Maria Clara Eimmart: So kam die Sonnenfinsternis von 1706 wieder ans Licht

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Zeichen und Wunder – sie werden heute Abend von den Millionen Beobachtern der Sonnenfinsternis erwartet, wenn sich der Himmel verdunkelt und der Schatten des Mondes auf die Erde fällt. Bereits die Sonnenfinsternisse der Vergangenheit wurden oftmals visualisiert. Dies bezeugt eine kleine, aber exquisite Zeichnung der Nürnberger Astronomin und Künstlerin Maria Clara Eimmart (1676 bis 1707). Sie ist Dokument und Kunstwerk zugleich und zeigt eine Sonnenfinsternis, die in Nürnberg am 12. Mai 1706 tatsächlich zu sehen war. Dass jenes Blatt, das vor genau 320 Jahren entstand, in der Berliner Staatsbibliothek wieder entdeckt wurde, kann mit Recht als ein kleines Wunder bezeichnet werden. Es ist eines von zwei Werken einer außergewöhnlichen Frau.

Das astronomische Großereignis wurde damals von der Astronomin Maria Clara Eimmart (auch) in Ermangelung technischer Geräte auf zwei von ihrer Hand gemalten Blättern festgehalten. Eines der beiden damals entstandenen Werke wurde laut Überlieferung als Schenkung der Stadtbibliothek Nürnberg übergeben und ist bis heute verschollen. Die zweite Version aber wurde im Jahr 2012 von Markus Heinz, dem Leiter der Kartographie an der Berliner Staatsbibliothek, in einer „alten verstaubten Kiste“ wiederentdeckt.

Eimmarts Sonnenfinsternis von 1706 wirkt ungeheuer modern

Die Gouache zeigt die Sonnenfinsternis des Jahres 1706, bei der die Scheibe des Mondes zentral vor der Sonne steht und damit den Höhepunkt des Himmelsereignisses festhält. Der feurige Ring der „Corona“ lässt die Dunkelheit des Mondes umso stärker hervortreten. Den Hintergrund bildet ein tiefes Aquamarinblau, das an den Rändern des Blattes immer intensiver wird. Unter dem quadratischen Bild sind die Konstellationen der Gestirne in einem rechteckigen Feld zu sehen: Es handelt sich um die Sonne sowie die beiden nicht weit entfernten Planeten Saturn und Venus. Die Preziose besitzt eine Sachlichkeit und Modernität, als habe Eimmart der naturwissenschaftlichen Zeichnung weniger einen künstlerischen als vielmehr einen mathematisch-abstrakten Charakter verleihen wollen.

 Astronomische Illustrationen von Maria Clara Eimmart aus den Jahren 1706/1707Unglaublich modern: Astronomische Illustrationen von Maria Clara Eimmart aus den Jahren 1706/1707Mauritius

Schon ein Jahr nach dem außergewöhnlichen Ereignis verstarb Maria Clara Eimmart mit nur 31 Jahren bei der Geburt ihres ersten Sohnes. Während ihr Vater, der Astronom und Direktor der Nürnberger Kunstakademie Georg Christoph Eimmart, in Nürnberg mit einem Denkmal geehrt wurde, erinnert heute nichts mehr ans sie. Doch seit einigen Jahren bemüht sich der in Fürth lebende Mathematiklehrer Hans Gaab darum, ihre Biographie zu rekonstruieren. Er fand heraus, dass sie von ihrem Vater in den Fächern Mathematik, Astronomie, Sprachen und Zeichnen ausgebildet worden war. Als anerkannte Wissenschaftlerin, deren Forschungen speziell auf dem Gebiet der Selenographie (Erforschung der Mondphasen und Mondoberflächen) einmalig waren.

Hat sie sich auch als Wissenschaftspriesterin porträtiert?

Ebenfalls Astronom war ihr späterer Ehemann Johann Heinrich Müller (1671 bis 1731), der als Nachfolger ihres Vaters die Kunstakademie leitete. Sein Nachlass wanderte mit dem, was von ihrer Arbeit noch vorhanden war, nach St. Petersburg, wo sich bis heute 250 Arbeiten von Maria Claras Hand befinden. Weitere dreizehn Arbeiten kann man im Museo della Specola in Bologna bewundern, wo Müller ebenfalls ein Observatorium nach Nürnberger einrichtete. Schließlich besitzt auch die Bibliothek des Germanischen Nationalmuseums in Nürnberg zwei Blätter ihrer Hand: Eine „Vestalin“ sowie ein Blatt mit dem Titel „sursum corda“ („Erhebet die Herzen“). Beide Werke zeigen Frauen, die als Priesterin und Wissenschaftlerin auftreten und als Alter ego Maria Claras verstanden werden könnten.

Es stellt sich die Frage, wie jene Leistungen aus der Zeit der frühen Aufklärung so in Vergessenheit geraten konnten. Vielleicht ist es der Glanz der „Dürerzeit“, der bis heute die Stellung der freien Reichsstadt nach dem Dreißigjährigen Krieg überstrahlt. Kein Geringerer als Joachim von Sandrart begründete hier 1674 die erste deutsche Kunstakademie in der Weintraubengasse. Nicht weit davon entfernt befindet sich die Nürnberger Kaiserburg. Auf einer der Bastionen, der „Vestnertorbastei“, wo heute ein Biergarten namens „Hexenhäusla“ liegt, befand sich das erste Observatorium Deutschlands. Hier assistierte Maria Clara ihrem Vater. Eine Illustration im „Oeconomus prudens et legalis“, „Der kluge und rechtskundige Hausvater“ als berühmtes Haushalts- und Enzyklopädiebuch des Barock von Philippus Franciscus Florinus, zeigt eine Frau, die durch ein astronomisches Instrument in den Himmel blickt. Im Hintergrund sind trutzige Mauern zu sehen – die Burg. Kein Zweifel, eine Huldigung an Maria Clara Eimmart.

Das junge Mädchen muss von Kind auf aber auch mit berühmten Persönlichkeiten der damaligen Zeit bekannt gewesen sein. Im Elternhaus an der Fleischbrücke gingen namhafte Wissenschaftler und Studenten der Universität Altdorf ein und aus. Zu ihnen gehörte der Züricher Arzt und Naturforscher Johann Jakob Scheuchzer (1673 bis 1733). Nach dessen einmonatigem Besuch 1685 in Nürnberg schrieb Maria Clara im Laufe mehrerer Jahre fünf Briefe an ihn. Als er heiratete, widmete sie ihm ein „Hochzeitsgedicht“, aus dem hervorgeht, dass sie die Unterordnung der Frau („der Liebe Pfand“) gemäß dem gesellschaftlichen Anspruch voll und ganz akzeptierte. Wie ihre ebenfalls künstlerisch tätigen Zeitgenossinnen erfüllte sie zunächst ihre Pflichten als Tochter und Ehefrau – erst dann durfte sie künstlerisch und wissenschaftlich tätig sein. Dass sich auch ihr Grab – wie das Albrecht Dürers – auf dem Johannisfriedhof befindet, ist heute nahezu vergessen.

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