Berlinale-Wettbewerb: Hier ist eine Frau der beste Mann

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Die Berlinale hat sich fein gemacht. Rote Lampen hängen über der Alten Potsdamer Straße, die zum Festivalpalast führt, weiße Lichterketten schmücken die Bäume zu beiden Seiten, und ein orangeroter Lichtreif markiert die Stelle, wo die früher so belebte Einkaufsmeile in den eigentlichen Bereich der Filmfestspiele übergeht. Man fühlt sich in die Vorweihnachtszeit zurückversetzt, obwohl es schon spät im Februar ist, und vielleicht wäre Weihnachten tatsächlich irgendwann ein guter Termin für die Berlinale, für ein Festival, das verlässlich so viele Wünsche weckt, auch wenn es nur wenige davon erfüllt.

So gesehen muss man „Rosebush Pruning“ als Geschenk verstehen. Denn der Film des brasilianischen Regisseurs Karim Aïnouz ist der einzige im Wettbewerb, der ein größeres Aufgebot von Stars nach Berlin mitbringt, auch wenn die meisten – Jamie Bell, Riley Keough, Elle Fanning, Callum Turner, Pamela Anderson, Tracy Letts – eher zur zweiten Garde Hollywoods gehören. Aïnouz versammelt sie in zwei Luxusvillen in einem Städtchen in der Nähe von Barcelona („Rosebush Pruning“ ist eine deutsch-italienisch-spanisch-britische Koproduktion), wo sie eine durch Reichtum zugleich abgefederte und befeuerte Familienhölle erleben.

Manifest einer zornigen Wohlstandsjugend

Die Mutter hat ihren Tod vorgetäuscht, um mit der Haushälterin durchbrennen zu können; der erblindete Vater lässt seine perversen Neigungen an seinen Kindern aus; und diese selbst, drei Söhne und eine Tochter, treiben in unterschiedlichen Graden der seelischen Zerrüttung durch ihren Alltag. Die Vorlage des Films ist selbst ein Film, Marco Bellocchios Regiedebüt „Mit der Faust in der Tasche“ von 1965, das als Manifest einer zornigen und gelangweilten Wohlstandsjugend in die Kinogeschichte eingegangen ist, und so, als Porträt einer Generation und ihres Lebensgefühls, will auch „Rosebush Pruning“ gelesen werden.

 Szene aus „Rosebush Pruning“ von Karim AïnouzIn der Not fällt die Familie gern auseinander: Szene aus „Rosebush Pruning“ von Karim AïnouzFelix Dickinson

Aber der Film kommt nicht richtig zur Welt – in einem ganz wörtlichen Sinn, weil die Geschichte vom blinden Patriarchen, seinen verkommenen Sprösslingen und seiner verschwundenen Ehefrau nie wirklich Kontakt aufnimmt zu der Zeit, in der sie stattfindet, und der Umgebung, in der sie spielt. Aïnouz hat das Projekt während des Corona-Lockdowns entwickelt, und der Autor Efthymis Filippou hat den Plot mit den Obertönen willkürlicher Grausamkeit angereichert, die man aus seinen Drehbüchern für Giorgos Lanthimos kennt – Wölfe, die ein enthäutetes Reh zerreißen, ein auf einem Felsen zerschmettertes Pferd –, aber die Wildheit der Bilder ist oberflächlich, reicht nicht über den Schock des Augenblicks hinaus. ­Vermutlich hat „Rosebush Pruning“ die kostbarste Verpackung aller Filme im Wettbewerb, aber seine Packung ist leer.

Emin Alpers „Kurtuluş“ steckt dagegen randvoll mit Realitätssplittern, zumal solchen, die auf ungute Weise aktuell sind: verfeindete Clans, Bürgerkrieg, Männer mit Schnellfeuergewehren, Frauen mit Kopftuch, Gebete, Hassreden und Blutrache. Ein abgelegenes türkisches Bergdorf liegt im Clinch mit dem Nachbardorf im Tal, dessen wohlhabende Bewohner vor dem Krieg geflohen sind und den Hungerleidern vom Berg ihre Felder überlassen haben, die sie jetzt zurückfordern. Der Sheikh des Dorfes möchte den Frieden bewahren, doch sein Bruder, der ihn um die Macht beneidet, schürt den Konflikt mit Befehlen, die er im Traum vom Ahnherrn seiner Sippe empfangen haben will.

