Schulen in Gaza: Es fehlt an allem, nur nicht an Hoffnung

vor 12 Stunden 1

Manchmal sind keine Stifte da, keine Blätter und nicht einmal eine Tafel. „Dann müssen wir alles mündlich machen“, sagt Maha Abdullah Abo Samara. „Aber zumindest unterrichten wir wieder.“ Samara ist Lehrerin im Gazastreifen und unterrichtet seit ein paar Wochen wieder, nicht in einem Klassenzimmer in einer richtigen Schule, sondern in einem Zelt, das eine Hilfsorganisationen gestiftet hat. Es fehle an allem, sagt Samara: Stühle, Tische, Tafeln, Stifte, Bücher und psychologische Hilfe für die Schüler, die mehr als zwei Jahre Krieg hinter sich haben. „Trotz allem, was sie durchgemacht haben, sind die Kinder begeistert, wieder lernen zu können. Die Schule, auch wenn sie in einem Zelt stattfindet, steht für Sicherheit, Spiel und das Treffen mit ihren Freunden“, sagt Samara. Der Name ihrer Schule: „Akademie der Hoffnung“.

Zwei Jahre lang gab es keinen richtigen Schulunterricht, höchstens ein paar Onlinekurse, für die wenigen, die einen Computer hatten und Zugang zum Internet. Zwei Jahre bombardierte die israelische Armee nicht nur die Stellungen und Tunnel der Hamas, sondern machte auch die Schulen in Gaza zu einer Trümmerwüste, etwa 97 Prozent der Gebäude seien zerstört, sagt Unicef.

Seit dem Waffenstillstandsabkommen eröffnen die ersten Schulen wieder, so gut es geht. Obwohl noch immer gekämpft wird, seit Oktober mehr als 500 Palästinenser getötet wurden, darunter auch viele Kinder. Auch mindestens drei israelische Soldaten wurden von der Hamas getötet.

Die Lehrerin Samara sagt in Sprachnachrichten, sie und die Kinder hörten immer wieder das Geräusch von Granaten in der Schule der Hoffnung. In Gaza, wo es wenig Hoffnung gibt. Millionen Menschen sind vertrieben, eingepfercht auf etwa der Hälfte des ursprünglichen Gebietes, den Rest hält Israel besetzt, zerstört dort weiter Häuser und Felder, die Lebensgrundlagen der Palästinenser.

Nach Angaben der Vereinten Nationen wurden in Gaza sogar mehr Schulen als Wohnhäuser bombardiert, Kritiker werfen Israel die systematische Zerstörung aller Bildungseinrichtungen vor. In den sozialen Medien kann man Dutzende Videos sehen, auf denen israelische Soldaten sich selbst vor Schulen und Universitäten zeigen, deren Zerstörung sie bejubeln. Auf einem sagt ein Soldat vor einer Trümmerwüste: „An alle, die sich fragen, warum es keine Bildung mehr gibt in Gaza. Weil wir eine Rakete auf sie haben fallen lassen. Ah, zu blöd.“ Dann lacht er.

Die Lehrerin Samara sagt, dass viele ihrer Schüler im Krieg den Vater oder die Mutter verloren haben, oder nahe Angehörige, sie seien traumatisiert, aber auch voller Motivation. Die Schule gebe ihnen etwas Stabilität, einen festen Tagesablauf, ein wenig Normalität. Auch wenn wenig normal ist in Gaza. Das Leben sei nicht luxuriös gewesen vor dem Krieg, sagt die Lehrerin Samara. Aber viele Schulen hatten naturwissenschaftliche Labors, Computerräume, Internetzugang und Bildungsressourcen. All das ist nun verschwunden. Nichts davon ist übrig geblieben.

Die meisten Schulen, die dennoch Unterricht anbieten, unterrichten nur vier Fächer: Arabisch, Englisch, Mathematik und Wissenschaft. Oft gibt es keinen Strom und keine Internetverbindung, Lineale, Bleistifte oder Radiergummis. „Wir fordern schon seit Langem, dass diese Materialien in den Gazastreifen gelangen dürfen, aber sie werden immer noch nicht zugelassen“, sagte ein Unicef-Sprecher Anfang Januar der BBC. „Das Gleiche gilt für Materialien zur psychischen Gesundheit und psychosoziale Freizeit-Kits – Spielzeug-Kits, die für Aktivitäten zur psychischen Gesundheit und Freizeitaktivitäten mit den Kindern verwendet werden können.“ Ende Januar genehmigte Israel dann eine Lieferung von 4400 Freizeit-Sets und 240 „School-in-a-Carton-Sets“ von UNICEF, mit Bleistiften, Kugelschreibern, Kreide, Heften und Geometriesets – weitere 18 000 Sets sollen bald geliefert werden. Das ist viel, aber wenig für insgesamt etwa 600 000 Kinder im Schulalter. Das, was in Gaza noch an Schulmaterialien zu bekommen ist, ist deshalb oft sehr teuer.  Vor dem Krieg kostete ein kleines Notizheft 30 Cent, nun ist es fünfmal so teuer. Zu viel für die meisten Eltern, die seit zwei Jahren nicht mehr arbeiten können.

