Medienstreit in Italien: Der König der Paparazzi macht Skandal

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Das von der Familie Berlusconi kontrollierte Unternehmen Media for Europe (MfE) hat gegen den italienischen Enthüllungsjournalisten Fabrizio Corona Klage wegen Rufschädigung mit schweren finanziellen Folgen eingereicht und fordert von ihm 160 Millionen Euro Schadenersatz. Mit der beispiellosen Klage findet ein schon seit Wochen andauernder spektakulärer Medienstreit seinen vorläufigen Höhepunkt. Neben dem jetzt eröffneten zivilrechtlichen Verfahren sind in der Sache mehrere Strafprozesse anhängig.

Pier Silvio Berlusconi ist der Hauptkläger

Als persönliche Kläger in der Zivilsache treten auf: Marina und Pier Silvio Berlusconi, die ältesten Kinder von Unternehmensgründer und Mehrfachministerpräsident Silvio Berlusconi (1936 bis 2023), dazu prominente Moderatoren der Sender­familie wie Ilary Blasi, Maria De Filippi, Samira Lui, Silvia Toffanin und Gerry Scotti. MfE-Vorstandschef Pier Silvio Berlusconi, der seit 2002 mit Silvia Toffanin liiert ist und mit ihr zwei Kinder hat, ist der informelle Hauptkläger in dem Verfahren. Die Kläger wollen im Falle eines Erfolgs vor Gericht die Schadenersatzsumme in eine Rechtsbeistandsstiftung für Opfer von Stalking und Cyberbullying einbringen.

Ausgelöst hat den monumentalen Medienstreit ein Beitrag Coronas auf seinem Youtube-Kanal „Falsissimo“ im Dezember, wonach der langjährige MfE-Produzent Alfonso Signorini routinemäßig Kandidaten für die von ihm verantwortete Realityshow „Big Brother“ im Gegenzug für sexuelle Gefälligkeiten ausgewählt habe. Corona veröffentlichte den privaten Mailaustausch Signorinis mit dem „erfolgreichen“ „Big-Brother“-Kandidaten An­tonio Medugno, der im Anschluss an die Ausstrahlung der „Falsissimo“-Episode Strafanzeige gegen Signorini wegen sexueller Nötigung und Erpressung erstattete. Corona sprach in späteren Sendungen auf seinem Youtube-Kanal vom „System Signorini“, wonach eine Vielzahl anderer männlicher Kandidaten wie Medugno von Signorini sexuell erpresst worden seien. Signorini hat seinerseits Strafanzeige ge­gen Corona erstattet. Seine Tätigkeit für MfE lässt Signorini seit Ende 2025 ruhen.

Der heute 61 Jahre alte TV-Produzent, Theaterregisseur und Autor gilt seit seinem Coming-out vor drei Jahrzehnten als eine der prominentesten schwulen Mediengestalten Italiens. Der langjährige Freund Silvio Berlusconis unterhält heute auch enge persönliche Beziehungen zu Marina und Pier Silvio Berlusconi. Signorini ist seit 2004 mit dem Unternehmer und Politiker Paolo Gamberti liiert, der von 2013 bis 2018 für die von Berlusconi gegründete christdemokratische Partei Forza Italia im Senat in Rom saß und gegenwärtig deren Schatzmeister und Vizeparteichef in der norditalienischen Region Lombardei ist.

 Fabrizio Corona.Netflix widmet ihm eine eigene Doku: Fabrizio Corona.Netflix

Der 51 Jahre alte Mailänder Medienun­ternehmer und Enthüllungsjournalist Fabrizio Corona begann seine Laufbahn als Prominentenfotograf und stieg bald zum „König der Paparazzi“ auf. Wegen Erpressung im Zusammenhang mit nicht auto­risierten Fotos saß er mehrfach im Gefängnis. Corona bedient sich mitunter zweifelhafter Methoden, dank mancher Enthüllungen konnte er aber eine stabile Fangemeinde aufbauen. In der Klagebegründung von MfE heißt es, Corona habe über Signorini und andere Moderatoren der Senderfamilie „eine Ansammlung von Lügen, Falschdarstellungen und Unterstellungen“ verbreitet und sich durch deren Verbreitung auf Youtube und anderen Kanälen bereichert. Corona sieht sich seinerseits als Opfer eines mächtigen Medienimperiums, weil er kriminelle Machenschaften prominenter Produzenten und Moderatoren aufgedeckt habe. Auch hinter der Löschung seiner Accounts auf Instagram und Tiktok sowie der Sperrung seines Youtube-Kanals „Falsissimo“ steht nach Überzeugung von Corona und dessen Anwalt Ivano Chiesa der Konzern MfE. Er habe zwar nicht ermitteln können, aus welchen Gründen die Betreiber der sozialen Medienkanäle die Profile und Accounts seines Mandanten löschten: „Aber die Meinungsfreiheit ist in Gefahr.“ Chiesa bezeichnete die Sperrung als „schockierende Zensuraktion, wie sie nur in undemokratischen Ländern vorkommt“. Offenbar gehe es darum, seinen Mandanten „zum Schweigen zu bringen“.

Der kommt vorerst freilich dennoch weiter zu Wort, und zwar in der italienischen Doku-Serie „Fabrizio Corona: Paparazzi King“, die am 9. Januar weltweit auf Netflix angelaufen ist. Die fünfteilige Serie zeigt, wie Corona mittels kompromittierender Fotos und Erpressung von Prominenten zur berühmt-berüchtigten Mediengestalt aufgestiegen ist, die in genau jener Szene eifrig mitspielte, deren Verfehlungen sie hernach aufdeckte. Die 160-Millionen-Klage des Berlusconi-Medienimperiums, das diese Szene bespielt und beherrscht wie kein anderes, ist das perfekte Drehbuch für die Fortsetzung von „Paparazzi King“.

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