tagebuch zu Depressionen: „Lerne in Stille, dir selbst zuzuhören“

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Der Januar 2025 hatte 87 Tage, es war eine schwierige Zeit, und sie endete erst Anfang April. Zumindest in Benjamin Maacks Wahrnehmung, der damals eine depressive Episode durchlebte. Sein Journal „Bewerbungen um einen Job als Mensch“ erzählt in 87 durchnummerierten Einträgen – die alle auf den Januar datieren, obwohl der Kalender schon den Februar oder März anzeigte – vom Leben mit der Depression und den Sorgen seiner Nächsten.

Mit dem Gang in die Psychiatrie hatte der Schriftsteller und „Spiegel“-Redakteur in seinem vielfach gefeierten Memoir „Wenn das noch geht, kann es nicht so schlimm sein“ einen Tiefpunkt ins Zentrum seiner Krankheitsanalyse gerückt, der sich durchaus als Point of no Return hätte erweisen können, bekanntlich wird nicht jeder Eingewiesene rasch wieder entlassen. Auch Benjamin Maack erleidet zig Zusammenbrüche, bis er endlich zu seiner Familie zurückkehren kann, und beschließt, den Ausnahmezustand zu akzeptieren: „Meine Depression hört nicht auf. Das wird sie nie. Sie ist jeden Tag da. Aber wir kennen uns ganz gut und kommen auch recht gut miteinander aus mittlerweile“ heißt es am „Nullten Januar“ beinah beruhigend, als sich ein erneuter psychischer Einbruch anbahnt.

Sich ablenken mit Gegenschmerzen?

Plötzlich spielen die Sinne verrückt, das Wasser fühlt sich dickflüssiger an, das Gesicht ertaubt, der Kopf gerät in Aufruhr. Im Gegensatz zu früher, als Maack sich mit Gegenschmerzen abzulenken versuchte, indem er Chilis kaute oder einen Stahlstachelball knetete, versucht er sich mit seinem „Depressionstagebuch“ einen therapeutischen Reim darauf zu machen, was mit ihm, aber auch der Welt um ihn herum nicht stimmt.

 „Bewerbungen um einen Job als Mensch“. Ein Depressionstagebuch.Benjamin Maack: „Bewerbungen um einen Job als Mensch“. Ein Depressionstagebuch.Suhrkamp Verlag

Maacks Alltagsbeobachtungen in „Bewerbungen um einen Job als Mensch“, die er zunächst als Onlinediarium auf Instagram veröffentlichte, folgen dabei dem Dreischritt von Selbstanklage, Seelenstriptease und Selfempowerment. Zunächst ist da der Ekel über das eigene Ungenügen, die verstrichenen Abgabefristen und tütenweise in sich reingestopften Süßigkeiten, die Hilflosigkeit vor den beiden heranwachsenden Söhnen.

Ein moralästhetisches Programm

Maack funktioniert nicht, wie er soll, stattdessen versinkt er im für die Autofiktion unserer Tage prägenden Gefühl der bodenlosen Scham. Einmal unten angekommen, reflektiert er die familiären Urgründe und gesellschaftlichen Zwänge, den beruflichen Erfolgsdruck und die allgegenwärtigen Normativitätsansprüche. Anders als im Zwillingstext „Wenn das noch geht, kann es nicht so schlimm sein“ leitet er aus seinen Befunden diesmal ein moralästhetisches Programm ab, dessen Forderungen das „Depressionstagebuch“ mantrahaft durchziehen: „Schätze die Person, die du bist. Mach dir selbst und anderen Mut. Freude ist die Essenz des Erfolgs. Entwickle die Fähigkeit, zuzuhören. Lerne in Stille, dir selbst zuzuhören. Lass dein Verhalten für sich sprechen.“

Das Journal liest sich in diesen Passagen wie ein Überlebensratgeber. Hatte das Vorgängerbuch Maack noch Vergleiche mit David Foster Wallace' Depressionsintrospektion „Der Planet Trillaphon im Verhältnis zur Üblen Sache“ beschert, darf man sich nun an dessen berühmt gewordene Rede „Das hier ist Wasser“ erinnert fühlen, einen Schlüsseltext der „New Sincerity“. Auch Benjamin Maack geht es um Empathie, um Verständnis für die eigene Situation, aber auch für die Schicksale der Mitmenschen. „Ich bin so dankbar, dass ich Journalist sein darf, dass ich jemand sein darf, der Menschen zuhört“, verlautbart er einmal, zugegeben ziemlich weihevoll. Ohnehin ist die Dankbarkeit ein Schlüsselmotiv, die Danksagung am Buchende unterstreicht das dick.

Entlang einer Hashtag-Checkliste konzipiert?

Zwei Dinge irritieren an Maacks Mitmenschlichkeitsmanifest auf die Dauer von über 400 Seiten allerdings: Zunächst einmal schneidet er derart viele gesellschaftspolitische Themen an, von Abstiegsängsten über body issues bis zum Rechtspopulismus, dass man meinen könnte, sein Journal verfolge einen Werkplan und sei entlang einer Hashtag-Checkliste entstanden. Was nicht recht zur Spontaneität passen will, die das Projekt zu suggerieren versucht, und uns zum zweiten Punkt bringt, dem arg gefühligen, wenig analytischen Stil.

In der akuten Depression brechen sich nur die stärksten Emotionen Bahn, vielleicht finden leisere Töne in den sozialen Netzwerken, wo der Text ursprünglich seinen Lauf nahm, auch gar kein Gehör mehr. Den eruptiven Sound dann aber unverändert in Buchform zu gießen, erschöpft seine Effekte rasch. Zumal eine gewisse Reibung entsteht, merkt man sprachlichen Bildern wie dem „irren Sommerstadtparkserienmördereiswagenklingeln von Janas Telefonwecker“ doch an, wie ausgedrechselt sie sind.

Maack schreibt popliterarisch, minus den Zynismus, doch stets an den Oberflächen entlang. Die Tiefe der Empfindung wird im „Depressionstagebuch“ oftmals nur suggeriert. Wenn Maack mehrfach betont, dass ein „normaler Mensch“ nicht nachvollziehen könne, wie es sich anfühlt, an Depressionen zu leiden, hat er natürlich einen Punkt – das Gleiche gilt ja für Fluchterfahrungen oder Schwangerschaftsabbrüche. Die Probleme jedoch, die er hier in den Blick nimmt, dürften die meisten Menschen kennen. Wer fühlt sich im Job nicht manchmal wie ein inkompetenter Scharlatan, vergleicht sich gedemütigt mit Modelkörpern und hat Geldsorgen? In dieser Hinsicht sind Benjamin Maacks Notate von beinah universalistischer Qualität und passen gut ins empathische Schreibprogramm. Über seine Depressionen hat er zuvor allerdings greifbarer geschrieben.

Benjamin Maack: „Bewerbungen um einen Job als Mensch“. Ein Depressionstagebuch. Suhrkamp-Verlag, Berlin 2026. 432 S., geb., 25, €.

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