Wenn die „Odyssee“ an diesem Freitag offiziell in chinesischen Kinos startet, wird die schon bisher erstaunlich grundsätzliche Diskussion über die Heimkehr des Listenreichen ins 21. Jahrhundert eine neue Drehung bekommen. Es ist eine Probe darauf, wie universal die Sprache Hollywoods, die Matt Damons Odysseus spricht, in Wirklichkeit ist.
Bei der Promotion-Tour des Filmteams nach Peking kürzlich wurde Christopher Nolan von der jungen chinesischen Podcasterin Zhong Shu gefragt, ob er bei der Produktion seiner Filme die kulturelle Differenz seines Publikums berücksichtige – anders als etwa Dichter müssten Filmemacher sich ja auch Menschen außerhalb ihrer eigenen Sprache, „ihrer eigenen Polis“ verständlich machen. Nolan verneinte die Frage rundweg: Hollywood habe über die vergangenen hundert Jahre hinweg eine Lingua franca entwickelt, die von Menschen in der ganzen Welt verstanden werde.
„Sind Sie der Barde einer Kultur in der Dämmerung?“
Nun ist aber das ganze kurze Interview, das wegen seiner außergewöhnlichen intellektuellen Dichte sowohl in China wie in den USA zu einer Internet-Sensation wurde, ein Dokument dafür, dass dies nicht ganz zutrifft, und zwar: zum Glück nicht zutrifft. Die Fragen der Podcasterin zeugen davon, wie produktiv es sein kann, sich dem Film von außen zu nähern, aus einer ebenso geopolitischen wie kulturellen Distanz, die nicht die gleichen kollektiven Vorannahmen teilt, aber wohlinformiert ist.
Gleich zu Beginn fällt der Interviewerin der Unterschied zwischen dem optimistischen Ton Homers, der im Bewusstsein einer Kultur im Aufwind stand, und dem düsteren Ton Nolans auf: „Sind Sie der Barde einer Kultur in der Dämmerung?“ Von China aus kann, mit anderen Worten, der Film „Die Odyssee“ als weiterer Beleg für den auch sonst dort angenommenen Niedergang des Westens gesehen werden. Darauf steigt Nolan voll ein, gibt ihm aber eine universelle Bedeutung: Schon bei „Oppenheimer“ sei es ja um das Ende der Welt und damit um den Zusammenbruch der Zivilisation gegangen. Allerdings sei er damit Homer nicht ganz untreu, der über eine als von seiner Zeit als überlegen empfundene, aber dann untergegangene Ära schrieb.
Der Blickwinkel der Geschichte versteht sich nicht von selbst
Zhong Shu fragt dann nach dem „Konzept der Sühne“, das es in der griechischen Sprache und Kultur gar nicht gebe, im Film aber eine große Rolle spiele: „Haben Sie die Odyssee christianisiert?“ Auch das findet Nolan eine „sehr interessante Frage“. Er habe aber nicht bewusst christianisieren wollen, sondern sei eher von der „modernen Sensibilität“ des heutigen Publikums ausgegangen. Und dazu habe er dann das griechische, bei der Überlistung Trojas verletzte Prinzip der „Xenia“, der sich gegenseitig verpflichtenden Gastfreundschaft, in den Mittelpunkt gestellt. Indirekt gibt er damit jedoch zu, dass sein Film durch einen heutigen und durchaus partikularen Blickwinkel geprägt ist, der sich in anderen Weltgegenden nicht unbedingt von selbst versteht.
Allerdings hat die Interviewerin auch ihrerseits eine besondere Sensibilität, um solche Differenzen aufzuspüren. Hinter dem Pseudonym Zhong Shu steht die Doktorandin Yiyang Zhuge, die in Boston an einer ideengeschichtlichen Arbeit sitzt und ansonsten Plutarch aus dem Griechischen und Hannah Arendt aus dem Deutschen ins Chinesische übersetzt. Ihr Podcast mit dem Titel „Ein Baum macht noch keinen Wald“ war in China auch schon vorher populär; sie beschäftigt sich dort mit einer Verbindung von Theorie und Alltag, etwa mit der Frage, „wie das Verkosten von Pu-Erh-Tee mir dabei half, die Grenzen der Rationalität zu überdenken“.
In einem Gespräch, das sie vergangenes Jahr mit dem Magazin des Jack Miller Center führte, zeigte sich, dass ihre Fragen auf keiner Ablehnung des Westens beruhen, sondern vielmehr auf dem Bestreben, ihn von außen besser zu verstehen, als er es zurzeit selbst kann. Dass die Chinesen „sich nicht als Erben der westlichen Tradition“ sähen, mache sie „frei von deren Vorurteilen, und in diesem Sinn sind sie den alten Griechen näher“. Heutige Amerikaner könnten ihrer Tradition gar nicht mit der gleichen Unschuld wie Chinesen begegnen, die sich aufgrund der Zerstörung der eigenen Tradition ihrer spirituellen Krise bewusster seien. Mit einer solchen Art Heimkehr hätte Hollywood wohl nicht gerechnet, als es die Odyssee nach China brachte.

vor 1 Stunde
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