Greifen bewachen den Eingang zur Kuppelhalle, dem Herzstück des ehemaligen Krematoriums im Berliner Stadtteil Wedding. Eine Frauenstatue bewacht die Pforte zur oktogonalen Trauerhalle, wie sie damals genannt wurde. Hinter einem Pförtnerhäuschen mit Kiosk und einer durch einen Fußweg geteilten Liegewiese thront sie. Davon abgehend erstreckt sich ein moderner Glas-Beton-Bau, und gegenüber liegt ein Urnenfriedhof. Über Baumwipfeln und roten Ziegeldächern ragt ein 50 Meter hoher Schornstein empor, der „Seelenbeschleuniger“, wie Jörg Heitmann vom „Silent Green“ ihn liebevoll nennt. Er und Bettina Ellerkamp haben den Kulturort ins Leben gerufen.
Wo früher getrauert wurde und Leichen lagerten oder seziert wurden, wird seit 2013 getanzt, geforscht und gefeiert. Seit das Arsenal Filminstitut inklusive Kino im Mai auf das Gelände zog, rückte auch der Film stärker in den Fokus. Der Name „Silent Green“ soll das verbinden: die Vergangenheit der Ruhestätte und die Atmosphäre des Friedhofs. Und er spielt auf den Science-Fiction-Film „Soylent Green“ (1973) an. Ellerkamps und Heitmanns Hintergrund ist schließlich der Film, beide zogen Ende der Achtzigerjahre nach Berlin, um Film und Publizistik zu studieren. Westberlin wurde ihnen irgendwann zu eng, dann fiel die Mauer, und Berlin verwandelte sich in ein Experimentierfeld. „Ich hatte das Gefühl, in der Geschichte zu leben“, schwärmt Ellerkamp. So etwas hatte sie danach nie wieder.
Jörg Heitmann und Bettina Ellerkamp haben das „Silent Green“ gegründet.Paulina HildesheimEinst war es das modernste Krematorium Europas, zwischenzeitlich lagerten 817 Leichen auf metallischen Gerüsten in der unterirdischen Betonhalle. Dann wurde der Betrieb eingestellt, trotz hochmoderner Umbauten. Ein „typischer Berliner Flughafenmoment“, sagt Heitmann. Und das Krematorium wurde Jahre später verkauft. An ihn. Er und Ellerkamp entwickelten ein interdisziplinäres Konzept, das den Kulturbetrieb und viele junge Menschen in den Wedding lockt. Warum funktioniert das so gut?
Viele hatten Berührungsängste mit dem leer stehenden Krematorium
Die Idee, einen Kulturraum für Film, Kunst und Tanz zu schaffen, entstand 1991. Mit Freunden gründeten sie den Kulturverein „Botschaft e.V.“. Beim Checkpoint Charlie besetzten sie das WMF-Haus, ein prunkvolles Jugendstilhaus, und veranstalteten Formate zwischen Film, Kunst, Musik und Party. Monica Bonvicinis erste Ausstellung kuratierten sie dort etwa. Nach einem Umzug löste sich der Verein auf. Beide fokussierten sich danach auf das Filmemachen, sie lehrte in Halle und Babelsberg, er spezialisierte sich auf Immobilien, was ihn 2011 mit dem leer stehenden Krematorium in Berührung brachte. Für die Immobilie der Stadt gab es nur drei Bieter, denn die „Berührungsängste waren zu groß“. Für 750.000 Euro wurde das sechseinhalbtausend Quadratmeter große Gelände verkauft, Immobilienverkäufe für zwei Millionen Euro holten die erste Million für die Sanierung wieder rein.
Das „Mars – Restaurant & Bar“ ist die Gastronomie auf dem Gelände des Silent Green.Paulina HildesheimAn der Kuppelhalle vorbei führt ein Weg zum Restaurant „Mars“, in dem an diesem heißen Freitagnachmittag einige Besucher Kaffee und gekühlte Limonaden trinken, manche arbeiten an ihren Laptops. Hinter dem Sitzbereich prangt ein Schriftzug: „Kino Arsenal“. Im Mai fand das Arsenal Filminstitut nach 18 Monaten Heimatlosigkeit eine langfristige Bleibe, in der zweiten ehemaligen Trauerhalle. Die Film- und Bildungsstätte ist seit ihrer Gründung 1963 eine der wichtigsten Filminstitutionen Deutschlands und kuratiert unter anderem das Forum der Berlinale, eine gesellschaftskritische und die ästhetisch spannendste Sektion des Filmfestivals.
