Während sich die letzten Hotelgäste zum Frühstück in der Morgensonne am Pool niederlassen und Gärtner Oliven von den Bäumen des Gartens ernten, drängen sich vor dem Eingang zum Ballsaal internationale Sammler, Kuratoren und Journalisten. Sie sind zur Eröffnung der 1:54 Contemporary African Art Fair im La Mamounia Hotel in Marrakesch angereist. Darunter seien gleich sechs Kuratoren vom Museum of Modern Art in New York, sagt Touria El Glaoui, die Direktorin der Messe, freudig. Sie hat die 1:54 im Jahr 2013 in ihrer Wahlheimat London gegründet. Die Zahlen im Namen stehen für die 54 Länder auf dem einen afrikanischen Kontinent. 2015 folgte die Ausgabe der Messe in New York, 2018 kam Marokko hinzu, das Heimatland der in Casablanca geborenen Touria El Glaoui.
La Mamounia, seit seiner Eröffnung 1923 mehrfach erweitert und modernisiert, galt bis vor wenigen Jahren als das führende Luxushotel in Afrika. Wer hier absteigt, kann sich auch die Kunst leisten, die auf der Messe angeboten wird. Doch dieser geht es in Marrakesch schon immer um mehr als kulturelle Shopping-Angebote für Luxusreisende. Das zeigt die Wirkung der 1:54 auf die lokale Kunstszene.
Künstler, die nicht in Europa studiert haben
Die jährliche Messe füllte damit auch ein Vakuum, das die schlecht gemanagte Marrakesch Biennale nach ihrer letzten Ausgabe 2016 hinterlassen hatte. Die Anzahl der Galerien vor Ort steigt stetig, wie auch die der hier lebenden Künstler. Den Galerien geht es immer mehr darum, nordafrikanische Künstler zu fördern, die nicht in Europa studiert haben und nicht dort leben. Was allerdings auch auffällt, ist, wie wenige Künstlerinnen darunter sind, obwohl Galeristinnen und Sammlerinnen die Szene mit aufbauen. Eine der Ausnahmen ist die 1988 in Tanger geborene Malerin Ghizlane Agzenaï. Sie hat die großen Räume der Galerie 38 im modernen Stadtviertel Guéliz für eine aktuelle Schau in einen abstrakt-poppigen Farbtraum verwandelt.
Textil: Malika Sqallis Arbeit „Les femmes sont lunaires“ aus Wolle und Fallschirmseide, 2025, Preis auf Anfrage bei der MCC GalleryMCC GALLERYAuf der Messe sind 22 internationale Galerien vertreten, darunter L’Atelier 21 aus Casablanca, die gerade zwanzig Jahre alt geworden ist und Gemälde von dem 1973 in Fez geborenen und in Leipzig lebenden Maler Nabil El Makhloufi mitgebracht hat. Seine Leinwände zeigen oft Gruppen von Menschen, fast nur in Umrissen, doch durch Kleidungsdetails lassen sie sich einem nordafrikanischen Kontext zuordnen wie in „La Foule 1-26“ (14.000 Euro).
Bei L’Atelier 21: Nabil El Makhloufis Gemälde „La Foule 1-26“, 14.000 EuroL’Atelier 21 / Nabil El Makhloufi / VG Bild-Kunst, Bonn 2026Die Galerie Ellephant aus Montreal ist auf in Kanada lebende Künstler spezialisiert. Sie hat ihren Stand wandfüllenden Arbeiten von Stanley Wany gewidmet. Wany stammt aus Haiti und verarbeitet in seinen Gemälden spirituelle Mythen der afrikanischen Diaspora und die Geschichte seiner Vorfahren. Rinnsale aus verschüttetem Kaffee und Tinte auf Baumwollpapier bilden Verbindungslinien. In „Bakulu“ (18.500 Euro) blickt den Betrachter zwischen ihnen eine menschliche Figur an: „Das ist meine Darstellung der Gottheit aus einem afrikanischen Mythos über die Erschaffung der Welt, die sowohl weiblich als auch männlich ist. Auf der linken Seite sind schattenhaft die vier urzeitlichen Vorfahren der Erde zu erkennen“, erklärt Wany.
