Im Norden Australiens: Die Krokodile lungern im Vorgarten rum

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Die Lage ist ernst, die Stimmung ist es nicht, schließlich sind wir im Land des Krokodil-Küssers Crocodile Dundee, und das lässt sich von ein bisschen bissigem Wildgetier nicht so leicht aus der Ruhe bringen. Die schlimmsten Regenfälle seit einem Vierteljahrhundert haben nicht nur weite Landstriche des Northern Territory in Australien überschwemmt, sondern auch Abertausende Krokodile zu ungewollten Ausflügen animiert.

„Sie sind wirklich überall“, seufzen die lokalen Behörden, was kein Wunder ist, denn in Australiens Norden lebt die größte Population an Salzwasserkrokodilen auf Erden: 100.000 furchteinflößende Urzeitechsen, die sieben Meter lang und eine Tonne schwer werden können und einen menschlichen Schädel mit einem einzigen Biss zertrümmern, wir empfehlen, vom Küssen abzusehen.

Einen Bogen zum Flussufer machen

Besonders schwer hat es die Kleinstadt Katherine erwischt, deren Bürgermeisterin Joanna Holden freimütig bekannte, noch nie in ihrem Leben so viele Krokodile auf einmal gesehen zu haben. „Sie schwimmen die Hauptstraße entlang, lungern in den Gärten herum, und ein Krokodil hat am Flussufer auf dem Grundstück meiner Mutter kampiert“, sagte Holden ohne eine Spur von Panik, dafür mit umso mehr Lakonie – eine gelassene Tonlage, in die alle polizeilichen Autoritäten einstimmen.

Man möge die Überflutungsgebiete aus zwei Gründen meiden, erstens wegen der reißenden Strömung und zweitens, ach ja, wegen der Krokodile. Empfehlenswert sei es weiterhin, einen weiten Bogen um Flussufer zu machen, überflutete Gebiete nicht zu Fuß zu durchqueren und auf Kinder und Haustiere besonders acht zu geben, ein Happs, und weg sind sie.

Außerdem werde davon abgeraten, sich Krokodilen zu nähern oder sie zu fangen versuchen, was für jeden Menschen mit einem Funken Überlebenswillen selbstverständlich ist, in Aus­tralien aber scheinbar nicht, schöne Grüße an Crocodile Dundee. Und als ein paar übermütige Jugendliche dabei erwischt wurden, wie sie auf dem reißenden Katherine River mit Schlauchbooten das Rafting praktizierten – Vierteljahrhundertflut, einmalige Gelegenheit, das kann man sich nicht entgehen lassen –, wurden sie von der Polizei milde ermahnt, künftig keinen Blödsinn dieser Art mehr zu machen; „silly“ war das Wort, das in dem Zusammenhang benutzt wurde.

„They are not happy“

Nähere Überlebensauskünfte kann man sich übrigens unter dem Hashtag #BeCrocwise zu Gemüte führen, Sichtungen möge man unter der Telefonnummer 000 annoncieren und ansonsten diese freundliche Botschaft der Behörden beachten: „Crocodiles will make your life difficult.“

Das ist Understatement made in Down Under vom Allerfeinsten. Und Bürgermeisterin Holden ließ sich zu dem Scherz hinreißen, dass ihr Amt angesichts der riesigen Zahl an Echsen nicht in der Lage sei, alle zu beschlagnahmen – und dass man die Übellaunigkeit der Krokodile angesichts der Vertreibung aus ihrem natürlichen Habitat berücksichtigen solle: „They are not happy.“

Was für ein Einfühlungsvermögen! Und so gibt es zum Schluss eine gute und eine schlechte Nachricht: Krokodile sind neben Eisbären die einzigen Raubtiere des Planeten, auf deren Speisezettel der Mensch steht, was Jahr für Jahr 1000 arme Seelen weltweit mit ihrem Leben bezahlen. In Australien, dem Paradiesgarten der Salzwasserkrokodile, sind es ein bis zwei Todesopfer pro Jahr. Da kann man doch schon mal das Schlauchboot aus der Garage holen.

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