Panajotis Kondylis: Er sah das Scheitern der Globalisierung voraus

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Es gibt nur wenige Geschichtsdenker, die die Kunst geschichtlicher Prognose beherrschen, konstatierte Reinhart Koselleck 1965 in einem Aufsatz über Lorenz von Stein. Die historische Zunft wendet sich meist exklusiv dem Vergangenen zu, und diejenigen, die das Feld der Zukunft beackern, tun das aus weltanschaulichen Motiven, die das Urteil eher trüben als erhellen. Dass jemand aus der Geschichte etwas für die Zukunft lernt, ist unter neuzeitlichen Bedingungen – jenseits von Gemeinplätzen und moralischen Warnungen – eher der Ausnahmefall.

Diese seltene Prognosekunst, die Koselleck an Lorenz von Stein faszinierte, lässt sich nun wieder studieren, in anderer Form, aber mit ähnlicher Meisterschaft. Der Karl Alber Verlag hat mit privater Unterstützung einen Band von Panajotis Kondylis wieder aufgelegt, der zuerst 1992 erschienen ist und seit Langem kaum noch zu greifen war. Der 1998 verstorbene griechisch-deutsche Privatgelehrte ist noch immer ein Geheimtipp – was schon daran liegen mag, dass es kaum möglich ist, ihn irgendeiner akademischen Disziplin zuzurechnen. Kondylis veröffentlichte exzellente Studien zur Geschichte der Aufklärung, des Konservativismus und zur Entstehung der Massendemokratie, blieb dem Universitätsbetrieb im engeren Sinne aber bewusst fern.

Die Schattenseiten der Globalisierung

In „Planetarische Politik nach dem Kalten Krieg“ versuchte Kondylis einen Blick in die Zukunft des Weltgeschehens nach dem Ende der Blockkonfrontation zu werfen. Damit war er in den Neunzigern nicht der Einzige. Überall blühten Hoffnungen auf, die mit dem Siegeszug der Globalisierung verbunden waren. Von einem zusammenwachsenden Planeten versprach man sich Demokratisierungsschübe, ökonomischen Fortschritt und die Befriedung des Staatensystems, am besten unter der Regie „postnational“ agierender globaler Organisationen. Nicht alle waren dabei so naiv wie Francis Fukuyama, aber sein geschichtsphilosophischer Überschwang war auch andernorts zu spüren.

 „Planetarische Politik nach dem Kalten Krieg“Panajotis Kondylis: „Planetarische Politik nach dem Kalten Krieg“Karl Alber

Kondylis sah es anders – mit einer Hellsichtigkeit, die im Rückblick erstaunen muss. Auch er maß der Globalisierung außerordentliche Bedeutung bei, doch er misstraute den an sie geknüpften politischen Erwartungen. „Wir können nicht wissen“, heißt es bei ihm 1992, ob der neue planetarische Zustand die „Beseitigung aller Grenzen oder die Errichtung neuer Wirtschaftsimperien nach sich zieht“. Die geschichtliche Erfahrung lehre, dass „Spannungen gerade in Zeiten zunehmender Verflechtung wachsen können“.

Die Ökonomisierung der Politik, von der sich viele die Ersetzung des Krieges durch den Handel erhofften, könne schnell in die Politisierung der Ökonomie umschlagen. „Der freie Handel“, schreibt Kondylis zwei Jahre später andernorts, als hätte er unsere Gegenwart vor Augen, „wird in anderem Licht erscheinen, wenn das erste Exportland nicht mehr Vereinigte Staaten oder Deutschland, sondern China heißt“. Ob die internationalen Organisationen wie die UNO oder die WTO dann noch den „gemeinsamen Verständigungsort“ oder nicht vielmehr „das gemeinsame Schlachtfeld abgeben werden“, werde sich erst zeigen.

Massenmigration erzeugt Gegenreaktionen

In diesem Sinne sah Kondylis auch die Wiederkehr von Protektionismus und Nationalismus voraus, nicht als Verneinungen der Globalisierung, sondern als zwei Wege, um unter planetarischen Bedingungen möglichst viel für die eigene Gruppe herauszuschlagen. Auch die Prognose, dass zukünftige Migrationswellen „hysterische und barbarische Reaktionen auslösen“ werden, findet sich in seinen Aufsätzen, von denen einige in den Achtzigern und Neunzigern zuerst in dieser Zeitung erschienen sind (was dem Band, der auch sonst nicht durch editorische Sorgfalt auffällt, nicht zu entnehmen ist).

Seine prognostische Methode beschreibt Kondylis zu Beginn des Bandes als „sachgerechte Erfassung des Charakters jener Triebkräfte“, die die moderne Geschichte in Gang halten. Die Voraussage konkreter Ereignisketten klammert er bewusst aus. Seine Analyse wendet sich stattdessen den langfristigen Strukturen der historischen Wirklichkeit zu, um, wie er schreibt, den „Bereich möglichen Handelns“ abzustecken. Man konnte nicht wissen, soll das heißen, wie ein möglicher Präsident Trump im Jahr 2026 handeln wird, aber man hätte wissen können, dass der Wegfall des sozialistischen Systemkonkurrenten wahrscheinlich zu einer militärischen Überbeanspruchung der USA führen und die heimische Wählerschaft den Schattenseiten der Globalisierung aussetzen wird.

Mit Fatalismus darf man all das nicht verwechseln. Lediglich nüchterner als andere beobachtete Kondylis die enormen Strukturveränderungen einer planetarisch gewordenen Politik. Strukturveränderungen, die so folgenreich sind, dass der glückliche Ausgang nur einer von mehreren ist – und nicht der wahrscheinlichste. Wer sich also für die kommenden dreißig Jahre einen realistischeren Blick auf die Lage aneignen will, der greife zu diesem Buch.

Panajotis Kondylis: „Planetarische Politik nach dem Kalten Krieg“. Karl Alber Verlag, Baden-Baden 2026. 132 S., br., 29,– €.

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