Jedes Festival ist anstrengend, zumindest für Journalisten, die ein Fazit daraus ziehen sollen. Das gilt in Cannes, in Klagenfurt und auch beim Heidelberger Stückemarkt. Die groteske Verdichtung, die erlebt, wer sich tagelang fast pausenlos Spielfilme reinzieht, Gegenwartsliteratur trinkt oder Regietheater raucht, führt im besten Fall zu einem Rausch, manchmal aber auch zu einem Kater.
Die Verdichtung hat freilich auch Vorteile für die Analyse – beziehungsweise Diagnose. Beim Theater ist längst von Diagnose zu sprechen, das ist nichts Neues, und sowohl die Auswüchse der Regieeinfälle als auch die Reflexe dagegen gehören zur Theatergeschichte. Man erinnere sich, so viel darf vielleicht pro domo gesagt werden, neben vielen Beiträgen in dieser Zeitung auch an international wirksame wie Daniel Kehlmanns umstrittene Salzburger Invektive von 2009 gegen Regietheater als quälendes Genudel.
Was an den Nerven zerrt und sägt
Neu sind allenfalls noch die Mittel der Qual. In Heidelberg beim 43. Stückemarkt, dem letzten unter der Intendanz von Holger Schultze, wird spätestens in der dritten oder vierten Aufführung klar: Das Qualmittel der Gegenwartsdramaturgie ist die akustische Folter. War sie es eine Zeit lang in Form von lauter Popmusik, oft kontraintuitiv eingesetzt (auch das kommt weiterhin vor), erklingt nun zumeist eine Tonspur aus dem Off mit Geräuschen, die an den Nerven zerren, ja sägen.
Der Wind heult am Polarkreis: Szene aus „Aalaapi“Collectif Aalaapi/Heidelberger StückemarktIm Eröffnungsstück, Yannic Han Biao Federers „Asiawochen“, ist es ein zunächst unterschwelliges Brummen, das teils bis zur Unerträglichkeit gesteigert wird. Im Gastspiel aus Hannover, Sibylle Bergs „Ein wenig Licht. Und diese Ruhe“ (Regie: Lena Brasch), ist es ein hyperreal lautes Wassertropfen, das die Ruhe stört. In dem aus Gelsenkirchen, Svealena Kutschkes „Fußnoten aus dem späten 21. Jahrhundert“ (Regie: Pablo Lawall), fragt man sich, ob es nur Einbildung sei, aber dann auch hier ganz deutlich das Tropfgeräusch: „Plitsch!“
Großes Solo für Katja Riemann
Das Brodeln soll, wer hätte das gedacht, für unbewältigte Vergangenheit stehen. Das Plitschen ist eine Chiffre fürs Genre der Klimafiktion, die auch auf dem Theater boomt. Bei Sibylle Berg tropft das Wasser durch bis in einen Kellerbunker, in dem der vielleicht letzte Mensch sitzt, bei Svealena Kutschke sitzt das groteske Büropersonal teils schon im U-Boot, bevor es sich einen Pinguin am Spieß brät. Und auch beim Gastspiel „Aalaapi“ vom gleichnamigen Kollektiv aus Kanada gibt es eine solche Tonspur: Hier ist es der Wind am Polarkreis, der eine kleine Hütte umheult.
Oft denkt man: Genügt es denn nicht mehr, auf schauspielerische Leistung zu vertrauen? Das würde allerdings voraussetzen, dass es etwas zu spielen gibt. Bei Kutschkes absurdem Theater mit Puppen-Elementen ist das durchaus der Fall, bei Bergs Einpersonenstück erst recht: Es bietet Katja Riemann Gelegenheit für ein großes Solo, das auch ohne jegliche Effekte und Ausstattung schon theatralisch tragen würde: Sie spielt einen verzweifelten Ingenieur, dessen Monolog immer klarer macht, dass die kriegslüsterne Menschheit oben dabei ist, sich totzusiegen, während unten im Bunker nur kleine Erschütterungen ankommen.
Allein unter Tage: Katja Riemann in „Ein wenig Licht. Und diese Ruhe“Heidelberger Stückemarkt/Niedersächsisches Staatstheater HannoverAus einer wie von Berg gewohnt zynischen Abrechnung mit dem Kapitalismus („Was kümmern Überstunden, wenn man dafür ein Dasein erhält?“) schält sich bald immer deutlicher eine pazifistische Moral heraus, die für den Ingenieur aber zu spät kommt. Katja Riemann lässt ihn, zunächst cool zwischen Sprechen und Singen, den Berg-Sound vertonen, dann aber auch strampeln und schreien in seinem Kerker. Ein Quantum Trost bietet nur noch der imaginäre kleine Freund mit Gitarre, der auf der Bühne real wird als versierter Jazzgitarrist (Pascal Ritter).