Im Vergleich zum vorherigen Standort am Potsdamer Platz ermöglicht der Standort nachbarschaftlichen Austausch. Für die Zeit der Berlinale war der Potsdamer Platz zwar ideal, erzählt Stefanie Schulte Strathaus, Künstlerische Leiterin des Arsenal Filminstituts, im Rest des Jahres sei der Wedding aber nicht nur durch die nachbarschaftliche Umgebung ein geeigneter Ort. Erstmals sind alle Bereiche des Arsenal Filminstituts, also Kino, Archiv, Filmverleih, Berlinale Forum und Forum Expanded, sowie Verwaltung auf dem Gelände vereint, was die Zusammenarbeit erleichtert. Auf dem Gelände befinden sich außerdem das Harun-Farocki-Institut und die transmediale e.V.
Der neue Kinosaal zeichnet sich besonders durch seine Akustik aus
Seit einigen Jahren beobachtet sie, dass immer mehr jüngeres Publikum dazukommt. Im Wedding hat sich diese Entwicklung noch einmal verstärkt. Vielleicht hängt das mit den niedrigeren Mieten in dem Stadtteil zusammen. Es könne nicht besser sein, erzählt sie: „Wir konnten nach dem Umzug unser Stammpublikum halten und neues hinzugewinnen. Sie spricht aber auch über Herausforderungen der Institution, wie etwa die Abhängigkeit von Drittmittel-Anträgen, deren Erfolgsaussichten in den schwierigen Zeiten gesunken sind. Das Arsenal sei trotz Förderung durch die Beauftragte des Bundes für Kultur und Medien (BKM) auch stark auf die Kino- und Verleiheinnahmen angewiesen. Die Zukunft ist ungewiss.
Eingang des Kino Arsenal auf dem Gelände des „Silent Green“Paulina HildesheimAuch Ellerkamp spürt einen Wandel in der freien Kunstszene. Die Förderung der Kulturprojekte im „Silent Green“ kommt vorwiegend vom Land, das Budget sei aber klein. Die Unsicherheit ist gewachsen, was auch mit den Umverteilungen der Kulturförderung zusammenhängt. Drei Vehikel finanzieren den Ort: die Immobilien GmbH zur Vermietung an Dritte, zum Beispiel Verlage; die Kultur und Gastronomie; und die gemeinnützige GmbH, die das Forschungsprojekt Film Feld Forschung abdeckt. Durch kommerziellere Veranstaltungen lassen sich kleine Herzensprojekte stemmen.
Ob ein Kino in einer alten Trauerhalle auf Unbehagen stoßen würde? „Der Gedanke an die Geister der Vergangenheit stellt durchaus einen Bezug zum Film her“, sagt Schulte Strathaus. Eine Trauerhalle sei ein Ort der Empathie, auch das passe zum Kino. Der neue Saal zeichne sich besonders durch seine gute Akustik aus, die Projektoren können alle analogen und digitalen Formate abspielen, und die technische Ausstattung ermöglicht auch andere Nutzungen, wie etwa für Konferenzen oder Gradings in der Postproduktion oder bei einer Restaurierung. Das Gewölbe sei akustisch zwar herausfordernd gewesen, wurde aber in das futuristisch-schuppige Design miteinbezogen, was dem Saal eine einzigartige Optik verleiht.
