Der Wind weht von Westen durch die Frankfurter Innenstadt. Gerade richtig für die offizielle Eröffnung der Netzskulptur „A Sky Full of Hope“ der amerikanischen Künstlerin Janet Echelman an der Konstablerwache. Schon von Weitem, von der Zeil kommend, lässt sich sehen, wie er die rot und blau verschlungenen Netze über dem Platz bewegt.
Schon eine Stunde vor dem offiziellen Beginn haben sich zahlreiche Besucher auf der Konstablerwache eingefunden und fläzen sich auf den eigens für diesen Anlass von der Stadt aufgestellten Sonnenstühlen und Sitzsäcken. So entspannt geht es auf Frankfurts Problemplatz selten zu.
Kritiker sprechen von Steuerverschwendung
Sie sind nicht nur gekommen, um ein neues öffentliches Kunstwerk zu sehen. Sie wollen auch wissen, wie sich Oberbürgermeister Mike Josef zu der massiven Kritik äußert, die schon in den vorangegangenen Tagen an der hängenden Skulptur laut geworden ist. Insgesamt 2,3 Millionen Euro kostet Echelmans Kunstwerk mitsamt den notwendigen Umbauarbeiten auf der Konstablerwache. Kritiker werfen der Stadt Verschwendung von Steuermitteln vor und stellen die Frage, warum das Geld nicht für eine nachhaltige Umgestaltung des Platzes oder die Obdachlosenhilfe verwendet wird. Dass das Geld aus einem Restbudget für Stadtillumination stammt, ist längst zur Nebensache geworden.
Der Blick vom Erzeugermarkt in den HimmelMaximilian von LachnerJe stärker die Dämmerung, desto tiefer wird auch das Blau der auf das Netz geworfenen Lichter. Im Hellen sah die Skulptur noch wie ein Fischernetz aus, das schlaff aus dem Himmel herabhängt. Unwillkürlich kommt beim Betrachten der Gedanke an „defensive Architektur“ auf. Seit Jahren spielt in öffentlichen Räumen klassische Musik, die Punks vergraulen oder Drogenabhängigen den Trip verderben soll. Und tatsächlich hält sich selbige an diesem Abend im Hintergrund.
Kurz nach acht plötzlich eine Protestaktion. Eine weiß vermummte Frau läuft direkt unter das Kunstwerk in die Mitte des Platzes und ruft in ein mit Stacheldraht an ihrem Arm befestigtes Megafon, dass die Konstablerwache durch die Installation amerikanisch besetzt sei. Nach wenigen Sekunden ist der Spuk schon wieder vorbei.
Oberbürgermeister Josef weist Kritik zurück
Dann betritt Oberbürgermeister Mike Josef das vorbereitete Podest. Das Kunstwerk habe schon vor der offiziellen Eröffnung seine Wirkung entfaltet, sagt er, indem es eine Diskussion provoziert hat. Im Publikum ist ein Murren zu hören, ein Mann ruft „Pfui“ in Richtung Bühne. Zwar sei die Diskussion um das Kunstwerk „absolut berechtigt“, fährt Josef fort, und Frankfurt eine debattenfreudige Stadt. Allerdings herrsche ein „struktureller Negativismus“, der die „Superlative der Negativität als Geschäftsmodell“ nutze. Ja, die Konstablerwache sei unperfekt, aber trotzdem gehöre Kunst dazu, und Kritik am Kunstwerk dürfe nicht in Kulturverachtung umschlagen. Das Publikum steht und schweigt. Später wird er sagen, er habe den Platz noch nie so belebt und zugleich so friedlich erlebt.
Jetzt ist erst einmal Ina Hartwig dran. Sie wolle sich nach den Worten Josefs zur Debatte nicht mehr detailliert äußern, sagt die Kulturdezernentin. Sie spricht davon, dass die Installation an einem „schmucklosen Ort“ wie der Konstablerwache ein „Experiment mit offenem Ausgang“ sei. Es werde hoffentlich gut ausgehen. Jetzt lacht das Publikum, es hört sich nach Hohn an.
Der Markt belebt die Konstablerwache auch ohne Kunstwerk
Als Thomas Wolff, Standbetreiber auf dem Erzeugermarkt, der donnerstags und samstags auf der Konstablerwache stattfindet, das Wort ergreift, johlen die Leute. Der Bio-Direktvermarkter mit dem mittellangen schlohweißen Haar ist zufrieden mit der Umsetzung des Projektes und freut sich nach dem baubedingten Ausweichen auf den Roßmarkt wieder zurück am angestammten Platz zu sein. Immerhin belebt der Erzeugermarkt die Konstablerwache seit fast vierzig Jahren, auch ohne Kunstwerk.
Die Künstlerin Janet Echelman trägt eine Brille mit blauem Glas und roten Bügeln, den Farben ihres Kunstwerks. „Ich bin ein Frankfurter“, ruft sie in Anlehnung an John F. Kennedy in die Menge. Ihre Kunst verschwinde nicht hinter Museumstüren, sondern verbinde sich mit der Umgebung, um den städtischen Raum zu verändern.
Und dann geht es los: Klavierklänge tasten sich behutsam in die Nacht, alle werden still, Pärchen nehmen sich in den Arm, und kurz sieht es aus, als schlüge ein menschliches Herz mit rotem Fleisch und blauen Blutgefäßen über der Konstablerwache.

vor 2 Stunden
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