„Spooky Paradise“: Alles ist Zeichen, nichts ist Ziel

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Schöne Idee eigentlich: aus der Stimmung des letzten Fellini-Films heraus einen Theaterabend zu gestalten. Sich die atmosphärische Unwirklichkeit von „Intervista“ zum Vorbild zu nehmen, um realitätsferne Bilder auf die Bühne zu bringen. Jene Verschwommenheit und Zauberhaftigkeit, die diesen halb dokumentarischen, halb autobiografischen Film aus dem Jahr 1987 auszeichnet. Unvergesslich die Szene, in der Fellini zusammen mit Marcello Mastroianni die in die Jahre gekommene Anita Ekberg besucht, um sich gemeinsam an die ikonische Brunnen-Szenen aus „La Dolce Vita“ zu erinnern. Unvergesslich auch der Beginn des Films, in dem ein japanisches Fernsehteam in den Cinecittà-Studios eintrifft wie eine Delegation von einem anderen Stern, um den Starregisseur bei der Vorbereitung von Sets und der Suche nach Drehorten zu begleiten.

Diese Anfangsszene hat der französische Theatermacher Philippe Quesne zum Hintergrund einer nebulösen Inszenierung gewählt, die mit dem Titel „Spooky Paradise“ fehlerhaft überschrieben ist. Denn in Wirklichkeit ist das, was wir an diesem zweistündigen Abend in der Berliner Volksbühne erleben, weder gruselig noch paradiesisch, sondern nur falsch traurig.

Schnell ermüdend und langweilig

„Traurige Tropen“, so hieß einmal ein eindrucksvolles Buch von Claude Lévi-Strauss über seine ethnologischen Erkundungsreisen ins Innere von Brasilien. Mit „Tropen“ war hier zuerst die Klimazone gemeint; man konnte aber auch auf die Idee kommen, das gleichnamige sprachliche Stilmittel traurig zu finden. Traurig, weil es die Verwendung von Wörtern in einem uneigentlichen Sinn legitimiert. Traurig, weil es Semantiken aus ihrem ureigenen Zusammenhang herausreißt und zu abgehobenen Metaphern stilisiert, die fern von ihrer originalen Bedeutung wirken. Jede Rede vom „gebrochenen Herzen“, jede Verurteilung von „Angsthasen“ böte so gesehen im Grunde Anlass zu tief empfundener Verzweiflung über den Umstand, dass hier ursprünglicher Sinn semantisch zweckentfremdet wird.

Szene aus „Spooky Paradise“Szene aus „Spooky Paradise“Martin Argyroglo

Der Abend von Quesne versucht in diese Richtung zu denken oder zumindest eine sprachphilosophische Dimension anzudeuten, die das gesprochene Wort nicht als übertragene Information, sondern als Ausdruck von Weltgestimmtheit versteht. Zu Beginn irrt dafür eine Filmcrew-Karawane ausdrucksvoll durch den Nebel, prüft das Gelände, wirft Stoffsteine in imaginäre Schaufenster (und ins realpräsentische Publikum!) und zieht an einem Seil erst einen Schaufelbagger und später einen VW-Bus auf die Bühne. Alle Handlungen sind hier im Sinne der Tropen metaphorisch gemeint, kein Vorgang, der eine irgendwie geartete Handlung voranbringt, alles ist Zeichen, nichts ist Ziel.

Das wirkt schnell ermüdend und langweilig, auch wenn die vielen Requisiten und Kostüme (Tabea Braun) das Auge immer wieder kurz erfreuen. Aber der Zuschauer lebt eben nicht vom visuellen Brot allein, er möchte hin und wieder schon auch etwas ernsthaft Sinnliches zu beißen bekommen. Und wenn ihm das so nachdrücklich verwehrt wird wie hier, dann überkommt ihn mitunter der Hungerzorn.

Ein Abend, der weder Szenen noch Stimmungen bietet

Im Grunde sind die angedeutete Beerdigung eines Clowns und ein ansatzweise komödiantisches Telefonsolo des Zirkusfamilienvaters (lässig leerlaufend gespielt von Martin Wuttke) alles, woran man sich erinnert. Dazu kommen, wie gesagt, schöne Requisiten wie eine aufblasbare Riesen-Tarantel und viele Musikinstrumente, aber wozu sie jeweils zum Einsatz kommen, versteht oder erfühlt man nicht. Zur Surrealität fehlt jede Entschlossenheit, zum Zauberhaften das träumerisch Verspielte.

Und auch, wenn das mit Kathrin Angerer, Rosa Lembeck, Marie Rosa Tietjen und Sir Henry vorzüglich besetzte Volksbühnen-Ensemble immer wieder zusammen Musik macht – von einem Marthaler-Moment bleibt man hier meilenweit entfernt. Es ist ein Abend, der nicht weiß, wozu er angetreten ist. Ein Abend, der weder Szenen noch Stimmungen bietet, sondern nur ein bisschen künstlich vernebelte Atmosphäre. „Lass mich in Ruhe, Du kannst mir sowieso nicht helfen“, bellt Wuttke an einer Stelle seinen Sitznachbarn im VW-Bus an. Und meint in Wahrheit das ratlos dreinblickende Publikum damit. Man kann diesem Abend nicht helfen.

Man will ihn nicht stören. Aber insgeheim fragen, warum das alles auf der großen Bühne eines Berliner A-Hauses stattfinden muss, das traut man sich schon. Es ist höchste Zeit, dass die Volksbühne eine neue Entschlossenheit bekommt – sonst wird das Legendentheater selbst zur traurigen Trope.

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