Textilien und Keramik
Schon seit einigen Jahren sieht man auf internationalen Messen viel Kunst aus Textilien und Keramik – hier in Marrakesch ganz besonders. Die Loft Gallery (Marrakesch, Casablanca) zeigt Plastiken des 1983 in Frankreich geborenen Mehdi-Georges Lahlou. Aus dunkel glasierten Keramikköpfen sprießen Pflanzenteile, wie die wippenden Dattelrispen aus Bronze in „Of the conference of the Palm Trees – Date Palm“ (13.000 Euro).
Wie die Morgenröte: Mustapha Azerouals Triptychon „The Green Ray #1“, 2024, Preis auf Anfrage bei der Loft Art GalleryLoft Art GalleryAus Tokio ist Space UN, die einzige auf Kunst aus Afrika spezialisierte Galerie in Japan, auf der Messe vertreten. „Wir versuchen, jedes Jahr dabei zu sein“, sagt ihr Direktor Naoki Nakatani. Space UN wurde von Edna Dumas, einer französisch-kamerunischen Künstlerin, die als Studentin nach Japan kam, gegründet, um den kulturellen Austausch zwischen Afrika und Japan zu fördern. Die Galerie zeigt Arbeiten von Barthélémy Toguo. Der Star-Künstler aus Kamerun wird sonst von der großen Pariser Galerie Lelong vertreten. Space UN hat ein Residence-Programm in Yoshino und lud Toguo ein, dort Werke mit japanischen Kunsthandwerkern zu schaffen – wie einen gewebten Wandbehang nach einem von Toguos Gemälden (60.000 Euro).
Spuren der Erinnerung: Stanley Wanys mehr als zwei Meter breite Mischtechnik „Bakulu“ von 2024/2025, 18.500 Euro bei der Galerie EllephantELLEPHANTAndrang gibt es auch bei der kaum ein Jahr alten Galerie Filafriques aus Genf von Carine Biley. Sie präsentiert Porträts von Männern mit nackten Oberkörpern aus in Gold getauchten Nägeln auf Holz, umrahmt von Farben aus zermahlenen Heilpflanzen und Schlamm aus der Rhône von Alexis Peskine. Sie hängen gegenüber Reggie Khumalos Gemälden von Frauen in fließenden Kleidern aus afrikanischem Wachstuch, die über die Leinwand hinaus zu Boden fallen. Peskine hat afro-brasilianische und russisch-französische Wurzeln, und wie bei vielen Werken auf der Messe geht es in seinen um Identität. Doch sein Fokus habe sich in den vergangenen Jahren von Widerstand auf Heilung und Spiritualität verschoben, sagt er.
Es fehlt an Flugverbindungen
Die wichtige Galerie Goodman aus Südafrika, die anfangs dabei war, fehlt in Marrakesch, was auch daran liegt, dass es keine direkte Flugverbindung zwischen Südafrika und Marokko gibt. Aus London ist die Galerie Vigo angereist, die Zeichnungen von dem mittlerweile 95 Jahre alten sudanesisch-britischen Maler Ibrahim El-Salahi ausstellt (bis 6500 Pfund). Auch die Pariser Galerie Loeve & Co widmet sich der älteren Generation moderner Maler mit dem 2013 in Rabat verstorbenen Marcel Gotène, von dem Werke zuletzt im Pariser Centre Pompidou zu sehen waren.
Vieles, was in den ersten Jahren der Messe noch jung und im Aufbau begriffen war, ist mittlerweile fest in Marrakesch etabliert und blank poliert: der Parkettboden der Galerie Comptoir des Mines, die mehrere Etagen in einem historischen Art-déco-Gebäude in Guéliz bespielt, der Zementboden der Loft Gallery in einem renovierten Gebäude nebenan – und der renovierte Kultur- und Veranstaltungsort DADA in einem alten Busdepot am Rande des Marktplatzes Djemaa el-Fna. Dass zeitgleich die neue Art Basel Qatar stattfindet, stört Touria El Glaoui nicht: „Natürlich ist es schade, doch das Publikum in Doha ist ein anderes. Viele Sammler haben sich recht kurzfristig entschlossen, nach Marrakesch zu kommen, als Doha schon feststand.“
1:54 Contemporary African Art Fair, La Mamounia, Marrakesch, bis 8. Februar, Eintritt 150 Dirham (etwa 14 Euro)

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