Was kann, was soll die Kunst im Krieg? Das, so erzählt Noa Rosenberg, war eine der Fragen, die sich die Kuratorinnen des Tel Aviv Museum in den vergangenen zwei Jahren immer wieder gestellt haben. Als die Sirenen am 7. Oktober 2023 im ganzen Land aufheulten, eilten die Mitarbeitenden in das Museum, um Werke aus der modernen Sammlung in die unterirdischen Tresore zu bringen. Denn direkt gegenüber steht das Militärhauptquartier, das immer wieder zum Ziel von Angriffen wird, und so kann die Kunst schnell zum Kollateralschaden werden. Auch wenn das Haus nur wenige Wochen später wieder für temporäre Ausstellungen öffnete, blieb die wertvolle Sammlung der Moderne in Sicherheitsverwahrung. Erst wenn dieser Irankrieg vorbei ist, soll sie neu gehängt werden.
Seit ihrer Kindheit, so erzählt Rosenberg, habe sich die Dauerausstellung nicht verändert, habe versucht, die US-amerikanische Ausstellungsdramaturgie zu imitieren. Doch ihr Museum sei keine westliche Institution mit großem Ankaufsbudget. „Viele der Werke aus unserer Sammlung sind als Konsequenz von Vertreibung und Flucht aus Europa hier in den Nahen Osten gelangt“, so die Kuratorin für Moderne Kunst. Das haben die Kriege seit dem 7. Oktober für viele schmerzlich in Erinnerung gerufen. Und das ist die Geschichte, die sie mit „Year Zero“, der ersten Ausstellung mit modernen Werken aus der Sammlung seit mehr als zwei Jahren, beleuchten will.
Marc Chagall reiste eigens aus Paris an
Mit Humor erzählt sie, wie Meir Dizengoff, erster Bürgermeister der Stadt, 1931 in drei Zimmern seines Hauses mit Bernini-Konterfeis den Vorläufer des Museums einrichtete, um zu zeigen, dass man eine europäische Stadt sei. Weil aber niemand kam, wandte er sich hilfesuchend an Marc Chagall, der tatsächlich aus Paris anreiste, die Konterfeis entfernen ließ und fortan den Geschmack des Museums bestimmte. Das erste Werk der Sammlung, nun auch das erste Werk der Ausstellung, ist der 1932 persönlich von Chagall gestiftete „Jude mit Tora“, ein Werk, das in seiner realistischen Düsterkeit uncharakteristisch ist. Daneben hängt der Druck „Jude mit den Zehn Geboten“, vom Künstler Joseph Budko gestiftet, nachdem er 1933 noch in Berlin ausgestellt wurde. Es sind Arbeiten, die wie Vorboten der Entwicklungen wirken, die folgen sollten.
Klassisch modern: einTeil des Tel Aviv Museum of ArtPicture AllianceSo beginnt „Year Zero“ mit der Zerstörung des Judentums in Europa durch den Aufstieg der Nationalsozialisten und mit dem Aufbau Tel Avivs – Geschichten, die auch durch den Werdegang des deutsch-israelischen Kunsthistorikers Karl Schwarz erzählt werden. Nur sechs Tage vor der Machtergreifung des NS-Regimes am 30. Januar 1933 hat Schwarz das erste Jüdische Museum in Berlin eröffnet, das die Kunstsammlung der Jüdischen Gemeinde zeigen sollte und das erste überhaupt war. Ein Angebot Dizengoffs, der erste Direktor des Kunstmuseums der Stadt Tel Aviv zu werden, lehnte er noch im Jahr zuvor ab, wurde doch in Berlin sein Lebenstraum – für wenige Tage – realisiert. Kurz nach der Machtergreifung der Nazis kam er doch auf Dizengoffs Angebot zurück.
