Auflösung der Bibliothek: Abschied vom Buch, diesmal aber wirklich!

vor 2 Stunden 1

Können Sie Bücher wegwerfen? Ich nicht. Dabei sind das doch nur Pakete aus gepresster Zellulose, industriell hergestellte Massenprodukte, bedruckt, viereckig zurechtgeschnitten, geleimt, mit Umschlag versehen und eingeschweißt in eine Folie aus Polyethylen. Auf ihr steht: „please recycle“.

Damit ist nur die Folie gemeint, nicht der Inhalt. Aber genau das ist das Motto eines diskreten kanadischen Unternehmens, das seit Monaten im Auftrag der Firma Anthropic in europäischen Antiquariaten gebrauchte Sachbücher aufkauft, Hauptsache, exotisches Fachgebiet und nach 1970 erschienen. Schätzungen sprechen von vielen Hunderttausenden erworbener Exemplare. Verwendet werden sie zum Training großer kommerzieller Sprachmodelle: Die Programme der sogenannten „Künstlichen Intelligenz“ brauchen immer größere Mengen menschengemachter Texte. Im Netz zugängliches Material ist dafür längst ausgeschöpft; jetzt werden sie unter Umgehung des Urheberrechts mit alten Büchern gefüttert, die gescannt und danach zerstört werden.

Vom Papyrus zum Pergament zum Papier

Medienhistorisch ist das eine erstaunliche Pointe. Was als Buch erscheint – und seit den digitalen Kanälen erst recht –, ist irgendwie wahrer als die Informationen aus elektronischen Medien oder dauerhafter, wenigstens dem Anspruch ihrer Produzenten, Verkäufer und Konsumenten nach. Es ist für immer, weil Buch.

Valentin GroebnerValentin GroebnerFranca Pedrazzetti

So jedenfalls die historische Langzeitprogrammierung, seit den Buchreligionen der Spätantike. Seither gelten Bücher den Gelehrten als Erlösungsvehikel, Seelenfahrzeuge, fliegende Teppiche des Geistes. Dabei wurden die heiligen Texte von damals auf Papyrusrollen geschrieben, kein sehr haltbares Material. Sie hießen „biblos“ auf Griechisch und „liber“ auf Latein, und dabei blieb es, obwohl sich zwischen dem dritten und dem sechzehnten Jahrhundert sonst alles an ihnen komplett änderte. Aus der Schriftrolle wurde der zusammengenähte Codex, der Papyrus wurde zuerst zu Pergament und dann zu Papier, und ebenso radikal veränderten sich die Bücher produzierenden Institutionen, die im Namen des Buchs ihre jeweiligen Wahrheiten verkündeten.

Der Name blieb. Auf Deutsch und Englisch ist er von den massiven Holzdeckeln abgeleitet, die den Inhalt bewahren sollten. Das Materielle ist wichtig: Bücher sind Zeitkapseln, jedenfalls ist das ihr Versprechen, qua Gewicht, je schwerer, desto haltbarer und dauerhafter. Im Englischen nennt man besonders dicke Exemplare mit zärtlicher Ironie door-stoppers. Die Tür – in die Vergangenheit? Ins Vergessen? – soll nicht wieder zufallen, das Buch hält sie offen.

Die Bücher, die ich bin

Wenigstens seinem eigenen Anspruch nach. Denn jedes Buch, schrieb der Autor von „Das Schicksal der Bücher und des Buchhandels“ 1952, sei „eine Art lebendes Wesen, eine Persönlichkeit mit Leib und Seele“. Das muss schon deswegen stimmen, weil es umgekehrt Personen gibt, die ihre Bücher sind, im Wortsinn. Die Gelehrten nämlich, ich zum Beispiel. Meine eigenen Bücher, die bin ich selbst. Dazu die, die ich gelesen habe, durchgearbeitet, die mich in mich selbst verwandelt haben, und dann noch die ganz besonderen, außergewöhnlichen, die ich gefunden und gekauft habe. Die sind mein Schatz, mein Kapital, mein Repertoire an Werkzeugen und Waffen, und mein Büro ist voll von ihnen, übervoll.

