Paranoia in Hollywood: Amerika machte schon einmal Jagd auf Bürger und Fremde

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Ganz am Ende dieses exzellenten Sachbuchs über die Kommunistenjagd im Amerika der Nachkriegszeit räumt Jan Jekal mit einem Missverständnis auf. Bis heute steht für die Hexenjagd – auch und gerade gegen jene europäischen Emigranten, die dem Nationalsozialismus wenige Jahre zuvor in die USA entfliehen konnten und nun in Hollywood als Verdächtige „unamerikanischer Umtriebe“ gelten – vor allem ein Name: Joseph McCarthy. Sein Nachname wurde zum geflügelten Wort. Der Begriff „McCarthyismus“ bezeichnet die Zeit zwischen 1947 und 1956, in der Paranoia, Denunziation und Anschuldigungen ohne Beweise Karrieren zerstörten und Biographien ruinierten.

Jekal verschiebt den Fokus auf eine Figur, die zwar hinter den Kulissen agiert, von dort aber umso kälter und ausdauernder: J. Edgar Hoover. Während McCarthy als sprunghafter Selbstdarsteller die Scheinwerfer sucht, handelt der FBI-Direktor berechnend und mit dem langen Atem eines Apparats, der Verdacht in Akten und Akten in Waffen verwandelt. In diesem Klima wird das House Un-American Activities Committee (HUAC) zum zentralen Schauplatz. Jahrelang ließ Hoover Verdächtige abhören und beobachten und erstellte so seine berüchtigten Dossiers, die er dann gezielt der Öffentlichkeit zuspielt. So werden auch die sogenannten Hollywood Ten zu Fall gebracht, jene zehn Produzenten, Regisseure und Drehbuchautoren, die sich weigern, Fragen zu kommunistischen Verbindungen zu beantworten, und deshalb im Gefängnis landen.

Viele sitzen im Gefängnis oder haben ihren Job verloren

Es bleibt nicht bei juristischen Sanktionen. Von den Studios werden sie, wie andere auch, denen der Ruf vorauseilt, mit dem Kommunismus zu sympathisieren, nicht mehr beschäftigt. Zur Ironie der Geschichte gehört indes, dass McCarthy, der gern poltert, aber selten Beweise vorbringt, seinem antikommunistischen Furor so ungezügelt freien Lauf lässt, dass er auch auf republikanische Parteifreunde und die Armee losgeht und damit letztlich das Vorhaben diskreditiert. Unfreiwillig läutet er das Ende der nach ihm benannten Ära ein. Weil er es überzieht und die amerikanischen Gerichte endlich eingreifen, den Machtmissbrauch benennen und die Macht des Komitees einschränken.

 „Paranoia in Hollywood“. Wie die USA exilierte Künstler erst retteten und dann verfolgten. 1941–1953.Jan Jekal: „Paranoia in Hollywood“. Wie die USA exilierte Künstler erst retteten und dann verfolgten. 1941–1953.Matthes & Seitz

Für viele, von denen Jan Jekal in seinem für den Sachbuchpreis der Leipziger Buchmesse nominierten Buch „Paranoia in Hollywood“ erzählt, kommt das Ende allerdings zu spät. Entweder sitzen sie schon im Gefängnis, oder sie sind arbeitslos und haben keine Aussicht, je wieder als Schauspieler, Drehbuchautor, Regisseur oder Komponist in Amerika arbeiten zu können. Manch einer kann sich ins Ausland retten. Thomas Mann gehört dazu. Der Nobelpreisträger ist 75 Jahre alt und weiß, dass „der Verfolgungswahn“ zu nichts Gutem führen wird. Eben noch galt der Autor und Verfasser der legendären BBC-Reden als literarisches Gewissen und füllte auf Vortragsreisen riesige Säle. Nunmehr ist seine mahnende Stimme unerwünscht.

Seine Tochter Erika, die mit ihren Eltern in Pacific Palisades lebt, wird vom FBI längst als „concealed communist“, als versteckte Kommunistin, geführt. Das Justizministerium erwägt ihre Abschiebung, während sie noch immer glaubt, Amerikanerin werden zu können. Doch das Verfahren zieht sich über Jahre hin. Immer wieder wird sie vertröstet und Prüfungen unterzogen. „Erika. Sie verkümmert hier“, notiert der Vater 1951 bitter. Ohne ihre Tochter können die Manns nicht bleiben, und als Erika bei einer Auslandsreise die Wiedereinreise verweigert wird, steht der Entschluss fest. 1952 kehrt Thomas Mann mit seiner Familie zurück nach Europa.

