Indien ist ein Land der Sparer: Obwohl sich unter den zunehmend differenzierten Reichen eine Tendenz abzeichnet, von Gold, Bargeld und anderen Sachanlagen auf Investitionen mit höherer Rendite umzusteigen, hat die Bevölkerung der fünftgrößten Volkswirtschaft der Welt im vergangenen Jahr 1,3 Trillionen Dollar zurückgelegt. Die dynamische binnenorientierte Wirtschaft, die im vorletzten Quartal vergangenen Jahres mit einer Wachstumsrate von 8,2 Prozent die Erwartungen der meisten Analysten übertraf, hat eine junge Generation von Vermögensbildnern mit sozialen und kulturellen Ambitionen hervorgebracht.
Zusammenarbeit mit einem Vermögensverwalter
Ein Zeichen dafür ist die neue Partnerschaft der auf Privatkunden spezialisierten Vermögensverwaltungsgesellschaft Nuvama mit der India Art Fair in Neu-Delhi, der führenden Plattform für moderne und zeitgenössische Kunst Südasiens. Auf der 17. und mit 26 neuen Ausstellern bislang größten Edition der Messe zeigte sich die Energie des aufstrebenden Subkontinents im Publikumsandrang ebenso wie in regen Absätzen. Die namhafte Vadhera Art Gallery (Neu-Delhi) hatte am Eröffnungstag schon achtzig Prozent der Werke an ihrem Stand verkauft. Bei einer breiten Preisspanne zwischen 1000 Dollar und fünf Millionen für eine große Hommage des modernen Klassikers M.F.Husain an den Filmemacher Satyajit Ray (bei Aicon Contemporary aus New York) bietet die Messe auch weniger Betuchten Einstiegsmöglichkeiten.
Spezielle Angebote für junge Sammler: Besucherin auf der India Art FairIndia Art FairDas kulturelle Ökosystem soll durch ein ganzjähriges, über das Land verteiltes Veranstaltungsprogramm weiter wachsen. In dessen Rahmen hat die Messe im Dezember mit Nuvama etwa ein Seminar für angehende Kunstsammler abgehalten. Besonders Vermögende der Altersgruppe zwischen dreißig und vierzig Jahren sollen motiviert werden, Kunst als Investitionsobjekt ins Auge zu fassen. Auf der India Art Fair gab es nun einen Workshop mit „Insider-Tipps“ für Einsteiger zur optimale Gestaltung des Messebesuchs, in dem es darum ging, wie man am besten Kontakt zu Künstlern und Galeristen aufnimmt oder das perfekten Kunstwerks für die eigene Sammlung findet.
Eine der wichtigsten Figuren der indischen Kunstszene: die Sammlerin und Museumsgründerin Kiran Shiv NadarPicture AllianceDie heranwachsende Zielgruppe gesellt sich zu den etablierten indischen Sammlern, die Stiftungen gegründet haben, um mit privaten Institutionen die größer werdenden Brachen in der staatlichen Museumslandschaft zu schließen. An der Spitze der wohlhabenden Mäzene steht Kiran Nadar, die als jung verheirate Frau des milliardenschweren Tech-Unternehmers Shiv Nada in den späten Achtzigerjahren begann, Kunst zur Dekoration der eigenen Wohnung und des Büros zu kaufen. Anfangs war sie vor allem auf die Malerei der ersten Generation postkolonialer indischer Modernisten fokussiert. Diese hat in den zurückliegenden fünf Jahren wegen der Verknappung des Angebots, die den Wettbewerb unter Sammlern ebenso reflektiert wie befeuert, eine enorme Wertsteigerung erlebt. Das zeigten zuletzt die Ergebnisse der Herbstauktionen für südasiatische Kunst.
Am Stand der Sakshi Gallery (Mumbai): Manjunath Kamath, „Altered Sentences“, 2026Manjunath Kamath / Sakshi Gallery / G.T.Im Jahr 2010 besaß Kiran Nadar bereits rund 500 Werke, die sie zuhause nicht mehr unterbringen konnte. Sie bildeten den Grundstock des ersten Privatmuseums für die moderne und zeitgenössische Kunst Südasiens. Inzwischen ist der um internationale Namen wie William Kentridge, Antony Gormley und Olafur Eliasson erweiterte Bestand auf mehr als 15.000 Arbeiten angewachsen, die demnächst in einem 100.000 Quadratmeter Grundfläche messenden Bau in der Nähe des Flughafens von Neu-Delhi ein neues Zuhause finden sollen.