Lassen sich deswegen Gelehrte so gerne vor ihren Büchern porträtieren? Die gesammelten Bücher sind Verdoppelung und Erweiterung ihres gelehrten Besitzers, eine Art ausgelagertes Hirn. Jeder Mensch, hat der etwas pingelige Arno Schmidt 1961 ausgerechnet, könne in seinem Leben zwischen 3000 und 5000 Bücher lesen. Also leichte Unterhaltung besser nicht einmal aufschlagen, ermahnte er, man habe gar keine Zeit dafür, sondern gleich nur das Richtige und Wichtige, die Hochliteratur.

Eine nicht enden wollende Verkündung des Endes

Angesichts von Grammophon, Kino und Radio hatte schon 1929 der deutsche Verleger Eugen Diederichs am „Tag des Buchs“ im Deutschen Reichstag bitter den Verfall des Lesens und die kommende Herrschaft eines technisch dominierten „Kults der Zerstreuung“ beklagt. 1962 verkündete Marshall McLuhan angesichts des Fernsehens dann das definitive Ende der ganzen Gutenberg-Galaxis. Und noch einmal dreißig Jahre später wusste es der Schriftsteller Robert Coover in der „New York Times“ endlich ganz genau: Von nun an würden Autoren und Leser nur mehr durch Computernetzwerke miteinander kommunizieren. Überschrift: „The End of Books“. Die erste Software, mit der man sich durchs Netz bewegen konnte, kam erst ein halbes Jahr später auf den Markt, egal. Am liebsten wird der Untergang der Bücher seither in Büchern angekündigt – 1994 etwa in Sven Birkerts’ elegant-melancholischen „Gutenberg-Elegien“.

Im Jahr 1962 verkündete Marshall McLuhan (hier 1966) angesichts des Fernsehens das definitive Ende der ganzen Gutenberg-Galaxis.Im Jahr 1962 verkündete Marshall McLuhan (hier 1966) angesichts des Fernsehens das definitive Ende der ganzen Gutenberg-Galaxis.picture alliance / ASSOCIATED PRESS

Dann war es zu Ende, das Jahrhundert der Krise der Bücher, und es erschienen so viele Bücher wie noch nie zuvor, am Beginn des 21. Jahrhunderts etwa eine Million neue Titel pro Jahr. 2002 wurde von zwei begeisterten Bastlern elektronischer Musik in New York eine Band gegründet, die sich The Books nannte. Ihr erstes Album hieß „Thought for Food“. Die Stücke darauf bestehen aus eleganten Wiederholungsschleifen, die Bruchstücke alter Radiosendungen, Filmtonspuren und Audiokassetten neu kombinieren, mit schönen melancholischen akustischen Riffs und ironischen Texten: „Balance“, singt darauf der Sänger Nick Zammuto zwischen ironisch knacksender und rauschender Elektronik, „Repetition. Composition.“

Der taxierende Blick des Antiquars

Als Prognose völlig zutreffend: Denn in dem Vierteljahrhundert seither hat die Krise der Bücher munter noch mehr Bücher produziert. 2008 brachte Anthony Grafton „Codex in Crisis“ heraus, den definitiven Essay über das jahrhundertealte Motiv vom Ende der Bücher, handgebunden und in einer bibliophilen Ausgabe eines Verlags, der sich ironisch „The Crumpled Press“ nannte. „Das Ende einer Last: Die Befreiung von den Büchern“ hat der Büchermacher Karl Günter Bose ein – ausnehmend schön gemachtes – kleines Buch betitelt.

Nur: Was macht man mit all den eigenen kostbaren Büchern, wenn man keine Lust mehr auf sie hat und auch keinen Platz?

Informationsträger und Berührungsreliquien

Oder kein Geld, wie Chip, der tragische akademische Held in Jonathan Franzens Roman „Die Korrekturen“, 2001 erschienen und damals spektakulär erfolgreich. Chip schleppt seine gelehrte Bibliothek ins Antiquariat, in Originalumschlägen, Listenpreis insgesamt 3900 Dollar. Der Einkäufer taxiert sie knapp und verkündet: „65.“ Dann muss Chip auch seine Feministinnen, seine Formalisten, seine Strukturalisten und seine „queer theory“ verkaufen, wie der Autor unerbittlich genau auflistet, und seine geliebten Kulturhistoriker, Foucault und Greenblatt wandern in Einkaufstüten auf den freien Markt. Erlös: „115 Dollar.“

