Immer mehr Menschen erkennen die Gefahren Künstlicher Intelligenz, während ein paar Gestrige noch das Loblied auf sie singen. Jeder, dem der Unterschied zwischen wahr und falsch nicht egal ist – sowohl Texte als auch (bewegte) Bilder betreffend –, kann allerdings nur eine Meinung zu KI als Mittel der Wirklichkeitsdarstellung oder gar Wahrheitsfindung haben.
Eines der bedeutendsten Medienhäuser der Welt, das der „New York Times“, hat laut einer bekannt gewordenen internen Anweisung jüngst allen freien Mitarbeitern verboten, KI zum Verfassen, Umformulieren oder Redigieren zu verwenden, und auf ihrer Website steht klar: „We don’t use A.I. to write articles.“ Damit ist, was das Verhältnis von KI und Journalismus betrifft, im Grunde alles gesagt. Die Frage ist nur, ob es auch andere rechtzeitig begreifen werden. Dasselbe gilt für Sachbücher.
Darf ich einen Roman mit KI schreiben?
Was Künstliche Intelligenz bei der Erzeugung von Artefakten angeht, liegt die Sache freilich anders. Wo sich Fragen nach Wahrheit gar nicht stellen, kann es nur um solche der Ästhetik, allenfalls der Moral gehen. Darf ich einen Roman mit KI schreiben? Na klar, wenn ihn jemand lesen will. Das geschieht schon längst, insbesondere bei Genreliteratur – und man ist geneigt, zu sagen: Gerade wenn es sich um schlechte Genreliteratur handelt, so wie nun vor allem oft beim beliebten „New Adult“-, „New Romance“- oder „Romantasy“-Kitsch, ist es ja auch fast egal, ob sie von Mensch oder Maschine verfasst wurde.
Mit Musik und Kunst verhält es sich kaum anders: Wem hier KI-Produkte taugen, der soll damit glücklich werden (gerne zugegeben: Es ist oft schwer zu unterscheiden, ob ein Gedicht, ein Song, ein Bild menschengemacht ist, und ja, auch Menschen können furchtbare Gedichte, Songs und Bilder erschaffen). Die Frage, ob die Grundlagen für diese Produkte geraubt sind und damit Urheberrechte verletzen, ist eine andere.
Zutiefst beeindruckt davon, wie die KI das kreative Denken vertieft?
Bleibt die Frage, ob es empörend ist, wenn vermeintlich hochmögende Schriftsteller sich dazu bekennen, KI beim Schreiben zu verwenden. Die polnische Literaturpreisträgerin Olga Tokarczuk hat eine solche Empörung nun ausgelöst, als sie sich auf einer Bühne in Posen dazu bekannte, KI als Werkzeug zur Recherche zu verwenden, und sogar deutlich für einen Chatbot neuester Generation warb: Sie sei „zutiefst beeindruckt davon, wie phantastisch er den Horizont erweitert und das kreative Denken vertieft“.
Das steht in krassem Widerspruch zu Aussagen anderer Kreativer, man denke etwa an den zutiefst sarkastischen Text des Schriftstellers Colson Whitehead in dieser Zeitung („Warum ich KI liebe“) oder die Aussagen des Jazzmusikers Adrian Younge, die besagen, dass KI unser Denken lähme.
Tokarczuks Inspiriertheit wird man dennoch nicht widerlegen können, allenfalls konstatieren, dass ihr sprachlicher Ausdruck hier jenem der KI-Werbebranche ähnelt und, sofern da keine Ironie im Spiel ist und die Berichte verschiedener Medien korrekt sind, auch ans Pathologische grenzt. Indem nämlich die Autorin freimütig davon erzählt, ihren Chatbot als „Liebling“ anzureden, etwa betreffs einer Idee für ihren nächsten Roman: „Liebling, wie könnten wir das auf schöne Weise entwickeln?“
Seit Jahrzehnten ganz allein
Das wirft zum einen ein Schlaglicht in einen riesigen Abgrund jener Millionen Menschen, die längst Maschinen als Lebenspartner annehmen (siehe etwa die Foren „My girlfriend is A.I.“ oder „My boyfriend is A.I.“). Zum anderen berührt es die künstlerische Moral, daher die Empörung. Tokarczuk selbst sah ihre Äußerungen auf der Bühne missverstanden oder aus dem Kontext gerissen, daher veröffentlichte sie bald darauf ein Statement, in dem sie betont: Sie habe KI nie zum Schreiben verwendet, auch nicht bei dem ihres demnächst erscheinenden neuen Romans, sondern mache das seit Jahrzehnten ganz allein, ohne fremde Hilfe. Sie benutze KI zur schnellen Überprüfung von Fakten, überprüfe die Informationen aber stets noch zusätzlich, so wie sie es seit Jahrzehnten tue, indem sie Bücher lese und Bibliotheken und Archive durchstöbere.
Was sie dann noch hinzufügt, zeugt von erfreulich klar erkennbarer Ironie. „Manchmal lasse ich mich von Träumen inspirieren“, schreibt Tokarczuk, aber bevor auch dieser Satz von Experten in Stücke gerissen werde, wolle sie schnell hinzufügen, „dass es sich um meine eigenen Träume handelt“. Woher auch immer die Träume kommen – entscheidend ist, wie sie bearbeitet werden.

vor 2 Stunden
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