Seit wieder öfter über die Weimarer Republik und ihren Untergang nachgedacht und über „Weimarer Verhältnisse“ geredet wird, die der Bundesrepublik drohen oder angeblich schon da sind, betrachtet man viele Kunstwerke aus den anderthalb Jahrzehnten vor 1933 mit anderen Augen. Etwa Hannah Höchs Collage „Schnitt mit dem Küchenmesser Dada durch die letzte Weimarer Bierbauchkulturepoche Deutschlands“ von 1919, dem Jahr, in dem die Verfassung der jungen Republik verabschiedet wurde.
Das Bild, das Höch hauptsächlich aus Zeitungsausschnitten komponiert hat, ist in zwei horizontal getrennte Zonen unterteilt. Unten tummelt sich die politische und künstlerische Avantgarde: Lenin, Liebknecht, Karl Marx, der Kommunistenführer Radek, Käthe Kollwitz, George Grosz, Wieland Herzfelde und Hannah Höch selbst. Darüber liegt die Zone der Reaktion: Hindenburg, der abgedankte Kaiser, ein österreichischer General, ein Soldat mit Stahlhelm, die Schauspielerin Pola Negri mit Matrosenmütze und, erstaunlich genug, Albert Einstein mit einer Lokomotive und einem Rieseninsekt als Kopfputz.
Politisches Wimmelbild: Hannah Höchs „Schnitt mit dem Küchenmesser Dada durch die letzte Weimarer Bierbauch-Kulturepoche Deutschlands“ von 1919 Jörg P. Anders / VG Bild-Kunst Bonn, 2026Im Zentrum dieser martialischen Versammlung aber steht, durch ein schwarzes Oval hervorgehoben, der neue Reichspräsident Friedrich Ebert. Als Höch ihre Collage schuf, hatte der neue Staat gerade seine ersten großen Bewährungsproben hinter sich. Sechs Jahre später starb Ebert, durch unaufhörliche Kämpfe gegen rechte und linke Republikfeinde zermürbt, an einer verschleppten Blinddarmentzündung. Hindenburg, sein Nachfolger, ebnete den Weg in den Nationalsozialismus. Für die Dadaisten von 1919 aber war Ebert ein Feind, ihr Märtyrer hieß Liebknecht. So spiegelt sich das Drama der Weimarer „Bierbauchkulturepoche“ gerade in ihren bedeutendsten Hervorbringungen.
Ein Großteil der Bestände ist gerade in Minneapolis zu sehen
„Ruin und Rausch“ nennt die Berliner Nationalgalerie ihre neue Sonderausstellung, die ein weiteres Mal den horrenden Platzmangel der Sammlungen der klassischen Moderne vor der – gerade auf 2030 verschobenen – Eröffnung des Neubaus „Berlin Modern“ alias „Scheune“ am Kulturforum überbrücken muss. Während der Großteil der Bestände gerade in Minneapolis zu sehen ist, haben die Kuratorinnen 35 Spitzenwerke ausgewählt, von denen nur ein einziges, Otto Dix’ Porträt der Tänzerin Anita Berber, von anderswo entliehen ist; das Stuttgarter Kunstmuseum konnte es aus Umbau-Gründen entbehren.
Betrachtet man Dix’ Großbild, ohne an das tragische Schicksal der Dargestellten und ihre „Tänze des Lasters“ zu denken, erinnert es an eine antike Statue: der Faltenwurf, die Pose, das versteinerte Antlitz mit dem gespitzten Kussmund, das alles ist griechisch-römisch vorgeprägt, nur eben in Purpurrot gebadet. Den Rausch, an dem Berber bald darauf sterben sollte, verkörpert sie bei Dix wie eine Königin.
