Gemütlich gemacht hatte es sich die Tote. Kaffee und Kuchen auf dem Badewannentablett, das Radio in bequemer Reichweite abgestellt. Kleines Seniorenglück im Plattenbau, ein typischer Badewannenunfall eben, wie Kriminalkommissar Michael Lehmann (Peter Schneider) meint. Dass die Leute sich nicht merken können oder wollen, dass Strom und Wasser miteinander unverträglich sind, scheint Lehmann rätselhaft, aber typisch.
Der Kollege Kriminalhauptkommissar Henry Koitzsch (Peter Kurth) kommt auf andere Gedanken, sieht andere Bilder der Ereignisse vor sich, die zum Tod der alten Frau mit ihren säuberlich nebeneinander im Regal aufgestellten Matroschka-Puppen geführt haben. Vor allem, als er auf dem Fensterbrett des Zimmers mit dem Einzelbett und dem leeren Stuhl, in Beobachtungsposition aufgestellt, eine Trockenblume findet – eine Jungfer im Grünen.
Erinnerung an den ersten Fall
Sie bringt die Erinnerung an den ersten, ungelöst gebliebenen Mordfall der beiden Polizisten aus Halle hervor. Auch in der Auftaktfolge des MDR-„Polizeirufs“ fand Koitzsch eine solche Blume in der Wohnung des Mordopfers Uwe Baude. Der Mann, der vor seiner Wohnungstür erstochen wurde, schien ein Zufallsopfer geworden zu sein. Jetzt wird klar, dass er es nicht war. Aufgelöst wurde der Fall in der ersten Folge des „Polizeirufs 110“ aus Halle „An der Saale hellem Strande“ (2021) nicht. Dafür entfalteten sich andere Geschichten, Ostbiographien von Menschen, die eines verband: die Einsamkeit.
Keinen Bilderbogen von Rest-DDR-Schicksalen sah man freilich bei der Koitzsch-und-Lehmann-Premiere, sondern lauter überzeugend ineinanderverwobene Lebenswege. Kaum Angekommene, Abgehängte und Gestrandete, zumindest in ihrer eigenen Wahrnehmung. Menschen mit Schuld und Schwächen. Verbrecher wie Koitzschs bester Freund Roman Schuster (Thomas Lawinky) mit seiner Stasivergangenheit und seinem historisch gewordenen Wissen über das Klandestine der DDR, der Mann, der dem Kommissar am nächsten scheint und den er in der Justizvollzugsanstalt besucht.
Spielen zwei Versehrte: Jule Böwe (l.) und Cordelia Wege.MDR/Felix AbrahamAuch in der dritten – und wie wir jetzt wissen: letzten – Folge trifft Koitzsch ihn wieder im Hof des Gefängnisses. Sie sitzen auf der Bank vor dem Außenschach mit in Startposition aufgestellten Figuren, die Kamera zeigt ihre Gesichter in Nahaufnahme und dann die gesamte Szenerie in der Totalen. Das ist der gleiche Blick, den Koitzsch, der Alkoholiker, von seinem Balkon aus hat. Aussicht auf den Hof für den Freigang, das Backsteingebäude mit den Zellen dahinter, darüber Himmel.
Die neuen Büromöbel schraubt er erstmal ab
Inzwischen ist immerhin seine Wohnung fertig eingerichtet, wie der besorgte Lehmann bemerkt. Genau wie das Präsidium, zuvor Dauerbaustelle, zwar noch eingerüstet, aber innen komplett ist – komplett enthistorisiert. Mit austauschbaren, seelenlosen Büros, deren brillantweiße Farbe in den Augen schmerzt, und mit festgeschraubten Modulmöbeln, die kein Gegenübersitzen mehr erlauben. Es sei denn, man schraubt entgegen den Vorschriften alles auseinander und setzt es neu zusammen. Wovor Lehmann zurückschreckt, was Koitzsch aber tut. Ansonsten sagt er: „Hetz mich nicht.“
Das könnte in gewisser Weise auch als Motto über dem Finale dieser von Clemens Meyer wiederum herausragend geschriebenen und von Thomas Stuber großartig inszenierten dritten MDR-„Polizeiruf“-Folge stehen. In der laden die Bilder, Motive, Entwicklungen und Lebensläufe zum geduldigen Ausforschen und Verstehen ein, drängen sich aber nicht auf (Kamera Nikolai von Graevenitz, Montage Julia Kovalenko).

Im Mittelteil der Trilogie stand 2024 mit „Der Dicke liebt“ ein weiterer Ausnahmefall. Sascha Nathan spielte darin den Lehrer Krein, einen korpulenten und schwitzenden Sonderling, auch er ein Einsamer, der zu Unrecht verdächtigt wurde, ein achtjähriges Mädchen ermordet zu haben, und der von einem Mob in den Tod gehetzt wurde.
Die Sonderbaren, die in „Der Wanderer zieht von dannen“ auftreten, sind die exaltierte Katrin Sommer (Cordelia Wege), eine Frau mit Beziehungssucht, die einst die Freundin des Mordopfers Uwe Baude war und nun das Gefühl hat, in ihrer Wohnung beobachtet zu werden, sowie Rita Schmidtke (Jule Böwe), schmerzhaft schüchtern, mutmaßlich versehrt. Alle drei Fälle greifen zum Schluss ineinander und legen sich auseinander in eine Darstellung vereinzelten Zusammenlebens, die frösteln macht, und ein bisschen Hoffnung zum Ende hin auch.
Die alte Dame fiel keinem Stromschlag zum Opfer
Die Tote aus der Badewanne ist jedenfalls keinem Stromschlag zum Opfer gefallen, sondern ertrunken. Jemand hat sie unter Wasser gedrückt. Jemand, der nicht nur in ihrer Wohnung aus und ein ging, sondern bei vielen. Wie einst die „Firma“. Jemand, der Fotos der Schlafenden machte. Der in die Leben der alten Leute eindrang, sie ausspionierte und dann umbrachte. Weil niemand sie vermissen würde? Weil er kontrollsüchtig war, Herr über Leben und Tod spielen wollte? „Der Wanderer zieht von dannen“ gibt den Opfern einen Moment der Individuation zurück, ironischerweise indem er auf den Moment ihres gewaltsamen Todes blickt. Sterben wollten alle nicht, genauso wenig wie Koitzsch, für den es brenzlig wird.
Dieses „Polizeiruf“-Finale, das die erst 2021 gestartete Ostperspektive wieder beerdigt, hätte man sehr viel lieber als Auftakt zu weiteren Folgen gesehen. Auch Peter Kurth und Peter Schneider haben ihr Unverständnis darüber ausgedrückt, dass ihre Figuren schon wieder gehen sollen. Sie hätten gern weitergemacht. Kolportiert wird, dass es Pläne der Fortführung gab. Angesichts der wachsenden Vormacht der AfD in Ostdeutschland wäre es ein dringend notwendiges politisches Signal, dezidiert ostdeutsche Perspektiven im „Polizeiruf“, dem einstigen Fernsehkrimi-Aushängeschild des DDR-Fernsehens, abzubilden. Warum verschenkt der MDR diese Chance? Der Sender sollte sich besinnen. Die Kommissare Lehmann und Koitsch müssen weitermachen. Versteht der Sender das nicht?
Der Polizeiruf 110: Der Wanderer zieht von dannen läuft am Sonntag im Ersten und in der ARD-Mediathek

vor 7 Stunden
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