Als weiteres Zeichen für das große Potential des indischen Kunstbetriebs kann gelten, dass die Pionierin Kiran Nadar, die sich der Demokratisierung der Kunst verschrieben hat, soeben Manuel Rabaté, den langjährigen Leiter des Louvre Abu Dhabi als Direktor des als das größte Kulturzentrum Südasiens angepriesenen Kiran Nadar Museums gewinnen konnte. Der Umzug aus den jetzigen Räumen in einem Einkaufszentrum in den von dem ghanaischen Architekten David Adjaye entworfenen Neubau soll in „zwei bis drei Jahren“ erfolgen. Das unbestimmte Datum hat mit den Bauststopps zu tun, die immer wieder bei extremer Luftverschmutzung verhängt werden.
Besucher aus aller Welt
Auf der vorige Woche zu Ende gegangenen India Art Fair war beinahe refrainartig zu hören, dass das Kiran Nadar Museum dieses oder jenes Werk erworben habe – wie denn überhaupt starkes Interesse von indischen Stiftungen und Institutionen gemeldet wurde. Dass die Kunstszene des Landes und insbesondere die India Art Fair auch weit über den Subkontinent hinaus Beachtung findet, belegte die Anwesenheit von Vertreten zahlreicher internationaler Museen wie etwa dem Victoria & Albert Museum in London, dem Guggenheim in New York, dem Museum of Fine Art in Houston oder dem Hamburger Bahnhof in Berlin. Auch der an verschiedenen Ständen vertretene Ai Weiwei soll bei seinem Besuch äußerst positiv gestimmt gewesen sein.
Performance auf der India Art FairIndia Art FairDas Konzept der Messe wurden zuletzt verfeinert, was die Ausstellungszelte übersichtlicher und geräumiger wirken ließ. Diese Veränderung ist Teil einer langfristig angelegten Weiterentwicklung. Der Versuch der India Art Fair, eine weitere Messe in Indiens Wirtschaftsmetropole Mumbai zu etablieren, ist Ende 2024 am Widerstand der jüngst gegründeten Art Mumbai gescheitert. Stattdessen setzten die Betreiber darauf, über das Land verteilte Netzwerke aufzubauen, um unter anderem mit kleinen Ausgaben der Muttermesse neue Kunden zu gewinnen und potentielle Sammler zur jährlichen Großveranstaltung nach Delhi zu locken.
Netzwerke über das ganze Land spannen
Als Standort für die erste dieser „India Art Fair Editions“ wurde die Stadt Hyderabad gewählt, der sechstgrößte Ballungsraum Indiens darstellt. Ein ums andere mal berichteten Aussteller, zu denen die Galleria Continua, Neugeriemscheider, Carpenters Workshop und David Zwirner Gallery gehören, dass sich diese Strategie bereits auszahle. Scott Gray, Geschäftsführer der britischen Messegesellschaft Angus Montgomery, der die India Art Fair gehört, stellt weitere Editionen in Aussicht, etwa eine Ausgabe in Kalkutta.
In der Tradition verwurzelt: Kunst aus Südostasien dominiert auf der India Art FairIndia Art FairFür die Veranstalter liegt die Herausforderung darin, die Internationalisierung der Messe so voranzutreiben, dass sie ihren eigenen Charakter nicht verliert. Der besteht in der hohen Konzentration südasiatischer Kunst. So sehr die indischen Händler ausländische Aufmerksamkeit auf ihrer Künstler lenken wollen, so wenig sind sie darauf angewiesen. Der Binnenmarkt ist stark genug. Es dürfte wenige Orte geben, an denen sich der Puls indischer Befindlichkeiten derart intensiv fühlen lässt, wie auf der India Art Fair. Die Sorge um die Umwelt, das Trauma der Teilung und postkoloniale Ängste gehören mit der emotionalen Bindung an die Landwirtschaft und den Auswirkungen des Kastensystems zu den wiederkehrenden Motiven der dort angebotenen Kunst, welche oft auf Stickerei oder anderen traditionellen Handwerksarten zurückgreift.

vor 12 Stunden
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