In dieser Männerrunde von Kriegskrüppeln wird die Kartenpartie zum mechanischen Ballett: 1920 malte Otto Dix „Die Skatspieler“ Jörg P. Anders / VG Bild-Kunst Bonn, 2026Fünf Jahre zuvor hatte Dix den Ruin gemalt. Seine „Skatspieler“ von 1920 sind den „Stützen der Gesellschaft“ von Grosz, die gerade in Amerika gastieren, mindestens ebenbürtig, und die Nationalgalerie kann von Glück reden, dass sie das Bild 1995 erwerben konnte; heute wäre es unerschwinglich. Die drei Spieler, allesamt Offiziere verschiedener Rangstufen, werden in unterschiedlichen Spielarten der Verstümmelung gezeigt: Einer, ohne Arme, hält die Skatkarten mit dem Mund, ein zweiter, dem die Augen fehlen, hört über einen Schlauch im Ohr, der dritte hat keinen Unterleib, aber ein eisernes Kreuz an der Brust und einen Unterkiefer aus Stahl mit dem Produktstempel des Künstlers. Die Szene ist reinster Kubismus und zugleich ein Zeitbild erster Ordnung; die Zahnräder, die bei Dix die Armprothesen bewegen (und bei Höch nur ein Ornament sind), rollten bald wieder für den Krieg.
Der Messingkopf passt auf die Filmfigur wie angegossen
Der „Dialog“ zwischen den Werken, ein Fetisch heutiger Museumsleute, führt hier zu überraschenden Anziehungs- und Abstoßungseffekten. Man hätte nicht erwartet, Ernst Ludwig Kirchners „Potsdamer Platz“ mit seinen durch Witwenschleier gekennzeichneten Kokotten im Zackenmuster einmal als halbe Idylle zu empfinden, aber hier, im Kontrast zu Dix’ Kriegskrüppeln und dem nicht minder grausigen Nachttableau „Die Stadt“ von Jakob Steinhardt, geschieht es. Von Rudolf Bellings „Skulptur 23“ blickt man auf einen Ausschnitt aus Fritz Langs „Metropolis“, in dem die mechanische Maria zu unseligem Leben erwacht, und siehe da, der Messingkopf von 1923 passt auf den Film von 1925 wie angegossen.
Melancholie der Jugend in einer heillosen Zeit: Lotte Lasersteins „Abend über Potsdam“ von 1930Roman März / VG Bild-Kunst Bonn, 2026Der neusachliche Optimismus von Oskar Nerlingers „Stadtbahn von Berlin“ und Paul Fuhrmanns „Am Bahnhof“ bricht sich in den Straßenlandschaften, die Gustav Wunderwald im Arbeiterviertel Wedding gemalt hat, und in den bleichen Jungen- und Männergesichtern von Otto Nagel; der „Graue Tag“ von George Grosz mündet in der „Kaschemme“ von Ernest Neuschul oder gar im „Irrenhaus“ von Heinrich Ehmsen. Schließlich die Frauenporträts: Sie alle, ob von Karl Hofer, Hans Grundig, Carlo Mense oder in Bronze gegossen von Georg Kolbe und Renée Sintenis, zeichnen das Gesicht einer unruhigen Epoche, mit blassen, nachdenklichen, trotzigen und zweifelnden Zügen, und man muss nur an die Fotos von Rineke Dijkstra oder Tobias Zielony denken, um ihre Spiegelungen in der Gegenwart wiederzufinden.
Vor allem aber erinnert man sich, während man die allzu kleinen Ausstellungsräume im Mies-van-der-Rohe-Bau durchquert, an Filmbilder: an die vierzigteilige Serie „Babylon Berlin“, die eine ganze Welle von Fiktionen und Dokumentationen zur Weimarer Republik ausgelöst hat; und an Dominik Grafs Kästner-Adaption „Fabian oder Der Gang vor die Hunde“, den Film, der als einziger im jüngeren deutschen Kino die Stimmung der frühen Dreißigerjahre überzeugend eingefangen hat. Den Figuren Grafs und Kästners begegnet man auf Lotte Lasersteins Hauptwerk „Abend über Potsdam“ von 1930 wieder: schwermütige junge Frauen und Männer am Tisch zwischen halb leeren Gläsern und aufgeschnittenem Obst, ein Hund als Vanitas-Symbol, dahinter die Stadt unter einem Himmel aus Blei.
Es ist nicht die Ahnung der heraufziehenden Diktatur, von der das Bild erzählt, sondern die Müdigkeit einer heillosen Zeit, und darin, im Atmosphärischen, ist es uns ganz nah. So wie die untergegangene Republik von Weimar, die in dieser Ausstellung zu hektisch schillerndem Leben erwacht.
Ruin und Rausch. Berlin 1910 –1930. Neue Nationalgalerie Berlin, bis zum 3. Januar 2027. Kein Katalog.

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