Viele von Chips Zauberbüchern der Theorie stehen auch bei mir, von Barthes, Benjamin und Bourdieu über Foucault, Greenblatt und Koselleck bis ans Ende des Alphabets, die meisten davon in den praktischen Taschenbuchausgaben, ein paar dickere gebundene zwischendrin, weil: schwerer Gedanke, schweres Buch. Was mache ich nur mit meinem halben Regalmeter Slavoj Žižek, dreißig Jahre nachdem ich mir das erste von ihm gekauft habe? Den Titel finde ich immer noch schön, aber vermutlich verstehe ich ihn jetzt erst wirklich: „Liebe dein Symptom wie dich selbst“.

Wohin mit einem halben Regalmeter Slavoj Žižek (hier auf der Frankfurter Buchmesse 2023)?Wohin mit einem halben Regalmeter Slavoj Žižek (hier auf der Frankfurter Buchmesse 2023)?dpa

Alle lieben Bücher. Bücher sind nicht nur Informationsträger, sondern auch Berührungsreliquien, manche als Geschenke mit eigenhändigen Widmungen, oder Unterpfänder intensiver Beziehungen. Aber Liebe, geht einem irgendwann auf, ist kein Gefühl, jedenfalls nicht nur. Sondern eine Verpflichtung. Und zwar zur Arbeit.

Ich habe fast dreißig Jahre Bücherbesprechungen für unterschiedliche Zeitschriften und Zeitungen geschrieben. Dafür bekommt man das Exemplar vom Verlag zugeschickt, die habe ich behalten. Da stehen sie jetzt alle, die beruhigend soliden Produkte von Yale und Harvard und Cambridge University Press, von C.H. Beck und Vandenhoeck & Ruprecht und Wallstein im Regal, griffbereit und mit meinen eng beschriebenen Notizzetteln darin, sodass ich die Stellen gleich wiederfinden konnte, die wichtig waren. Blöderweise fühlt sich all die Fachliteratur mittlerweile an wie dick eingekochte Gelehrsamkeitsmarmeladen, die ich nicht mehr öffnen und mir und anderen aufs Brot streichen werde. Außerdem stehen da noch die anderen Bände, die ich seit sehr langer Zeit besitze, aber nie zu Ende gelesen habe, neben vielen dicken Fachbüchern auch Robert Musils „Mann ohne Eigenschaften“, Roberto Bolaños „2666“, Gilles Deleuzes „Differenz und Wiederholung“. Das Lesezeichen steckt auf Seite 76, weiter bin ich nicht gekommen. Wohin damit?

Die Bücherschätze nehmen ihren Weg

„Schöne Bücher“, hatte der Antiquar auf meine Anfrage geantwortet, „interessieren mich immer.“ Er kam morgens in mein Büro zu Besuch, ein freundlicher älterer Herr mit scharfem, schnellem Auge. Zu meinen vielen dicken Bänden zur Schweizer Geschichte zuckte er nur die Schultern. „Will niemand“, sagt er knapp, „habe ich schon.“ Englisch lese seine Kundschaft nicht, für Wissenschaftsgeschichte interessierten die sich auch nicht; sehr wohl aber für die schönen Bücher, es müsse nicht unbedingt Geschichte sein, auch über Architektur, Theorie, Gegenwartsliteratur und Lyrik in gut erhaltenen Taschenbuchausgaben. Am Schluss packte er vierzehn große Papiertüten voll – „250, okay?“

Blick in die Auslage eines AntiquariatsBlick in die Auslage eines AntiquariatsFrank Röth

Ich nickte ergeben. Wahrscheinlich hätte ich 300 sagen sollen, aber ich war irgendwie eingeschüchtert von so viel rasantem professionellen Geschäftssinn. Und ich will ja, dass andere Leute das schön bedruckte Papier in Zukunft lesen, also ab dafür. Ich half dem Antiquar, die 14 Papiersäcke in den Aufzug zu tragen. „Der Parasit“ von Michel Serres war auch dabei. Und „Die Korrekturen“ von Jonathan Franzen.

