Schubertiade Hohenems: Gipfeltreffen des Liedgesangs

vor 22 Stunden 1

Der Bariton Konstantin Krimmel ist eines der größten Wunder im deutschen Lied, seit der Komet des Tenors Fritz Wunderlich verglüht ist. Krimmel singt, er doziert nicht. Er stellt Nähe her, ohne sich ranzuschmeißen. Seine Stimme hat beim Singen die gleichen Vokalfarben wie beim Sprechen. Er dunkelt nichts ein, plustert nichts auf, raunt nicht; alles wirkt zwanglos und ist doch bezwingend.

Dabei geschieht immer wieder Ungeheuerliches: Im Markus-Sittikus-Saal der Schubertiade in Hohenems singt er „Willkommen und Abschied“ von Franz Schubert. Ammiel Bushakevitz nimmt das Pferdegetrappel auf dem Klavier bewundernswert leicht, deutlich und doch samten, bis der Ausruf kommt: „Und Zärtlichkeit für mich – Ihr Götter! Ich hofft es, ich verdient es nicht.“ Man wird überrumpelt von dem, was Krimmel und Bushakevitz hier an Untertönen nach oben holen: Man hört das Entsetzen des Mannes über sich selbst, als Unwürdiger beschenkt worden zu sein, hört die unter Aktionismus angestauten Schuldgefühle, hört aber auch das empörungsgeladene, unversöhnte Verhältnis zu den Göttern, die ihm das Glück missgönnen. Was ihn hier getroffen hat, ist eine Gnade, die rein irdischer Natur war. Krimmel reißt an dieser Stelle einen Krater des Innehaltens in die Raserei und schreit doch – wenngleich stimmlich überaus schön – seine Erschütterung heraus.

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Das Zusammenspiel Krimmels mit seinem überaus sensiblen Pianisten Bushakevitz zeigt sich auch im Schubert-Lied „Sehnsucht“, wenn das Klavier in der Zeile „Mir fehlt mein Lieb, das treue Blut“ auf dem Wort „mein“ eine kleine Verzögerung vorgibt und Krimmel sofort reagiert, sodass „mein Lieb“ zielgenau als Adressat der Sehnsucht aus dem resignativen Gleichmaß des Liedes ausschert. Was nach ausgefeilter Probenarbeit klingt, entstehe, so versichert es Bushakevitz im Gespräch mit der F.A.Z., weitgehend spontan durch wortlose Kommunikation. Die Sicherheit erwächst aus Intuition, nicht aus Analyse.

Die Schubertiade wird fünfzig Jahre alt. Feierte sie 2025 ihre fünfzigste Saison, so steht jetzt der fünfzigste Geburtstag an. Gerd Nachbauer, der damals 24 Jahre alt war und die Schubertiade gemeinsam mit dem Bariton Hermann Prey ins Leben rief, leitet das inzwischen weltweit bedeutendste Festival für Liedkunst bis heute. Zum Jubiläum hat er exakt das Programm der ersten Schubertiade vom 8. bis 16. Mai 1976 mit neuen Akteuren nachgestellt.

Gerd Nachbauer, Gründer und Leiter der Schubertiade, in Hohenems auf dem Balkon des Schubertiade-Büros Foto Jan BrachmannGerd Nachbauer, Gründer und Leiter der Schubertiade, in Hohenems auf dem Balkon des Schubertiade-Büros Foto Jan Brachmann

Krimmel und Bushakevitz übernehmen die Rolle von Prey und dessen Begleiter Leonard Hokanson; Sophie Rennert und Joseph Middleton treten die Nachfolge der Mezzosopranistin Christa Ludwig und des Pianisten Erik Werba an; das Mandelring Quartett beerbt das Melos-Quartett; das Klavierduo Yaara Tal und Andreas Groethuysen tritt die Nachfolge von Paul Badura-Skoda und Jörg Demus an.