Es war die Politik, die ihn einst nach Amerika gebracht hatte. Nun ist es die Politik, die ihn aufs Neue vertreibt. Er wolle nicht in diesem „seelenlosen Boden ruhen“, zitiert ihn Jekal, „dem ich nichts verdanke, und der nichts von mir weiß“. Mann hatte nicht zuletzt dank der Unterstützung von Agnes E. Meyer, Miteigentümerin der „Washington Post“, die Mittel für einen Umzug in die Alte Welt. Viele andere, die Jekal in seiner Studie begleitet, sind finanziell längst nicht so flexibel. „Paranoia in Hollywood“ ist auch deshalb faszinierend zu lesen, weil das Buch so viele verschiedene Biographien bündelt, die abreißen oder umgeleitet werden. Aus den losen Enden macht der Autor ein Bild, das der Untertitel rahmt: „Wie die USA exilierte Künstler erst retteten und dann verfolgten 1941–1953“.

Marlene Dietrich engagiert sich im 2. Weltkrieg gegen die Nationalsozialisten.Marlene Dietrich engagiert sich im 2. Weltkrieg gegen die Nationalsozialisten.Deutsche Kinemathek/Marlene Dietrich Collection Berlin

1993 in Kiel geboren, schreibt Jekal als freier Kulturjournalist vor allem über ­Musik und Film. Mit seinem ersten Buch setzt er Maßstäbe. Denn er erzählt zwar chronologisch, aber zugleich ­multiperspektivisch, wie man es aus der Literatur kennt. Ansatzlos springt er von einem Protagonisten zum nächsten: von Horkheimer und Adorno zu Marta und Lion Feuchtwanger, von Charlie Chaplin und Peter Lorre zu Billy Wilder und Arnold Schönberg, von Max Reinhardt zu Greta Garbo, von Bertolt Brecht zu Marlene Dietrich. Dass das auf 400 Seiten trägt, hat auch mit der Materialbasis zu tun, die sich hier bis in die Fußnoten und den aufschlussreichen Anhang erstreckt. Jekal recherchierte viel und vor Ort und konnte auch unveröffentlichte Dokumente aus Archiven in Los Angeles einsehen.

Die Figur, die im Buch wie im deutschsprachigen Hollywood jener Jahre vieles zusammenhält und mit der alles beginnt, ist Salka Viertel. In ihrem Haus in Santa Monica führt sie einen Salon, in dem sich sonntags trifft, was Rang und Namen hat. Es kommen Emigranten und Exilierte, viele von ihnen jüdisch, aus Berlin, Wien, Prag oder München. Durch ihre erzwungene Emigration haben die Filmemacher, Komponisten, Autoren und Schauspieler Los Angeles zu einem Zentrum deutschsprachiger Kultur gemacht. Bei Salka Viertel sind alle willkommen, die eine gute Geschichte zu erzählen haben oder, wie Jekal schreibt, „die Heimat vermissen“. Das Milieu lässt der Autor atmosphärisch auferstehen. Wie sie in der Mabery Road am Kamin sitzen, Klavier spielen, die Lage in Europa diskutieren oder wie Theodor W. Adorno 1941 feststellen: „Die Schönheit der Gegend ist so unvergleichlich, dass selbst ein so hartgesottener Europäer wie ich davor kapituliert.“ Der Schriftsteller Franz Werfel ergänzt: „Die Riviera ist ein Dreck dagegen.“

Das FBI liest ihre Post und hört ihr Telefon ab

Dabei verdichtet sich die Ambivalenz des Exils, denn viele ahnen, dass dieses Versprechen jederzeit widerrufen werden kann. Und dann ist es mit der Freiheit tatsächlich bald vorbei. Salka Viertel, die erfolgreiche Drehbuchautorin bei MGM und Garbo-Flüstererin, erlebt einen beispiellosen Abstieg. Am Ende wird sie in Europa Zuflucht finden. Wie die Manns und Charlie Chaplin zieht es sie in die Schweiz. Zu diesem Zeitpunkt ist ihr Ruf längst zerstört. Seit Jahren stand sie auf der Schwarzen Liste, obwohl sie nie Mitglied der Kommunistischen Partei war. Aber das FBI las ihre Post und hörte ihr Telefon ab. Bald war ihr Name in den Studios ein Tabu, und um zu überleben, musste sie ihr Haus untervermieten und sich in einem Zimmer über der Garage einnisten.