Karl Schwarz, so erzählt sein Sohn Michael heute, hat früh erkannt, dass Europa kein sicherer Ort mehr für Juden war. Wenige Monate später, im Frühsommer 1933, floh er in das damalige Palästina, seine Familie folgte alsbald. Aus Tel Aviv schickte er Briefe an jüdische Sammler in ganz Europa und bot das neue Museum zunächst als vorübergehenden sicheren Hafen an, bis der Krieg vorbei sein würde. Wie viele er versendete und wie viele Briefe ihre Empfänger noch erreichten, wird sich wohl nie nachvollziehen lassen. Aber die Weitsicht Schwarz’ hat durch die Rettung von Kunstwerken vor den Nazis den Grundstock des Museums geschaffen.
Die wohl größte Sammlung von Werken Alexander Archipenkos
Schon im September 1933, kurz vor der Flucht nach Großbritannien, ließ etwa der Kunstmäzen und Unternehmer Erich Goeritz achthundert Werke aus seiner Sammlung nach Tel Aviv bringen. Davon sind in der Ausstellung unter anderem ein Selbstporträt, Papierarbeiten von Max Liebermann und Lovis Corinth sowie frühe Werke Alexander Archipenkos zu sehen. Schwarz und Goeritz ist es wohl zu verdanken, dass das Tel Aviv Museum heute mit insgesamt 36 Arbeiten aus der frühen Schaffensphase die wohl größte Sammlung Archipenkos beherbergt, auch diese sind in der Ausstellung zu sehen. Der überwiegende Teil seines Frühwerks ging während des Zweiten Weltkriegs verloren oder wurde zerstört.
Noch 1938 wurde Karl Schwarz auf Geheiß des Museums persönlich nach Europa geschickt, um jüdische Sammler dazu zu bewegen, Kunstwerke außer Reichweite der Nazis zu bringen. Durch diese Reise nach Frankreich, Belgien und in die Niederlande konnte er weitere 1500 Werke aus jüdischen Sammlungen nach Tel Aviv bringen, darunter Maurycy Gottliebs „Juden beim Gebet in der Synagoge an Jom Kippur“ von 1878. Der Umgang des Museums mit dem Werk zeugte später vom Selbstverständnis der neuen Israelis. Denn lange hing es bei den Alten Meistern. „Doch für mich markiert dieses Werk den Anbruch der Moderne“, erklärt Rosenberg.
Israelis wollten das Bild der Holocaustopfer lange nicht sehen
Dass es nicht in der Abteilung der Moderne hing, habe auch damit zu tun, dass Israelis lange das Bild von den traditionellen europäischen Juden, den Opfern des Holocausts, nicht sehen wollten. Dabei bringe gerade dieses Werk traditionelle religiöse und moderne intellektuelle Elemente zusammen. So zeige das Gemälde den Davidstern zu einer Zeit auf der Thora-Rolle, als er Symbol der eher säkular geprägten zionistischen Bewegung war und nicht unbedingt im religiösen Kontext gezeigt wurde.
Hing als Bild des 19. Jahrhunderts ursprünglich in der Altmeisterabteilung und ist damit ein guter Zeuge des damaligen Selbstverständnisses: Maurycy Gottliebs „Juden beten in der Synagoge an Jom Kippur“, 1878ImagoMehr als hundert weitere Arbeiten sind Teil der Schau. Sie stammen überwiegend aus den etwa achttausend Werken, die Karl Schwarz und jüdische Künstler und Sammler in den Jahren des NS-Regimes und des Zweiten Weltkriegs in die Sammlung retten konnten. Viele der Stifter wurden im Holocaust ermordet, andere, die überlebten, stifteten die Arbeiten später dem Museum. Mit Empathie sind sie auch mit Bedacht an das möglicherweise kriegstraumatisierte Publikum kuratiert. So sind Arbeiten, die Szenen europäischer Pogrome und des Ersten Weltkriegs zeigen, die vielleicht an die ausgemergelten israelischen Geiseln in Gaza erinnern könnten, mit Warnungen in einem Nebenraum platziert.