Mehr als nur ein erhobener Zeigefinger
Bei der Aufführung von „Aalaapi“ hingegen hat man über weite Strecken den Eindruck, einen auf die Außenwand der Hütte projizierten Dokumentarfilm über Inuit, ihre Sprache und Kultur im Konflikt mit kanadischem Kolonialismus zu sehen. Immerhin: Die Minimalhandlung zwischen zwei Frauen in der Hütte, die kochen und fernsehen, während draußen der Sturm alle nicht gut festgebundenen Kanus wegzufegen droht, hat gewisse Jim-Jarmusch-Effekte und durchbricht am Ende auf amüsante Weise die „vierte Wand“.
Und bei „Asiawochen“, also jenem Stück, das im vergangenen Jahr in Heidelberg gleich zwei Preise sowie den SWR-Hörspielpreis gewann und hier zur Bühnen-Uraufführung kam? Auch darin ist ein echtes Drama nur schwer zu erkennen, es handelt sich vielmehr um Erklärtheater mit mehr als nur einem erhobenen Zeigefinger. So gut der ironische Titel des Stücks, so überdeutlich seine Botschaft: Wir verdrängen die Übel der Kolonialgeschichte. Das wirft die Hauptfigur Vanessa, eine Lehramtsstudentin, auch dem Publikum vor, während sie sich mit ihrem Freund und ihrem Vater, der eine traumatisierende Migrationsbiographie hat, bei McDonald’s arbeitet und ihr zu viel schweigt, auseinandersetzt.
Auftritt des Autors in Kindgestalt: Francesco Vanella in „Asiawochen“Susanne ReichardtDie zweite Botschaft, dass im Westen noch immer viele Asien-Klischees grassieren, wird vom chinesischen Regisseur Wang Chong und der in Südkorea geborenen Kostümbildnerin Ji Hyung Nam überspitzt zum Plakat. Gewitzt wirkt dagegen die Idee, die metatheatralische Einmischung des 1982 geborenen Autors Federer in Gestalt eines Kindes (Francesco Vanella) zu verwirklichen, das mit Propellermütze auf einem Roller fahrend weise Vorschläge macht und so auch den belehrenden Charakter der Aufführung etwas bricht.
Zehn bis vierzehn Millionen Männer betreten die Bühne
Auch die Wettbewerbe für deutschsprachige Dramatik und solche aus Kanada zeigen dann einiges Erklärtheater, aber ebenso schauspielerische Höhepunkte – in den szenischen Lesungen ganz ohne Störgeräusche. Da überzeugt vor allem Jordan Tannahills Satire „Prince Faggot“ („Der Schwuchtelprinz“), die fragt, was wäre, wenn der 2013 geborene britische Prinz George eine „queere royale Biographie“ hätte. Ausgezeichnet von der Jury werden Lennart Kos’ Komödie „Balance und Harmony“ über ein Meditations-Retreat, das nicht alle Figuren überleben, sowie international Erin Shields für den Text „To a Flame“ („Zum Licht“) über drei Frauen im Kampf gegen das Patriarchat, dessen Mehrsprachigkeit auch Gebärdensprache meint und für die Bühne erfordert.
Der diesjährige Jugendstückepreis geht an das Gastspiel des Theaters der Stadt Aalen „ich sehe was / was du nicht siehst“ von Sergej Gößner (Regie: Julius Max Ferstl), der Publikumspreis an Fayer Koch für „Herz-Emoji, Bizeps“. Auch dessen szenische Lesung hat komische Meriten, die Umsetzung auf der Bühne wird aber eine große Herausforderung werden, denn gleich zu Beginn betreten „zehn bis vierzehn Millionen Männer die Bühne. Es vergeht ein bisschen Zeit.“ Dann sagen sie: „Entschuldigung, Entschuldigung, Entschuldigung. Zufrieden?“
Unterm Strich bleibt der Stückemarkt ein Geschenk, das viel weite Welt nach Heidelberg bringt – und mit dem Gastspiel „Erased“ von Coleen Shirin MacPherson aus dem „Open Heart Surgery Theatre“ in Toronto findet er sogar noch einen unheimlichen Höhepunkt, bei dem alles zusammenpasst: eine Klimafiktion mit Orwell-Charakter und überaus stimmiger Bild-Ton-Tanz-Dramaturgie.

vor 2 Stunden
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