Viele Menschen in ihren Zwanzigern kommen ins „Silent Green“
In der Betonhalle – ehemals Leichenlagerhalle unter der Erde – wird eine Ausstellung von Bjørn Melhus vorbereitet. Der Videokünstler und Filmemacher, dessen Ausstellung „LOST IN FINITY“ Untergangsszenarien zeichnet, verwandelt diese in popkulturelle und sphärische Welten. Eines seiner zentralen Elemente ist das Zitieren berühmter Filmszenen, die er nachspielt und dabei Originaldialoge laufen lässt. In die unterirdische Ausstellungshalle führt eine lange Rampe. „Anfangs wolle ich da immer raus, ich hatte Beklemmungen“, erzählt Ellerkamp. Heitmann vergleicht die Stimmung mit Zombiefilmen: Kein Tageslicht, und ständig knallten irgendwo schwere Metalltüren. Schritt für Schritt wurde also jeder Raum frei geschält. Eine Geomantin lieferte das befreiende Urteil: Der Ort setze Gefühle frei, hier wurde einst getrauert und geweint, und Weinen sei ein zutiefst menschliches Gefühl, das verbindet.
Die aktuelle Ausstellung „Lost in Finity“ von Bjørn Melhus (bis 23. August) über Untergangsszenarien und die Angst vor der Apokalypse wurde eigens für die Betonhalle auf dem Gelände des „Silent Green“ konzipiertPaulina HildesheimDas Krematorium war konfessionsoffen, und so wirkt der Ort heute merkwürdig entrückt. Auf dem Boden der Kuppelhalle befinden sich geometrische Formen und Schlangen. Die Kolumbarien ohne Urnen erzeugen eine eigentümliche Leere. Unten läuft der Ausstellungsaufbau, oben findet ein Soundcheck statt, für ein Konzert von Samba Jean-Baptiste, der seine klassische Cello-Ausbildung mit elektronischer Musik verbindet. Die Musik stellt die Veranstalter vor eine Herausforderung, denn für die Akustik sei die Kuppel eigentlich eine Katastrophe. Zwar würden die leeren Kolumbarien den Klang abrunden, und für Chöre sei etwas Nachhall gewünscht, beat- und basslastigere Konzerte müssen aber in der Betonhalle stattfinden. Auch dort war die Umgestaltung herausfordernd, doch der Nachhall wurde von vier auf 1,1 Sekunden reduziert.
Als Reaktion auf das Verschwinden künstlerischer und kultureller Freiräume sieht sich das „Silen Green“ als Ort, der in der Nachbarschaft verankert ist und mit internationaler Ausrichtung auch Anziehung über Berlin hinaus ausübt. Das sei wichtig, erklärt Ellerkamp, denn was Berlin heute zu einem Ort mit internationaler Bedeutung gemacht hat, war die Kultur der Neunzigerjahre, und es waren kleine Projekträume. Dass sich junge Leute nach Kultur und Begegnung sehnen, beobachtet auch sie. Viele Menschen in ihren Zwanzigern kommen ins „Silent Green“. Sie interessieren sich wieder mehr für Kultur und Politik. Ein Hoffnungsschimmer.
Die Akustik in der Kuppelhalle ist herausfordernd, nur bestimmte Stile werden hier gespielt, so zum Beispiel während des „Open Lab“ ein Auftritt von Gregory Pearce.Paulina HildesheimWenige Hundert Meter vom „Silent Green“ entfernt befindet sich der Leopoldplatz, ein zentraler Drogenumschlagplatz in Berlin. Nicht nur die Hauptstadt hat mit steigendem Drogenkonsum und Obdachlosigkeit zu kämpfen. Die Politik ist zwischen Repression und sozialen Hilfsmaßnahmen überfordert. Trotz Gentrifizierung wurde auch das Elend sichtbarer, und die Probleme werden oft nur verlagert. Diese Entwicklungen laufen parallel.
Ein gepflasterter Weg führt vom Kino an der Kuppelhalle und dem „Mars“ vorbei zurück zur Liegewiese, wo gelesen und gepicknickt wird. Im Betonbau findet eine Konferenz statt, später eine Kunstperformance. Unter der Erde wird die Melhus-Ausstellung aufgebaut, und ein Dachgarten wuchert vor sich hin. Das Pförtnerhäuschen hinter sich lassend, verliert man den angrenzenden Friedhof aus dem Blick und landet schnell auf der viel befahrenen Müllerstraße. 100 Meter weiter fährt die Ringbahn am S-Bahnhof Wedding ihre Runden. Im „Silent Green“ bekommt man davon wenig mit.

vor 2 Stunden
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