Wartehaltung und Zerrissenheit von Geflüchteten zwischen zwei Ländern, zwei Leben, zwei Mentalitäten. Deutschkurs hier, Studium online dort, Luftmatratze hier, vorübergehend ungenutzte Wohnung dort, Weihnachten in der Gastfamilie hier, Skypen mit dem Ehemann an der Front dort. Muss etwas Lebensfreude hier sofort mit schlechtem Gewissen wegen des Leids dort einhergehen?

Angeregt von einer sehr alten und kranken Patientin, die heimlich nach Charkiw zurückfährt, um in Deutschland wenigstens ordentlich gekleidet sterben zu können, reist die Ärztin irgendwann nach Odessa. „Genug ist genug.“ Dort erstaunt sie über die Furchtlosigkeit, das pulsierende Leben, trotz Luftalarms auf der Handy-App. Selbst die 93-jährige Oma blüht auf und fährt im Taxi und Rollstuhl zum Grab ihres Mannes auf dem jüdischen Friedhof. Mira geht tanzen, nimmt die Straßenbahn ans Meer, genießt den perfekten Kaffee und streift durch die Parks. Es ist paradox, aber der Aufenthalt im Kriegsgebiet spendet ihr neue Energie.

Fingerova beschreibt all das mit viel Farbe und Intensität. Das gilt auch für die Kehrseite der Lebensliebe, das Sterben, dem die Erzählerin Mira Zehmann ständig begegnet. Krebs, Infarkt, Lungenödem, Schlaganfall, Pandemie, alles kommt vor. Und natürlich die ethischen Fragen, ob man eine Patientin, die ihren Namen nicht mehr kennt, operieren, intubieren, wiederbeleben soll. Dahinter steckt stets die Einsicht, dass der Tod der anderen auch uns auf den Fersen ist. Fingerova verfügt über einen erweiterten diagnostischen Blick, denn die zu behandelnden Leiden rühren oft von einem Phantomschmerz über sinnlos einschlagende russische Raketen her.

Als sie auf dem Weg nach Odessa russische Touristen am Flughafen klagen hört, dass sie wegen des Kriegs umsteigen müssen, ist sie außer sich. Es regt sich Hass gegen die wahllose Bombardierung ziviler Ziele, gegen die Mistkerle, die ukrainische Kinder misshandeln, gegen ihre Frauen, die sie kokett zur Vergewaltigung ermuntern. Neuer Zugwind kommt mit dem 7. Oktober auf. Schließlich ist die eine Hälfte der Familie in der Ukraine, die andere in Israel. Dort wollte die Erzählerin zuerst arbeiten, unterirdische Krankenhäuser stehen aber für den ständig präsenten Krieg. Das gilt auch für dieses starke und fesselnde Hörbuch. Lebensfreude dagegen zu halten, ist dessen eigentliches Kunststück. Fingerova ist das überaus gut gelungen.

Iryna Fingerova: Zugwind. Gelesen von Lisa Hrdina. Argon Hörbuch. Download-Streaming 2026. 515 Min., 20,95€.

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