Das Verschwinden meiner einzigartigen Schätze machte mir strahlend gute Laune. Es war ein Sog und eine Art Genugtuung, diesen Körpern der Gelehrsamkeit bei ihrer endgültigen Abreise über den Fluss Lethe behilflich zu sein. Die zerlesene Taschenbuchausgabe von Neal Aschersons „Schwarzes Meer“ wollte ich aber unbedingt behalten, warum? Weil manche Bücher materialisiertes Begehren sind, Seelenkokons, Wunschbehälter. Andere gerettete Titel, die ich aus dem Büro nach Hause trug, hießen „Bookish!“, „Die Illusionen der anderen“, „Das Gute in den Dingen“ und – noch eine Beschwörungsformel – „Sympathiezauber“.

Die Ausstattung des Ego-Museums

Mit den eigenen gesammelten Büchern, den eigenen Papieren und den Texten, die daraus entstehen, baut sich jede Autorin und jeder Autor im Lauf der Jahre ein Ego-Museum. Wie bei allen anderen Arten von Horten und Akkumulation wird es zusammengehalten durch die eigene Angst vor Verlust und vom Wunsch, die eigene Vergangenheit damit zu kontrollieren. „Museum“ war in der Frühgeschichte dieser ehrwürdigen Institution kein Gebäude: Im sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert hieß jede Akkumulation von altem Wissen so, Sammlungen von Antiquitäten oder exotischen Tieren ebenso wie gelehrte Bibliotheken: Johann Michael Valentinis „Museum Museorum“, zum Beispiel, gedruckt 1704 in Frankfurt am Main, 664 Seiten.

Bücher haben ist das Zeichen der Zugehörigkeit zur Kaste der Gelehrten; derjenigen, die von sich selbst behaupten, dass sie mehr wissen als alle anderen, viel mehr. Deswegen geht es beim Bücherschreiben immer um alles. Es ist eine Erlösungsreligion, in der man selbst Pfarrer und Gemeinde verkörpert; wie bei den Blogs der 1990er-Jahre und den Weltuntergangspredigern. Handeln deswegen so viele gelehrte Bücher vom definitiven Ende von irgendwas? Nur eben andersherum: Countdown für Anfang, Urknall und die Schöpfungsexplosion.

Das Weggeben ist eine große Befreiung

Ich hätte einen Text über das Auflösen meiner Bibliothek in Arbeit, schrieb ich dem Schreiberfreund, ob er Lust habe, einmal einen Blick hineinzuwerfen? Die Antwort kam sehr schnell. Er wolle den Text nicht lesen. Seine Bücher würde er nie weggeben, er brauche sie direkt bei sich, alle 20.000, nur so könne er arbeiten. Dazu schickte er mir das Exposé des neuen Buchs, an dem er gerade sitze. Es handelt von der Entdeckung der neuen Einfachheit und des Minimalismus in den späten 1970er-Jahren.

Lockerung kann man, im Gegensatz zur Bedrückung, ja nie erklären. Ich wünsche ihm viel Vergnügen dabei. Das Weggeben von Büchern, weiß ich jetzt, ist große persönliche Befreiung. Und die Bücher, die der Antiquar nicht wollte, habe ich verschenkt, an die Hochschulbibliothek, Kolleginnen und Kollegen. Denn ich kann ja keine Bücher wegwerfen, immer noch nicht.

Außer eine ganz besondere Sorte. Aus meinen Regalen kam nämlich auch ein ganzer Stapel von Titeln zur Krise der Universitäten aus den 1990er- und Nullerjahren, alle erschienen bei renommierten Wissenschaftsverlagen,  Suhrkamp, S. Fischer, Campus, insgesamt gut zwei Regalmeter. Im Recyclingraum der gelehrten Institution, in der ich arbeite, ist eine ganz besondere Tonne aufgestellt, zwischen der für Karton und der für Papier. Auf ihr steht groß, irgendwo zwischen Aufforderung und Trost, „Bücher“. Hier geht er auf, weiß ich jetzt, der Sonderweg.

Den Rest werden uns in ein paar Jahren die unterwürfigen Bots der freundlichen Technologiekonzerne erklären – mit Formulierungen aus den Büchern von ganz früher, die so lange auf unseren Regalen verstaubt sind; verwandelt in geschmeidiges Informationspüree. Aber nicht mehr umsonst, sondern nur gegen monatliche Abogebühr, Eintritt ins Museum Museorum, nur eben endgültig privatisiert.

Gesamten Artikel lesen