Samara unterrichtete vor dem Krieg auch an Schulen des Hilfswerks der Vereinten Nationen für Palästina-Flüchtlinge im Nahen Osten (UNRWA), die von Israel fast völlig zerstört wurden – weil sie als Stützpunkte der Hamas gedient hätten, so die Armee.

Israel will das UNRWA aus Gaza verdrängen, die Zentrale des Hilfswerks in Ost-Jerusalem wurde von Bulldozern zerstört. Vor dem Krieg betrieb UNRWA 288 Schulen in Gaza, mit fast 300 000 Schülern. Etwa 60 000 werden nach Angaben der Organisation mittlerweile wieder in temporären Schulen unterrichtet, viele davon nur einige Stunden pro Tag im Mehrschichten-System. UN-Mitarbeiter berichten davon, wie sie durch die zerbombten Städte fahren, auf der Suche nach Gebäuden, in denen provisorische Schulen eingerichtet werden können, und nur Geröll finden. Die wenigen Schulen, die nicht zerstört wurden, sind zu Flüchtlingsunterkünften geworden. So bleiben für viele Kinder nur Zelte ohne Heizung, in Gaza ist jetzt Winter, es regnet viel, die Temperaturen liegen nachts im einstelligen Bericht.

:Wer ein Warum hat, erträgt jedes Wie

491 Tage wurde Or Levy in Gaza gefangen gehalten. Seit einem Jahr ist er wieder frei, langsam tastet er sich zurück ins Leben. Seinen Sohn zieht er alleine groß, die Mutter wurde von der Hamas getötet. Begegnung mit einem Überlebenden – der sich brutalen Fragen stellen muss.

„Die Schüler haben oft nichts Richtiges anzuziehen“, sagt Omar Nasrallah. Er ist seit 22 Jahren Englischlehrer und wurde nach dem Terror der Hamas vom 7. Oktober und dem Gegenangriff der israelischen Armee mehrfach vertrieben. „Ich bin erschöpft, physisch, psychisch und auch finanziell“, sagt er. Er hat viele Freunde und Kollegen im Krieg verloren. Aber die Begeisterung der Schüler mache es auch für ihn einfach weiterzumachen.

„Leider leiden sowohl Schüler als auch Lehrer unter komplexen psychologischen Traumata, und es gibt nur sehr begrenzte psychologische Unterstützung“, sagt Nasrallah. Dennoch habe die Schule so viele Anmeldungen von Schülern, dass sie gar nicht alle Kinder aufnehmen kann. Nach Schätzungen kann derzeit nur ein Drittel aller Schüler in Gaza in irgendeiner Form unterrichtet werden. „Fast zweieinhalb Jahre lang wurden die Schulen in Gaza angegriffen, wodurch eine ganze Generation gefährdet ist“, sagt James Elder, der Sprecher von Unicef. Vor dem Krieg hätten die Palästinenser eine der höchsten Alphabetisierungsraten weltweit gehabt. „Heute ist dieses Erbe bedroht: Schulen, Universitäten und Bibliotheken wurden zerstört, und jahrelange Fortschritte wurden zunichtegemacht“, sagt er.

Unicef hat 110 temporäre Lernräume geöffnet, in denen eine Art Unterricht angeboten wird, sogenannte „Play and Heal“-Aktivitäten für Kinder: Sie sollen spielen, einen festen Tagesablauf bekommen, und auch Zugang zu Toiletten und Waschräumen haben, die es in den Flüchtlingslagern nicht gibt. Sie sollten wieder Hoffnung schöpfen, sagt Elder.

In der „Akademie der Hoffnung“ der Lehrerin Samara fehlt es an allem, an Stühlen, Büchern und Stiften. Es fehlen Erinnerungen, Menschen und Schulgebäude. „Die Trauer ist immer präsent, aber sie hält uns nicht davon ab, es zu versuchen und weiterzumachen.“

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