Die Mechanik menschlicher Schicksale

„Kurtuluş“ ist politisch in dem Sinn, der auf der Berlinale geschätzt wird, denn es geht nicht nur um den Kampf der Clans, die beide gleichermaßen zu Allah beten, sondern auch um Sex, Ökonomie, Traditionen und Geschlechterverhältnisse. Aber wer genauer hinschaut, sieht, dass es bei Emin Alper auch um Kino in einem ganz gewöhnlichen Sinn geht, um Plot Points, Leitmotive, Motivationen, und in dieser handwerklichen Hinsicht ist sein Film allzu brachial, er schraubt an seiner Geschichte herum, als ginge es nicht um menschliche Schicksale, sondern um Maschinenteile. Vom Anfangsbild bis zum finalen Gemetzel läuft „Kurtuluş“ wie am Schnürchen, aber am Ende fragt man sich, ob er mit der Mechanik nicht übertreibt.

Sandra Hüller ist ein Filmstar aus Deutschland, und man würde ihr jede Rolle glauben, auch die einer Frau, die sich als Mann verkleidet, um in einem Dorf in Süddeutschland am Ende des Dreißigjährigen Krieges eine Erbschaft anzutreten. In Markus Schleinzers „Rose“ spielt sie diese Frau, und es gelingt ihr, dabei zugleich das Unwahrscheinliche und das Beredsame ihrer Maskerade sichtbar zu machen, sodass man die Sicht der Dorfbewohner, die sie nach kurzem Misstrauen in ihre Reihen aufnehmen, ebenso nachvollziehen kann wie Roses Angst, im nächsten Augenblick entdeckt zu werden

 Sandra Hüller in „Rose“Als Fremde im Dorf: Sandra Hüller in „Rose“Gerald Kerkletz/Row Pictures/Walker+Worm Film

Dieser Augenblick kommt, nachdem sie mit einem Bären und diversen Mannsbildern fertig geworden ist, durch Zufall und den Stich einer Biene, und weil Rose zu diesem Zeitpunkt schon verheiratet ist und die Frau, die man ihr angetraut hat, ein Kind auf die Welt brachte, füllt sich das Drama wie von selbst mit Themen unserer Gegenwart, ohne dass der Film, der seine Bilder in ein körniges und schlichtes Schwarz-Weiß taucht, dabei groß nachhelfen muss. Markus Schleinzer, der als Castingdirektor für Michael Haneke gearbeitet hat, erfindet mit seinem dritten Spielfilm vielleicht nicht das Kostümkino neu, aber er zeigt, wie man einen historischen Stoff mit wenigen Handgriffen zeitgenössisch macht. Der beste Handgriff ist dabei ohne Zweifel Sandra Hüller, die mit ihrer Rolle in „Rose“ die erste überzeugende Kandidatin für den Darstellerpreis der Berlinale ist.

In „Dao“, dem Wettbewerbsbeitrag des in Paris geborenen senegalesischen Regisseurs Alain Gomis, ist man nie ganz sicher, wer vor der Kamera gerade sich selbst spielt oder eine erfundene Figur verkörpert. Der Film spielt auf einer Totenfeier in ei­nem Dorf in Guinea-Bissau und auf einem Hochzeitsfest in der Nähe von Paris, und er schneidet diese beiden Schauplätze so nahtlos zusammen, dass man immer in beiden Welten zugleich ist, der von Afrika und jener von Europa. „Dao“ dauert drei Stunden, und manchmal wünschte man sich, Gomis hätte ein paar Dialoge weniger in seinen Film eingebaut, aber am Ende kommt man aus dieser Geschichte zweier Kontinente reich beschenkt. Nicht durch den schönen Schein, in den sie verpackt ist, sondern durch die Wirklichkeit dahinter.

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