Nun ist Jens Spahn der erste deutsche Politiker, der wegen eines Kinderwunsches zurücktreten musste. In der bundesdeutschen Liste der Rücktrittsgründe hochrangiger Politiker ist manche Kuriosität zu finden: Willy Brandt musste das Bundeskanzleramt verlassen, weil es dem Geheimdienst der DDR gelungen war, mit Günther Guillaume einen Stasi-Offizier in Brandts unmittelbare Umgebung einzuschleusen. Überdies hatten seine Parteikollegen Herbert Wehner und Helmut Schmidt, der spätere Bundeskanzler, emsig an Brandts Stuhl gesägt.
Der baden-württembergische Ministerpräsident Lothar Späth hatte sich mehrere Urlaubsreisen spendieren lassen, in Schleswig-Holstein wurde Björn Engholm von der Barschel-Affäre eingeholt. Cem Özdemir war gezwungen, sein Amt als innenpolitischer Sprecher der Bundestagsfraktion der Grünen aufzugeben, als bekannt wurde, dass er einen Privatkredit des Frankfurter PR-Beraters Moritz Hunzinger in Anspruch genommen und außerdem auf Dienstflügen eingeheimste Bonusmeilen privat verbraten hatte.
Hunzingers notorische Großzügigkeit Spitzenpolitikern gegenüber zählte auch zu den Ursachen, die zu Rudolf Scharpings Entlassung aus dem Amt des Verteidigungsministers führten, während Christian Wulf als Bundespräsident zurücktreten musste, weil die Vorwürfe der Vorteilsnahme gegen ihn nicht verstummten. Es ging unter anderem um Kredite, mehrere Übernachtungen in einem Mittelklasse-Hotel auf Norderney sowie um ein Bobby-Car, das ihm ein Berliner Autohändler zum Geburtstag seines Sohnes geschenkt hatte.
Ein zutiefst menschlicher Anlass
Jens Spahn wird sich hüten, derartige Geschenke anzunehmen. Denn er hat gute Gründe, den Kinderwunsch als einzigen Anlass, aus dem er jetzt zurückgetreten ist, zu hegen und zu pflegen. Er wäre gegebenenfalls so etwas wie seine Versicherung.
Spahn weiß natürlich, dass es für jeden Rücktritt eines Politikers Gründe, Ursachen und Anlässe gibt. Das sind drei verschiedene Kategorien, die oft nicht ganz leicht auseinander zu halten sind. Weil der Zurückgetretene von heute nicht selten das Comeback-Kid von morgen ist, gilt mittelfristig die Devise: Je läppischer der Anlass, desto besser für den betroffenen Politiker. In dieser Hinsicht ist der Kinderwunsch geradezu ideal und im Grunde nicht zu übertreffen. Denn er ist nicht läppisch, sondern etwas anderes, etwas sehr viel Besseres: er ist zutiefst menschlich.
Wie konnte es nur dazu kommen, so könnte in einigen Jahren gefragt werden, dass ein Politiker zurücktreten musste, nur weil er sich gemeinsam mit seinem Ehemann den Kinderwunsch erfüllt hat? Waren die Zeiten damals wirklich so herzlos? Und hat man im Jahr 2026 etwa noch nicht gewusst, dass wir in einer bis in den letzten Herzenswinkel ausdifferenzierten Dienstleistungsgesellschaft leben, deren Ultima ratio darin besteht, Mittel und Wege zu finden, jeden denkbaren Wunsch zu erfüllen, ungeachtet seiner moralischen Implikationen?
Die ethischen Bedenken werden schon bald obsolet sein
Eine Gesellschaft, die sich mit Longevity beschäftigt und immer mehr dazu neigt, den Prozess der unablässigen Selbstoptimierung als dringend gebotene Dienstleistung an der eigenen Person zu begreifen, wird den ethischen Bedenken, die jetzt noch dem Komplex der Leihmutterschaft gegenüber bestehen, nicht mehr lange Gewicht beimessen. Sie dürfte kaum noch danach fragen, ob eine bestimmte Dienstleistung bedenklich oder unbedenklich sei, sondern nur noch wissen wollen, ob sie selten oder häufig nachgefragt wird, ob sie wenig oder viel Profit verspricht.
Eine Zeitlang mag die Frage, ob es nicht abzulehnen sei, dass eine Frau, die gegen Bezahlung das Kind anderer austrägt, ihrer Würde beraubt und zum Objekt degradiert wird, uns noch beschäftigen. Aber spätestens die Welle der von humanoiden Robotern erbrachten Dienstleistungen, die unaufhaltsam auf uns zurollt, wird andere Probleme aufwerfen und andere Fragen ins immer löchriger werdende Bewusstsein der Öffentlichkeit spülen.
Dass Jens Spahn sich und seinem Ehemann auf fragwürdigem, aber nicht illegalen Weg den gemeinsamen Kinderwunsch erfüllt hat, mag der Anlass für den Rücktritt des Fraktionsvorsitzenden der christdemokratischen Union Deutschlands sein, aber zugleich wäre dieser Anlass auch die Garantie dafür, nach geraumer Zeit auf relativ problemlose Weise in die Politik zurückkehren zu können. Spahn hat sich nicht wie ein bayerischer Ministerpräsident von irgendeinem Unternehmer in den Urlaub einladen lassen, und er hat auch nicht wie Kurt Biedenkopf bei Ikea einen unverhältnismäßig hohen Rabatt ausgehandelt.
Jens Spahn kann sagen, er sei seinem Herzen gefolgt. Ein Spitzenpolitiker, der sein Amt aufgibt und seine Karriere aufs Spiel setzt, um sich einen Kinderwunsch zu erfüllen, das ist der Stoff, aus dem sich Legenden schnitzen lassen. Wenn auch vielleicht nicht im ersten Anlauf, dann gewiss im zweiten. Vater Spahn weiß das.

vor 11 Stunden
2











English (US) ·