Während manche wie Mann oder Chaplin die Herabsetzung von geachtet zu sozial ausgegrenzt erlebten, konnten andere wie Brecht oder der Komponist Hanns Eisler in Hollywood gar nicht erst Fuß fassen. Gerade diesen beiden wurde besonders übel mitgespielt, als das Komitee 1947 die Anhörungen zu „unamerikanischen Umtrieben“ im Film ankündigte und versprach, Mitglieder zu entlarven.

Bertolt Brecht 1947 vor dem Komitee für unamerikanische Umtriebe in WashingtonBertolt Brecht 1947 vor dem Komitee für unamerikanische Umtriebe in WashingtonASSOCIATED PRESS

Damit hat das Komitee einen öffentlichen Druck geschaffen, der weit über den Gerichtssaal hinausreicht. Die Folge ist die titelgebende „Paranoia in Hollywood“: Keiner traut mehr irgendwem, jeder verdächtigt jeden – entweder ein Verräter oder Kommunist zu sein. Die Studios drehen vornehmlich Filme wie „Lassie“, denn, wie ein mächtiger Produzent sagt: „Der Hund hält keine Reden.“ Dass zu den Denunzianten die Schauspieler Ronald Reagan und Gary Cooper gehören, wundert niemanden im Umfeld Salka Viertels. Von Elia Kazan, der mit Uraufführungen wie „Tod eines Handlungsreisenden“ und Filmen mit Marlon Brando für Furore sorgt, hat man jedoch nicht erwartet, dass er ehemalige Genossen denunziert.

Arthur Miller ist derart entsetzt, dass er mit dem Freund bricht und das Theaterstück „Hexenjagd“ schreibt. Wilder ist zu erfolgreich, um vors Komitee gezerrt zu werden. Lubitsch stirbt 1947, und William Wyler lässt man in Ruhe. Andere gründen das Committee for the First Amendment (CFA), um den Verfemten zur Seite zu springen. Doch als der Druck zu groß wird, distanzieren sich prominente Unterstützer wie Humphrey Bogart und Lauren Bacall und bitten das amerikanische Volk um Entschuldigung für ihr Engagement.

Eine Kulturindustrie, die aus Angst vorauseilend säubert. Ein Komitee, das Verdacht in Protokolle überführt. Ein Staat, in dem Loyalität plötzlich mehr zählt als Werk und Können: Jan Jekal muss gar nicht erst markieren, woran diese historische Studie erinnert – so sehr ist „Paranoia in Hollywood“ von der amerikanischen Gegenwart geprägt. Das macht die Lektüre so ergiebig. Dass man nicht nur über die gut dokumentierte Zeit der Schwarzen Listen Neues erfährt, sondern auch die Gegenwart immer mitdenkt, obwohl dies außer im Epilog unausgesprochen bleibt.

Nach der vorübergehenden Absetzung der „Jimmy Kimmel“-Show auf Druck von Donald Trump rief Jane Fonda jüngst das CFA wieder ins Leben. Nicht zuletzt, weil dem Immigration und Nationality Act von 1952 zufolge Menschen ohne Staatsbürgerschaft festgenommen und abgeschoben werden können – auch wegen Handlungen, die zum Zeitpunkt ihrer Begehung legal waren. Dieses Gesetz war lange vergessen. Unter Donald Trump hat es eine traurige Renaissance erfahren, woran Jan Jekals gelungene Studie über den Verfolgungswahn jener paranoiden Jahre zu Recht erinnert.

Jan Jekal: „Paranoia in Hollywood“. Wie die USA exilierte Künstler erst retteten und dann verfolgten. 1941–1953. Matthes & Seitz Verlag, Berlin 2026. 400 S., Abb., geb., 28,– €.

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