Gleichzeitig lässt die Ausstellung auch Raum für Reflexionen über den Krieg. Den Abschluss bilden Werke von Künstlern während des Ersten Weltkriegs aus dem Kunstjournal „Krieg und Kunst“, dessen Mitarbeiter Schwarz war, und die originale Lithographie Käthe Kollwitz’, die Motiv für das Poster „Nie wieder Krieg“ war, gestiftet in den späten Dreißigern vom jüdischen Kunstsammler Max Matheus, der 1943 von den Nazis ermordet wurde.
Käthe Kollwitz’ Lithographie „Nie wieder Krieg“ als Emblem
„Ich will wirken in dieser Zeit, in der Menschen so ratlos und hilfsbedürftig sind“, schrieb Kollwitz 1922 – und daran versucht sich auch das Museum. Umso dramatischer wirkt es, dass die Ausstellung angesichts des gegenwärtigen Kriegs pausieren muss. Als die Sirenen am Morgen des 28. Februar den Angriff Israels und der Vereinigten Staaten auf Iran signalisierten, fand sich ein Team von einem Dutzend Kuratorinnen und Konservatorinnen binnen kürzester Zeit im Museum ein. Bereits eine Stunde nach dem Alarm wurden mehrere Hundert Werke in die unterirdischen Tresore evakuiert. „Die Notfallpläne zur Sicherung wichtiger Werke gab es schon vor dem 7. Oktober, aber mittlerweile sind wir darin geübt“, erklärt Mira Lapidot, Chefkuratorin des Museums.
Wichtig sei das insbesondere auch für Leihgaben. Neben „Year Zero“ wurden die Werke aus der Ausstellung „The Day Is Gone: 100 Years of the New Objectivity“ über Neue Sachlichkeit gesichert, die überwiegend aus den Sammlungen Jan Fischers aus Deutschland und Merrill C. Bermans aus den USA geliehen wurden und die Schwierigkeiten der Ausstellungslogistik im Kontext von Konfliktregionen zeigen.
Futuristisch: das Äußere des neuen Herta and Paul Amir Trakts des Tel Aviv Museum of Art stammt von dem US-Architekten Preston Scott Cohen und bietet 18.500 Quadratmeter AusstellungsflächePicture Alliance„Beide Ausstellungen zeigen tief traumatisierte Gesellschaften, die durch politische Polarisierung zerrissen und von Angst geprägt sind; sie zeigen die verheerende Realität des Krieges durch die Kunst“, sagt Mira Lapidot, und das sei derzeit umso aktueller. In den vergangenen zwei Jahren habe das Haus versucht, einen Zufluchtsort zu schaffen. Aber es will auch Raum für Reflexionen sein. Nicht nur durch die Geschichte des Traumas, sondern auch durch die Geschichte des Überlebens. Auf dem bekanntesten Foto der Eröffnung des Berliner Jüdischen Museums 1933 ist der „Junge David“ von Arnold Zadikow (1932) im Vordergrund zu sehen. Jahre bevor er 1943 in Theresienstadt Opfer der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie wurde, stiftete der Künstler die Skulptur an das Tel Aviver Museum. Auch sie ist Teil der Geschichte.
Schwarz wurde 1947 aus dem Tel Aviv Museum entlassen, zu deutsch war sein Stil am Vorabend der israelischen Staatsgründung, zu wenig hat er der neuen Führung die lokalen Entwicklungen und Produktionen eingebunden, zu sehr der Kultur seiner alten Heimat nachgehangen. Als David Ben Gurion ein Jahr später Israels Unabhängigkeit verkündet, ist sein Wirken trotzdem zu sehen. Neben den Flaggen des neuen Staates, die in Meir Dizengoffs Haus für die Zeremonie aufgehängt wurden, ist auf manchen Fotos die deutsche Landschaft von Lesser Urys „Birnbaum“ zu sehen – eine der Arbeiten, die durch Schwarz’ Weitsicht gerettet wurden.
Year Zero. Tel Aviv Museum, Tel Aviv; bis zum 29. August. Kein Katalog.

vor 3 Stunden
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