Machtkampf in Salzburg: Stürzt der König über eine Intrige?

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„Machtkampf bei den Salzburger Festspielen“, titelte der Bayerische Rundfunk schon vor drei Jahren. Damals wurde das schlechte Verhältnis zwischen dem Festspiel-Intendanten Markus Hinterhäuser und der neuen Festspielpräsidentin Kristina Hammer öffentlich. Hammer, die im November 2021 vom Kuratorium als Nachfolgerin der wegen ihrer kulturpolitisch geschickten Umtriebigkeit geschätzten Helga Rabl-Stadler präsentiert wurde, musste im direkten Vergleich blass und blauäugig wirken. Bei ihr, der promovierten Wirtschaftsjuristin, wurde von der Lokalpresse süffisant hervorgehoben, dass ihre Kompetenzen vor allem im Bereich des Marketings lägen und sich ihre „Kulturaffinität“ durch eine Vorstandstätigkeit bei den Züricher Opernfreunden zeige.

Demütigung erster Güte

Hammer hatte im Salzburger Eitelkeits-Kessel keinen leichten Stand, fiel dann in verschiedenen Verlautbarungen auch nicht durch besonderes Geschick auf und wurde im Herbst vergangenen Jahres nach nur knapp zwei Jahren wieder angezählt: Verkündet wurde, dass die Stelle der Präsidentin neu ausgeschrieben werde, natürlich stehe es Hammer frei, sich wieder zu bewerben – eine Demütigung erster Güte. Man darf annehmen, dass das zerrüttete Verhältnis zwischen ihr und Hinterhäuser dabei eine Rolle spielte.

Jetzt, einige Monate später, sieht Hinterhäuser sich selbst angezählt. Man habe ihm die „Gelbe Karte“ gezeigt, teilt Landeshauptfrau Karoline Edtstadler (ÖVP) nassforsch mit. Sie führt den Vorsitz im Kuratorium der Salzburger Festspiele, zu dem weitere Politiker aus Bund und Land gehören, unter anderem der Salzburger Bürgermeister Bernhard Auinger (SPÖ), der mit dem pikierten Ausruf zitiert wird: „Das kann sich das Kuratorium nicht bieten lassen.“ Was genau wird geboten? Im Raum steht der Vorwurf, dass Hinterhäuser seine Wunschkandidatin für die Schauspielleitung an den offiziellen Wegen vorbei via Medien nominiert und dadurch das Vertrauen in das Verfahren der Ausschreibung beschädigt habe.

Der „Standard“ unkt bereits

Dieses Verfahren hatte man ihm auferlegt, nachdem es zum offenen Konflikt zwischen ihm und der vorherigen Schauspielchefin Marina Davydova gekommen war. In der Tat war Hinterhäusers Kandidatin, die ehemalige Burgtheater-Chefin Karin Bergmann, offenbar nicht wie er gegenüber der „Kronen“-Zeitung angab, unter den sieben Kandidaten, die in der vergangenen Woche an den finalen Anhörungen teilgenommen hatten. Deshalb wirft das Kuratorium dem Intendanten nun das Verbreiten von Unwahrheiten vor. Der Wiener „Standard“ unkt bereits: „Hinterhäusers Tage in Salzburg scheinen gezählt.“

Wie nah sind wir am Jedermann-Szenario? Am berühmtesten Abberufen-Werden der Theatergeschichte? Droht der Festspiel-Intendant wirklich über diese Causa zu stürzen? Und ist das, was gerade geschieht, vielleicht als Retourkutsche einer gedemütigten Präsidentin zu interpretieren, die sich für erfahrene Herabsetzungen rächt, indem sie hinter den Kulissen gegen Hinterhäuser Stimmung macht? Viele Fragen sind derzeit offen. Klar ist: In Salzburg hat die Intrige Tradition – auch hinter der Bühne.

Was ist künstlerische Qualität?

Im Grunde schwelt stets ein Machtkampf zwischen Schauspielleitung und Intendanz, zwischen Intendanz und Kuratorium. Mal geht es um Budgetfragen, mal darum, was „herausragende künstlerische Qualität“ bedeutet. Insbesondere das Schauspielprogramm fand auf diese Frage in den vergangenen Jahren immer schlechtere Antworten. In diesem Zusammenhang sticht das von Hinterhäuser in diesem Jahr verantwortete Programm allerdings heraus: Zwei Theaterabende mit Jens Harzer, eine Handke-Uraufführung, ein Europa-Projekt von Krzysztof Warlikowski – das mit Abstand Ambitionierteste, was Salzburg im Schauspiel seit Langem angekündigt hat.

Es stellt sich die Frage, ob jetzt der richtige Moment für einen Bruch ist. Vielleicht geht es auch gar nicht in erster Linie um künstlerische oder personelle Fragen – die Festspiele stehen vor einer Phase massiver, kostenintensiver Baumaßnahmen. Ab Herbst soll mit den Sanierungsarbeiten begonnen werden, die eine mehrjährige Schließung des Großen Festspielhauses zur Folge haben. Wer weiß, vielleicht ist das Kuratorium mit Blick auf die Risiken des Vorhabens inzwischen der Meinung, dass es in den nächsten Jahren besser einen bauleitenden Projektmanager an der Spitze der Festspiele braucht?

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