»Das wohl schönste Dorf Südtirols« Touristen stürmen Alpenort St. Magdalena
Rund 500 Menschen leben im beschaulichen St. Magdalena in Südtirol. Teilweise doppelt so viele kommen jeden Tag zum Fotografieren – manchmal sogar bis in die Küchen der Einwohner. Denen reicht es nun.
02.02.2026, 13.11 Uhr
Blick auf St. Magdalena im Schnee
Foto:Thomas Schäffer / imageBROKER / picture alliance
Über Nacht hat es wieder geschneit in Sankt Magdalena in Südtirol. Die Dorfkirche mit dem Glockenturm und die Gräber auf dem Friedhof sind mit feinstem Neuschnee gepulvert, obwohl das überhaupt nicht mehr nötig gewesen wäre: Das 500-Seelen-Dorf in den Dolomiten, das am Ende des lang gezogenen Villnösser Tals liegt, bietet auch so das Bild heiler Alpenwelt. Tag für Tag, das ganze Jahr hindurch. Was St. Magdalena immer mehr zum Verhängnis wird.
Besonders berühmt ist das Foto von St. Magdalenas Kirche, wie sie so malerisch vor den Gipfeln der 3000 Meter hohen Geislergruppe liegt. Früher, als die Leute noch einigermaßen zuverlässig Urlaubsgrüße mit der Post verschickten, hätte man das ein großartiges Postkarten-Motiv genannt. Heutzutage heißt das nun »instagrammable«. In St. Magdalena selbst halten sich die meisten gar nicht lange auf: hoch zur Kirche, ein paar Fotos mit dem Handy, vielleicht ein Selfie noch, ab damit ins Internet. Klick und weg.
Spektakuläre An- und Aussichten im Villnösser Tal
Foto: Yuriy Brykaylo / Pond5 Images / IMAGODas schönste Dorf in Südtirol
Die Gemeinde wurde vom Magazin »Geo« zum »wohl schönsten Dorf Südtirols« gekürt – und wird jetzt von Touristen überrannt. Sie kommen aus aller Welt und dokumentieren ihre Reise auf Portalen wie Instagram, TikTok oder Flickr, wo sich sich Zehntausende Bilder aus und von St. Magdalena finden. Besonders beliebt ist der Ort auf Xiaohongshu, dem chinesischen Gegenstück zu Instagram. Das hat nach Auskunft des Bürgermeisters der Hauptgemeinde Villnöss, Peter Pernthaler, damit zu tun, dass ein chinesischer Telekom-Konzern vor einigen Jahren mit dem Alpenpanorama Werbung machte. »Damit hat der ganze Schlamassel angefangen«, sagt der 56-Jährige. Denn inzwischen leiden die Leute sehr.
Das beginnt damit, dass Busse regelmäßig die engen Straßen des Tals verstopfen. Inzwischen haben sogar Reisebüros im 200 Kilometer entfernten Verona die Kirche im Angebot: morgens Romeo und Julia, nachmittags St. Magdalena. Die 250 Euro Gebühr für einen Bus-Parkplatz schrecken kaum einen Veranstalter ab. Ähnlich sieht es bei den Pkw aus. Sind die Parkplätze voll, wird im Dorf wild geparkt. Oft sind es Autos mit deutschen Kennzeichen, viele davon Mietwagen.
Am schlimmsten ist es jedoch oben an der Kirche, die auf einer Anhöhe liegt. Vom Dorf kommt man in 15 Minuten zu Fuß dorthin. Obwohl es eine Schranke gibt, lassen sich einige nicht abhalten, mit dem Auto vorzufahren. Eigentlich ist das nur Anwohnern erlaubt sowie bei Hochzeiten und Beerdigungen. Auf der Suche nach dem perfekten Motiv lassen manche jede Hemmung fallen: steigen über Zäune, zertrampeln Wiesen, lassen ihren Abfall liegen. Einigen sind selbst die 70 Cent für die Toilette zu viel.
»Die Leute kommen mit dem Handy zu uns bis in die Küche«
Am Obermesner-Hof neben der Kirche hängt seit einiger Zeit ein handgeschriebenes Schild in drei Sprachen: »Privatbesitz – Privät – Privata«. Die Tochter des Hofes klagt: »Nicht einmal das hält die Leute ab. Die kommen mit dem Handy zu uns bis in die Küche.« Oder in den Stall: Das Rindvieh vom Fallerhof unterhalb gehört nun wohl zum meistfotografierten in Europa. Jetzt haben sie Seile zur Absperrung gespannt.
Touristen fotografieren St. Magdalena
Foto: saharrr via -images.de / Depositphotos / IMAGODer Bürgermeister meint: »Das ist schlimmer als in Venedig. Die Leute haben keinen Anstand. Die Privatsphäre wird überhaupt nicht mehr respektiert.« Nach dem Willen der Gemeinde soll damit jedoch bald Schluss sein: Für 20.000 Euro wird die Zufahrt zur Kirche und ins Dorf mit einer hochmodernen Schrankenanlage versperrt, die auch mit Kameras ausgestattet ist. Spätestens im Mai soll sie in Betrieb gehen. »Wir hoffen, dass wir die Sache damit in den Begriff bekommen«, sagt Pernthaler. »Sicher sind wir uns nicht.«
Auch andernorts greift man zu drastischen Maßnahmen, um dem Overtourism Herr zu werden: Am Trevi-Brunnen in der italienischen Hauptstadt Rom müssen Touristen ab sofort Eintritt bezahlen. Mehr dazu lesen Sie hier.

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