Tal und Groethuysen haben einen großen Moment an einer ganz leisen Stelle: dem Beginn der Durchführung im ersten Satz von Schuberts Sonate B-Dur für Klavier zu vier Händen. Durch Harmonik, Farbe und Begleitung wird das Hauptthema plötzlich in eine freundliche Unwirklichkeit entrückt. Was wir hören, ist schön, aber nicht wahr; es tut gut, ist aber nicht echt. Und wir sind uns des Trugs zugleich bewusst.

Das Mandelring Quartett kennt Schuberts späte Quartette in a-Moll und d-Moll vielleicht schon zu gut, um noch von ihnen überrascht zu werden. Alles ist filigran, durchsichtig, überlegt und beinahe körperlos geworden, wenn nicht zuweilen die Bratsche Impulse des Schroffen und Ungezähmten setzen würde.

Konstantin Krimmel (vorn links) und der Kammerchor Feldkirch mit Benjamin Lack in der Pfarrkirche St. Karl in Hohenems Foto SchubertiadeKonstantin Krimmel (vorn links) und der Kammerchor Feldkirch mit Benjamin Lack in der Pfarrkirche St. Karl in Hohenems Foto Schubertiade

Rennert lässt sich als Mezzosopranistin ankündigen, aber ihre Stimme will in die Sopranlage. Sie singt auch einige der Schubert-Lieder in der hohen Ausgabe. Der Silberklang ihres Timbres geht eher in Richtung Edith Mathis als in Richtung Christa Ludwig. Das große Crescendo in langsamem Tempo auf einem einzigen Atem mit abschließendem Leiserwerden am Schluss von „Du bist die Ruh“ zeigt bei ihr hohe technische Vollendung. Die Stimme präsentiert sich selbst in einer Schönheit, die für sich einnimmt; etwas mehr erzählen könnte sie noch.

Es ist Gerd Nachbauer sicherlich klar, dass er durch die Programmrekonstruktionen auch historische Vergleiche provoziert; dass er sich ein Urteil über den heutigen Stand der Liedkunst zutraut; dass er damit auch Rangfolgen postuliert. Aber er hat diese Kompetenz. Schon Prey traute – wie man im Schubertiade-Museum in Hohenems lesen kann – dem fünfundzwanzigjährigen Nachbauer 1977 zu, alle Schubert-Duette, „die Sie für mich für geeignet halten“, zu fotokopieren und ihm nach Hause zu schicken. Wenn das kein Vertrauensbeweis war! Nachbauer wiegelt heute ab: „Ach, das war einfach. Ich musste bloß nachschauen, was Dietrich Fischer-Dieskau vier Jahre zuvor mit Janet Baker aufgenommen hatte“.

Doch in den vergangenen fünfzig Jahren hat Nachbauer sich ein gewaltiges Wissen erarbeitet, die künstlerischen Nachlässe von Elisabeth Schwarzkopf, Walter Legge und Fritz Wunderlich übernommen, Einblicke in die Korrespondenz zwischen Carlos Kleiber und Elisabeth Furtwängler gehabt und mit den stilprägenden Künstlern des Liedgesangs gearbeitet: Schwarzkopf, Brigitte Fassbaender, Jessye Norman, Peter Schreier, Fischer-Dieskau, Christoph Prégardien, Pianisten wie Swjatoslaw Richter, Alfred Brendel, Elisabeth Leonskaja. Es war Nachbauer mit seiner Schubertiade, der dem Bariton Christian Gerhaher und dessen Pianisten Gerold Huber früh ein Podium bot und der schon 2020, als Krimmel noch studierte, bemerkt hatte, was für eine große Begabung sich da zeigte.

„Danke, lieber Gerd, auch für Deine Loyalität, dass man wiederkommen durfte, wenn man sich nicht ganz doof angestellt hatte“, sagt Krimmel in seiner kurzen Ansprache, um dann in der Zugabe mit „Glückwunsch“ von Erich Wolfgang Korngold den Saal in einem Dammbruch der Dankbarkeit unter Wasser zu setzen.

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