Hat der Verfassungsschutz den NSU-Mördern geholfen? Von 2000 bis 2006 tötete der selbst ernannte »Nationalsozialistische Untergrund« (NSU) neun Menschen aus rassistischen Motiven, später auch noch eine Polizistin. Danach spekulierten manche, ein Verfassungsschützer habe vorher von einem der Morde gewusst. Das steht sogar bei Wikipedia. Stimmt das wirklich?
Bertolt Hunger, SPIEGEL-Dokumentation:
»Bewiesen ist nur, dass der Mann während eines Mordes am Tatort war. Das war 2006 in Kassel. Da hat der NSU Halit Yozgat in seinem Internetcafé erschossen. Also wie – Case closed? Gab es denn Hinweise, dass er ein rechtsextremer Komplize sein könnte? Ja. Im Elternhaus fand man szenetypisches Material: also Waffen und eine Abschrift von Hitlers »Mein Kampf«. In seiner Jugend haben Nachbarn ihn »Kleiner Adolf« genannt. Aber es gibt keinen Beleg dafür, dass dieser Mann jemals mit dem NSU in Kontakt gestanden hat – und schon gar nicht, dass er kooperiert hat. Also: Es gibt keine Mails, keine Fingerabdrücke auf NSU-Material. Es gibt kein Treffen, kein Telefongespräch, das nachgewiesen wäre.«
Aber er war doch am Tatort, sagtest du – also in dem Internetcafé, als Halit Yozgat ermordet wurde?!
Bertolt Hunger, SPIEGEL-Dokumentation:
»Ja, aber aus einem anderen Motiv: Seine Frau war hochschwanger und gleichzeitig ging er in das Internetcafé, um sich da auf Datingplattformen herumzutreiben. Das hat er öfter gemacht. Und das hat natürlich mit dem NSU nichts zu tun. Wäre der Verfassungsschützer Mitwisser gewesen, hätte er im Gegenteil ein starkes Motiv gehabt, nicht am Tatort zu sein. Denn er wäre ein Risiko gewesen, für den NSU aufzufliegen.«
Ein Geheimdienstler ist am Tatort, und er hat möglicherweise selbst eine rechte Gesinnung. Das rückt den Verfassungsschutz nicht unbedingt in gutes Licht, oder?
Bertolt Hunger, SPIEGEL-Dokumentation:
»Das stimmt wohl. Es lässt auf jeden Fall Zweifel daran aufkommen, wie der Verfassungsschutz seine Leute auswählt. Entscheidend ist aber: Es waren drei gewaltbereite Rassisten abgetaucht. Das wusste der Verfassungsschutz. Und in den folgenden Jahren gab es dann diese rassistische Mordserie. Und diese beiden Dinge hat der Verfassungsschutz einfach nicht zusammengebracht.«
Hat damals nur der Staat versagt?
Bertolt Hunger, SPIEGEL-Dokumentation:
»Nein, auch viele Journalisten haben damals die Thesen der Ermittler unkritisch übernommen. Ich auch. Die sehr aufwendigen Mordermittlungen haben nie zum Ziel geführt. Aufgeflogen ist der NSU wegen etwas anderem: Er hat nämlich auch gleichzeitig eine Raubserie begangen. Die hat ein Polizist korrekt analysiert und kam ihnen so auf die Spur. Das war 2011, fünf Jahre nach dem Mord an Halit Yozgat.«
Der 6. April 2026 markiert einen traurigen Jahrestag der NSU-Morde. Auch 20 Jahre später ist vieles noch nicht aufgeklärt.

vor 2 Stunden
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