Schicksal der SPD: Stolz aus der Zeit gefallen

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Da geht sie dahin, die alte Sozialdemokratie, auf dem Kurfürstendamm, der alten Prachtstraße Westberlins, gebückt, vom Schicksal geprüft, ein wenig orientierungslos, immer wieder nach links und rechts aufschauend, in der Hoffnung, jemand würde sie noch erkennen, vielleicht ein anerkennendes Wort für sie übrig haben, ein Schulterklopfen für das Geleistete, eine leise Dankbarkeit für die getragene Verantwortung. Aber keiner schaut, keiner dankt.

Es ist Frühling in Berlin, die Grünen haben in Baden-Württemberg gewonnen, und Franz Müntefering läuft einsam an der Schaubühne vorbei. „Wie soll das alles weitergehen?“, ruft das Theater dem Passanten nach – das Werbebanner weist die Frage als Zitat aus Molières „Geizigem“ aus. Das muss wieder eine besonders zeitgeistige Übersetzung sein, denn im Stück selbst fällt der Satz so nicht. Stattdessen klagt Harpagon darüber, bestohlen worden zu sein, vierter Akt, siebte Szene: „Wo laufe ich hin, wohin nicht? Ach, mein liebes Geld, mein einziger Freund. Dich haben sie mir genommen, und mit dir habe ich meinen Trost, meine Freude verloren, es ist aus mit mir.“ Die Frage der Richtungsentscheidung ist hier also eine ganz und gar persönliche, „wohin laufe ich, wohin laufe ich nicht“ meint gerade nicht: Wohin soll das Ganze gehen.

Wie schamlos schnell das geht

„Geiz ist geil“, der beschämend berühmte Werbeslogan einer Elektronikhandelskette stammt aus dem Deutschland des Jahres 2002, einer Zeit, als die Sozialdemokratie an der Macht war. Einer Zeit, in der wirtschaftliche Unsicherheit, hohe Arbeitslosigkeit und erzwungene Sparsamkeit den Geist des Landes und seiner Leute prägten. Franz Müntefering war damals Fraktionsvorsitzender und trat in der Rolle des „parlamentarischen Zuchtmeisters“ auf, in „Spiegel“-Interviews analysierte er den Stand der Dinge mit forschen Fußball-Metaphern („wir müssen noch zwei Tore schießen“, „Lafontaine hat sich selbst ausgewechselt“), und auf Parteitagen stand er im weißen Hemd vor den Genossen und rief mit rollendem R: „Die Sozialdemokratie ist auf der Höhe der Zeit.“ Wie schnell die Zeit sich neue Höhen sucht, wie schnell das alles geht, schamlos schnell.

Fernab aller Strategiesitzungen

Heute läuft Müntefering unerkannt über den Ku’damm, und die SPD hat in einem der wichtigsten Bundesländer nur noch knapp die Fünfprozenthürde genommen. Es wirkt an diesem sonnigen Berliner Morgen so, als ob Helmut Schmidt schon lange sehr tot und Gerhard Schröder schon lange sehr bei Molière und „dem lieben Geld“ sei. Müntefering hingegen wäre doch eigentlich ein neues Urgestein. Ein Gewissen, das Dauer und Dienst verkörpert, einer, der den Begriff „sozial“ fernab aller Strategiesitzungen durch sein eigenes Ich beglaubigt.

Franz Müntefering (SPD), ehemaliger Vizekanzler, bei der traditionellen „Spargelbootsfahrt" des Seeheimer KreisesFranz Müntefering (SPD), ehemaliger Vizekanzler, bei der traditionellen „Spargelbootsfahrt" des Seeheimer Kreisesdpa

Geboren noch mitten im Zweiten Weltkrieg, wuchs Müntefering zunächst nur bei seiner Mutter auf – der Vater kam erst Ende 1946 aus der Kriegsgefangenschaft in die Heimat zurück. Nach dem Besuch der Volksschule begann er schon mit 14 Jahren eine Lehre zum Industriekaufmann, arbeitete als Angestellter in der Metallindustrie, leistete Wehrdienst, trat der Gewerkschaft bei. 1966 – vor mehr als einem halben Jahrhundert – wurde er Mitglied der SPD. Unlängst hat Müntefering zu einer Veranstaltung bei einem Mannheimer Literaturfestival eine zerlesene Ausgabe des „Kursbuchs“ mitgebracht und davon berichtet, wie ihn die Bücher von Albert Camus und Hannah Arendt geprägt hätten. Aber dafür interessiert sich hier vor der Berliner Schaubühne nun niemand mehr. Kursbuch, Camus, Müntefering – das wirkt wie ein historischer Dreiklang, wie die silbergraue Erinnerung einer in Rente gegangenen Nation.

Die Arbeiter von heute tragen Engelbert-Strauss-Shirts und geben ihre Stimme den derben Draufgängern. Sozial hat weniger mit Gewerkschaft als mit rachsüchtigen Reels zu tun. Für einen Moment will man dem gebückten Müntefering nachlaufen, will ihm sagen, dass das alles nicht umsonst gewesen ist. Diese Arbeit, dieses Leben, diese SPD – das war schon was. Das braucht kein Mitleid, das kann erhobenen Hauptes gehen. Aber da ist er schon verschwunden und hinterlässt die Frage: Wer von uns wird einmal so ehrenhaft aus der Zeit fallen?

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