Dass man für die Ausstellung „Gebaute Gemeinschaft“ in der James-Simon-Galerie auf der Berliner Museumsinsel in den Keller hinabsteigen muss, ist überaus passend. Waren die ältesten im heute türkischen Göbeklitepe und in seiner Nähe gefundenen Monumentalgebäude, um die es hier geht, doch halb unterirdisch angelegt und zum Teil in den Fels gegraben. Die tragenden Pfeiler dieser Stätten waren aber dennoch so hoch, dass eine originalgetreue Nachbildung, wie man sie in dem gigantischen Archäologischen Museum in Şanlıurfa erleben kann, nicht in den Berliner Ausstellungsraum gepasst hätte. So mussten die in der Mitte des unterirdischen Museumsraums angeordneten leuchtenden Pfeilernachbildungen um etwa zwanzig Prozent verkleinert werden. Tierreliefs und die schematischen menschlichen Umrisse der Originale erscheinen auf ihnen als farbige Skizzen.
Vor 12.000 Jahren waren die tonnenschweren T-Pfeiler aus Kalkstein zudem durch eine Holzkonstruktion verbunden, auf der wahrscheinlich ein Strohdach ausgebreitet wurde. Der Gesamteindruck des so entstandenen Raums muss höhlenartig gewesen sein, die Monumentalität des Baukörpers richtete sich eher nach innen. Menschen versammelten sich zwischen Menschen verkörpernden Pfeilern, um alte Werte und Denkfiguren zu bewahren und eine neue Ordnung zu schaffen. Auf vor den Wänden befindlichen Bänken konnten sie sich niederlassen und diskutieren, in angrenzenden Vorbereitungsräumen wurden Wildgerichte und wohl auch alkoholische Getränke zubereitet.
Höhlenartige Theaterkulisse
Die alte Frage stellt sich nach wie vor: Was war zuerst da – der Wunsch zum Gemeinschaftsgebäude, zur Monumentalität, der die Menschen zusammenbrachte und sesshaft werden ließ, oder die Gemeinschaft, die anschließend Gebäude benötigte, um den Zusammenhalt zu stärken? Die Jahre 9600 bis 8000 vor Christus sind eine Zeit des Übergangs. Die ersten steinernen Dörfer entstehen, die Gesellschaft der Jäger und Sammler entwickelt sich in einem langen Prozess hin zu einer von Ackerbauern und Viehzüchtern. Im größten Gebäude von Karahantepe fanden zweihundert Menschen Platz, flankiert war der Versammlungsraum von mehr als dreißig Häusern, die nun seit einigen Jahren nach und nach auf einer Fläche von mehr als zehn Hektar freigelegt werden. In Göbeklitepe, nur fünfzig Kilometer entfernt, bei guten Wetterbedingungen in Sichtweite, sind die Ausmaße noch etwas größer.
Vieles liegt noch im Halbdunkel verborgen: GöbeklitepeYusuf AslanFreigelegte Ritzzeichnungen und Reliefs, die in der Ausstellung zu sehen sind, sprechen dafür, dass die Zentralgebäude auch die Kulisse für Musik und Tanz boten. Die im Raum verteilten steinernen Tierdarstellungen waren, wie man an einem fast lebensgroßen zähnefletschenden Eber sehen kann, bemalt. Im Schein der Fackeln muss das alles einen äußerst lebendigen Eindruck erzeugt haben. Die Fotos von Isabel Muñoz, die in einem eigenen Raum neben der Exponateausstellung zu sehen sind und die zum Teil die Beleuchtungsbedingungen der Jungsteinzeit nachahmen, fangen diese Stimmung auf faszinierende Weise ein.
Locker verteilt um die zentralen Leuchtpfeiler in der James-Simon-Galerie sind acht Stationen zu Themen wie „Kollektive Jagdstrategien“ und „Das gemeinsame Mahl“, mit mehr als hundert Artefakten, von denen viele zum ersten Mal im Ausland zu sehen sind.
Kraft und Aggression
Göbeklitepe steht klar im Mittelpunkt der Ausstellung und ist das Reizwort in ihrem Untertitel, doch hat die bereits 2018 zum UNESCO-Welterbe erklärte Anlage schon länger seine Singularität verloren. Etwa zehn weitere Orte sind auf einem Gesamtareal nördlich der syrischen Grenze, das etwa hundert Kilometer im Durchmesser beträgt, dazugekommen. Waren die Ausgrabungen in der auch religionsgeschichtlich bedeutenden Region rings um die heutige Millionenstadt Şanlıurfa anfangs noch durch die Zusammenarbeit zwischen türkischen und deutschen Archäologen geprägt, zu denen Harald Hauptmann und Klaus Schmidt gehörten, gibt es inzwischen ein internationales Projekt mit dem Namen „Taş Tepeler“ („Steinhügel“), an dem mehr als 200 Wissenschaftler beteiligt sind.
