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Versteh mich noch, wie Du mich immer verstanden hast, und lösche aus wie ich, was wir beide an uns nicht verstanden. Wie fremd waren wir, als wir uns zum letzten Mal begegneten, nun ists fast ein Jahr, fremder als später, da wir uns nicht begegneten. Wir konnten uns hundertmal vergessen wollen, das Bleibende ist doch stärker als das, was uns in die Flucht trieb.
– Karl Kraus, Briefe an Sidonie Nádherný von Borutin, 21./22. Mai 1924
Der Sprachkritiker Karl Kraus hatte, nach allem, was man weiß, zu Frauen ein eher kompliziertes Verhältnis. Kraus, Herausgeber der satirischen Zeitschrift »Die Fackel«, liebte Aphorismen und Gedichte, aber sobald er über Frauen schrieb, klangen seine Sätze kalt und verächtlich. Als Gleichstellungsbeauftragten beispielsweise kann man sich ihn nur schwer vorstellen.
Kraus hatte sich selbst früh davon überzeugt, dass Weiblichkeit und Klugheit einander ausschließen. »Des Weibes Sinnlichkeit ist der Urquell, an dem sich des Mannes Geistigkeit Erneuerung holt«, schrieb er. Oder auch: »Die Augen der Frau sollen nicht ihre, sondern meine Gedanken spiegeln.«
Die Frau ist sinnlich, der Mann geistvoll – das war das Fundament, auf dem er sein Lebenswerk errichtete. Einer Schauspielerin, die er verehrte, schrieb er, womöglich war es als Kompliment gemeint: »Wenn ich dir schreibe ist es mir, als würde ich einem Mann (…) schreiben. Dein Brief ist (…) ungewöhnlich klug.«
Und dennoch: Karl Kraus, der lebenslang unverheiratet blieb und oft seltsam verpanzert und humorlos wirkte, pflegte Freundschaften zu Frauen, die selbstbewusst und klug waren: zu Schauspielerinnen, Schriftstellerinnen, Aristokratinnen – Frauen allesamt, die außerhalb der bürgerlichen Moral standen.
Sidonie Nádherný von Borutin, elf Jahre jünger als Kraus, war unter all den Freundinnen so etwas wie Kraus’ Lebensliebe. Im September 1913 waren die beiden einander im Café des Wiener Hotels Imperial vorgestellt worden, von da an begleitete sie ihn durch die Jahre. Anfangs waren sie ein Liebespaar, aber das ging nicht gut; die böhmische Adlige war ihm eher Gefährtin, Muse, »Ohr« für das, was er schrieb. Sie inspirierte ihn: nicht obwohl, sondern eben weil sie ohne künstlerischen Ehrgeiz war.
23 Jahre hielt ihre Verbindung, bis zu seinem Tod. Sie trennten sich immer wieder und hielten doch Kontakt, schrieben einander Briefe, häufig besuchte er sie. Der Park ihres Schlosses Janowitz wurde für Kraus zu einer Art Paradies. Alles war enthalten in dieser hochfliegenden und oft quälenden On-off-Geschichte: Anziehung und Abstoßung, Fluchtversuche und Versöhnungen, sexuelle Freizügigkeit und aggressive intellektuelle Schärfe.
Im Mai 1924, die beiden halten mal wieder Distanz zueinander, schreibt Kraus der verehrten Baronin einen Brief. Er hat gerade seinen 50. Geburtstag gefeiert und außerdem das 25. Jubiläum der »Fackel«, sie hatte zu beidem geschwiegen.
Raffiniert ist dieser Brief und anspruchsvoll, wortmächtig sowieso, leidenschaftlich und von rührender Ernsthaftigkeit, aber auch ein wenig überhitzt. Lauter Gegensätze sind darin (das Bleibende und die Flucht), schöne Übertreibungen (hundertmal) und eine große Ratlosigkeit: so viele verschachtelte Sätze, so viele verschachtelte Gedanken und Gefühle.
Möglich, dass Kraus manches an seinem Brief selbst nicht verstanden hat. Was antwortet man jemandem, dem die Nähe im realen Treffen fremder erscheint als das spätere Nichtbegegnen?
Sein Brief spiegelt die Qual eines Menschen, der nachts wachliegt und hundertmal dasselbe denkt, klar und gleichzeitig seltsam zerwühlt, eine Raserei um eine leere Mitte. Eines Menschen, der etwas verliert und diesen Verlust als schmerzvoll empfindet. Und der gleichzeitig weiß, dass es gerade die Verluste sind, aus denen Kunst entsteht. Lösche aus wie ich, was wir beide an uns nicht verstanden. Was für ein Satz!
Was Sidonie gedacht hat, ob sie zurückgeschrieben hat, ist nicht überliefert. Ihre Gegenbriefe sind verschollen.
»Es ist in mir so und es kann in Dir nicht anders sein, selbst wenn Du glücklicher wärest als ich«, so geht es in Kraus’ Brief weiter. »Sonst wäre nie das Wahrste, über solchem Glück, zwischen uns gewesen. Vergessen wir das Vergessenwollen und laß uns so nicht sterben, nur mit dem Einandervergessenhaben.«
Gibt es etwas Traurigeres als einen Liebesbrief, der seinen Empfänger zu spät erreicht? Der ins Leere wirbt? Der in der Hoffnung abgeschickt wird, etwas zurückzuholen, was unwiederbringlich verloren ist?
Sidonie von Nádherný Borutin starb 1950 in England, verarmt und allein.
Ihr blieben die Briefe – und die Erinnerung an einen Mann, der sein Leben lang Brücken baute: nicht über den Fluss, sondern am Ufer entlang.

vor 2 Tage
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