Söders früher Zug mit Aigner als Präsidentin: Mehr als nur ein bayerisches Manöver

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Markus Söder lässt sich vieles vorwerfen – Zickzack, Inszenierung, den Hang zur allzu schnellen Pointe. Aber in der Politik gilt auch: Wer Klarheit schafft, verschiebt Kräfteverhältnisse. Und genau das tut er jetzt. Früh, vielleicht riskant, aber auch strategisch.

Die Debatte um Ilse Aigner als mögliche Bundespräsidentin wirkt zunächst wie ein weiterer Zug im Machtspiel zweier Rivalen. Seit drei Jahrzehnten umkreisen sie sich, mal offen, mal verdeckt. Wer das allein als Intrige liest, unterschätzt den Moment.

Es geht um mehr als Bayern, mehr als Eitelkeiten. Es geht darum, dass die Union – endlich – eine naheliegende gesellschaftliche Realität politisch abzubilden bereit ist: Frauen gehören an die Spitze. Auch im Schloss Bellevue.

Die Union hat hier sogar eine Chance, sich als gestaltende Kraft zu zeigen, nicht als Getriebene.

Stephan-Andreas Casdorff

Früh Klarheit – warum nicht? Eben weil die Bundesversammlung noch gar nicht festgezurrt ist, entsteht Raum für Dynamik. Wer jetzt einen Namen setzt, setzt auch einen Maßstab. Aigner ist keiner, der sich leicht wegwischen lässt: erfahren, bürgernah, anschlussfähig bis weit in SPD und Grüne hinein. Die positiven Signale kommen nicht von ungefähr.

Natürlich steckt auch Kalkül dahinter. Söder ordnet sein Feld, reduziert Reibung, schafft Perspektiven. Für sich, für Aigner. Ob sie nach ihm Ministerpräsidentin würde? Das steht dahin. Da gibt’s schon andere.

Für die Frauen ist es ein überfälliges Signal

Und: Politik ohne Kalkül ist Folklore. Entscheidend ist, ob das Ergebnis trägt. Hier liegt die eigentliche Pointe. Eine Bundespräsidentin Aigner könnte ein Gewinn für das Land sein.

Für die Frauen ist es allemal ein überfälliges Signal. Auch, dass Aigners Eignung niemand infrage stellt. Die Union hat hier sogar eine Chance, sich als gestaltende Kraft zu zeigen, nicht als Getriebene.

Dass damit auch noch mehr verbunden ist – für die Ambition von Friedrich Merz, Kanzler zu bleiben, über diese Legislaturperiode hinaus –, gehört unbedingt in dieses Bild. Gerade darin liegt allerdings eine weitere Stärke des Moments: Rollen klären sich, Konflikte werden nicht vertagt. Das ist sogar produktiv. Merz könnte sich freuen. Immerhin darüber.

Und Söder? Politik, die nur auf Sicherheit setzt, verliert am Ende beides, Wirkung und Richtung. Dieses Mal könnte sein überraschender Vorstoß genau das Gegenteil bewirken. Ein seltener Fall, in dem Machtpolitik und Fortschritt dieselbe Sprache sprechen. Als wär’ es Strategie.

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