Leopard mit fletschenden ZähnenYusuf AslanGünstig waren die Bedingungen am Fuß der Kalksteingebirge in Südanatolien zum Jagen und zur Domestikation von Pflanzen und Tieren. Und ebenso günstig waren jene für Archäologen, die dort auf rituell verfüllte Steinbauten in sehr gutem Erhaltungszustand trafen. Vorstellen muss man sich die bis heute gefundenen neolithischen Stätten wie ein großes zusammenhängendes, teils unterirdisches Puzzle. Denn es ist bei Weitem noch nicht alles ausgegraben, und neue Fundorte werden mit großer Wahrscheinlichkeit hinzukommen. So viel steht schon jetzt fest: Die Orte waren vernetzt, die Bewohner verwendeten die gleichen Symbole und Technologien.
Vogelmenschrelief aus GöbeklitepeYusuf AslanDas Weltbild der Jäger und Sammler war durch Zeichen der Stärke geprägt. Phallen, aggressive Tiere, vor allem Leoparden gibt es in jeder Größe. Das in der Jungsteinzeit mit Abstand am häufigsten vorkommende Tier der Region jedoch, die Gazelle, wird fast gar nicht plastisch verewigt. Wurden Menschen neben den detailgetreuen Tieren anfangs nur schematisch dargestellt, erscheinen sie in einer zweiten Phase in lebendiger Interaktion mit Tieren. Zunehmend tritt der Mensch auch eigenständig auf. Sind die steinernen Darstellungen lange ausschließlich männlich geprägt, setzen sich in einer späten Phase, in der die Sesshaftwerdung schon weiter fortgeschritten war, weibliche Figuren durch, die aber oft nur handgroß sind. Starke Abnutzungserscheinungen an Skelettfunden machten deutlich, wie beschwerlich der Alltag für die Frauen der damaligen Zeit war.
Gehörten Mumifizierungen zum Ahnenkult?
Eine eigene Station ist Figuren gewidmet, die menschliche und tierische Merkmale verbinden. Neue Funde zeigen aufrecht stehende Körper mit Vogelmerkmalen, Menschen hinter Masken oder mit einem gefährlich grinsenden Leoparden auf dem Rücken. In der Ausstellung werden sie unter Vermeidung des Begriffs „Schamane“ als „Grenzgänger“ und „rituelle Spezialisten“ bezeichnet. Von Religion zu sprechen, sei noch zu früh, sagten die beiden Ko-Kuratoren Barbara Helwing und Necmi Karul bei einem ersten Ausstellungsrundgang.
„Gemeinschaft“ ist das verbindende Thema der Schau. Diese wird als „Schlüssel des Überlebens“ bezeichnet und endete offenbar nicht mit dem Tod. Denn auch der Ahnenkult ist mit fortlaufender Grabungsarbeit in die Zentralgebäude vorgerückt. So stieß man in Karahantepe auf der Bank eines Kommunalgebäudes auf eine überlebensgroße, sitzende Figur mit durchscheinenden Rippen und erigiertem Glied, wobei die Archäologen inzwischen davon auszugehen scheinen, dass hier womöglich eine Mumifizierung wiedergegeben wurde. Ein neu entdeckter Schmuckanhänger zeigt darüber hinaus einen Geier, der auf einem Menschenkörper sitzt. Haben wir es hier mit der Darstellung einer rituellen Entfleischung zu tun, von der auch in der Jahrzehnte später in Zentralanatolien entstandenen Großsiedlung Çatalhöyük Beispiele gefunden wurden?
Frauenfigurine aus GürcütepeYusuf AslanViele Rätsel der Steinhügel werden wohl erst im weiteren Verlauf der Ausgrabungen gelöst werden können. Die Berliner Ausstellung ist die bisher mutigste Zusammenfassung der vorläufigen Ergebnisse.
Gebaute Gemeinschaft: Göbeklitepe, Taş Tepeler und das Leben vor 12.000 Jahren. James-Simon-Galerie, Berlin; bis 19. Juli. Der Katalog kostet 25 Euro.

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