Am neuen Album der Sopranistin Simone Kermes könnten sich die Geister nicht zum ersten Mal scheiden. Es fügt sich bruchlos ein in die Reihe der thematisch extravaganten Alben, die zum Markenzeichen der flamboyanten Sängerin geworden sind. In ihrer letzten Veröffentlichung „Inferno e Paradiso“ setzte sie die Arie „Erbarme dich“ aus Bachs Matthäuspassion neben einen Song von Lady Gaga und kleidete den Konditorei-Hit „Aber bitte mit Sahne“ von Udo Jürgens in ein barockes Gewand. In ihrem neuen Album „La Luce“, dessen Aufnahmen bereits 2020 entstanden und wegen Corona liegen geblieben sind, summieren sich die dreizehn Titel ebenfalls zu einem wilden Ritt durch die Zeiten und Stile. Wer einen hochkulturellen Sampler erwartet oder gar auf den gutbürgerlichen Geschmack baut, steht auf verlorenem Posten.
Die Auswahl ist durch die persönlichen Vorlieben und sängerischen Eigenheiten der Kermes bestimmt. Ein Schwerpunkt liegt wie immer auf barocken Arien, ein zweiter auf Arrangements von Filmmusik, unter anderem mit Kompositionen der pathosgeladenen polnischen Avantgarde aus den 1980er-Jahren. Letztere sind ein Resultat der Zusammenarbeit der Sängerin mit Chor und Orchester der Warschauer Kammeroper (Leitung: Julien Salemkour), was im Booklet von polnischer Seite in hohen Tönen gelobt wird.

Beim Gang durch das musikalische Wunderland wird gleich zu Beginn deutlich, wo es langgeht. Auf die Eröffnungsarie „Se in campo armato“ aus Leonardo Vincis Metastasio-Oper „Catone in Utica“ mit ihren den Tonraum ausmessenden Sprüngen und Koloraturen folgt im Tonfall des gebremsten Affekts der Popsong „One Day I’ll Fly Away“ von Will Jenkins. Dann die erstaunliche Nummer drei: Mozarts Konzertarie „Vorrei spiegarvi, oh Dio!“, komponiert als Einlage zu einer längst vergessenen Oper von Pasquale Anfossi und ein Kleinod in der Fülle seiner Vokalwerke.
Simone Kermes: La Luce. Simone Kermes, Warsaw Chamber Choir, Warsaw Chamber Opera Orchestra, Julien Salemkour.Prospero (Note 1)Für die Klage der verschmähten Clorinda lässt Mozart die erste Violine mit Dämpfer spielen (was leider in der Aufnahme von der dialogisierenden Oboe zugedeckt wird). Die Anweisung macht sich Kermes zu eigen und singt ebenfalls „con sordino“. Ihre mit traumwandlerischer Sicherheit bis in die dreigestrichene Oktave hinauf geführte Stimme klingt körperlos und obertonarm und ist im Ausdruck radikal zurückgenommen. Wie sie da oben ohne Vibrato herumflötet, erinnert von ferne an den ätherischen Klang des Theremins. Der mutige sängerische Zugriff, der mit allen Konventionen bricht, rückt die Szene in die ästhetische Sphäre des Artifiziellen, in der Werke der frühen Moderne wie Schönbergs zweites Streichquartett und Ravels „Trois poèmes de Stéphane Mallarmé“ beheimatet sind.
Zu den Stärken der Kermes gehören der Koloraturgesang und die Treffsicherheit bei großen Sprüngen sowie die mit instrumentaler Klarheit gezeichneten Legatolinien. Ennio Morricones Vokalisen von „Once Upon A Time in the West“ sind da natürlich unverzichtbar. In der Aufnahme vom 6. Juli 2020, dem Todestag des Komponisten, wie Kermes anmerkt, wachsen ihre lang gezogenen Melodiebögen wunderbar organisch aus der Orchesterbegleitung hervor – nostalgische Verklärung, fast zu schön und wie gemacht zum Breitwandsound.
Eine Fortsetzung findet das in einer Komposition von Zbigniew Preisner zum Film „Die zwei Leben der Veronika“ von Krzysztof Kieślowski und in Preisners inbrünstigem „Lacrimosa“. Hier kann die Kermes ganz groß aufdrehen. Zusammen mit einer Vokalise von Wojciech Kilar zu Roman Polańskis Film „Die neun Pforten“ erhält man so einen Eindruck von der emotionsgeladenen polnischen Kulturszene im Umfeld der Solidarność-Bewegung und ihrer Folgen. Die Vokalszene „Glitter and Be Gay“ aus „Candide“ von Leonard Bernstein bildet den denkbar größten Kontrast dazu. In ihrem Broadway-Tonfall fühlt sich die Sängerin pudelwohl, und nebenbei kann sie nochmals ausgiebig ihre blitzsauberen Spitzentöne demonstrieren.
In der Abteilung Barock/Klassik finden sich als Trouvaillen eine gesangstechnisch herausfordernde Arie aus dem Oratorium „Giob“ von Carl Ditters von Dittersdorf, das Stimmungsbild „Sonno, se pur sei sonno“ aus Vivaldis „Tito Manlio“ und die Arie des sterbenden Aci aus „Aci, Galatea e Polifemo“, der dritten, englischen Fassung der Serenata von Händel. Als Schlussstück auf dem Album bildet sie das die Sinne besänftigende Ende einer Reise durch die postmoderne Musiklandschaft, bei der man ordentlich durchgeschüttelt wird. Überraschende Hörerfahrungen sind aber garantiert.
Simone Kermes: La Luce. Simone Kermes, Warsaw Chamber Choir, Warsaw Chamber Opera Orchestra, Julien Salemkour. 1 CD, Prospero PROSP0141 (Note 1)

vor 3 Stunden
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