„Lass sie gefälligst in Ruhe, du Mistvieh!“ – 40 Jahre „Aliens – Die Rückkehr“

vor 11 Stunden 2

Zwei Filme, zwei Ansätze. Während Ridley Scott 1979 in „Alien“ mit einem düsteren Horrorfilm über ein unheimliches Wesen verstört, das die Besatzung eines Raumschiffs nach und nach tötet, setzt James Cameron im Nachfolger auf Action, Feuerkraft, lärmende Marines – und auf eine Gejagte, die zur Jägerin wird.

Am 18. Juli 1986 kommt „Aliens – Die Rückkehr“ in die amerikanischen Kinos. In Deutschland ist es erst vier Monate später so weit, am 13. November. Mit 85 Millionen Dollar Einnahmen landet der Film auf Platz 5 der US-Einspielergebnisse des Jahres. Und das trotz seines R-Ratings, er darf Personen unter 17 Jahren nur in Begleitung eines Erwachsenen gezeigt werden. Bei nur 18,5 Millionen Kosten verdient das Studio gut damit.

„Aliens“ ist ein Frühwerk von James Cameron – und zugleich nicht. Denn der Regisseur hat in seiner über fünf Jahrzehnte dauernden Karriere nur zehn Filme inszeniert. Davon ist „Aliens“ bereits der Dritte. Deckt man über den Erstling „Piranha II – Fliegende Killer“ den Mantel des Schweigens, einen Horror-Trash, auf den er nur sehr begrenzt Einfluss hat, sind es nur neun Spielfilme. Von diesen neun gehören drei zu den fünf erfolgreichsten Filmen aller Zeiten: „Titanic“ und die ersten beiden „Avatar“-Filme – der dritte „Avatar“ ist „nur“ auf Platz 16. Wem gerade nicht einfällt, welche die anderen Filme sind: „True Lies“ und „The Abyss“ und natürlich die beiden ersten „Terminator“-Filme.

In der Talente-Schmiede von Roger Corman, dem Produzenten hunderter von B-Movies, sammelt James Cameron ab Ende der 1970er Jahre Erfahrungen und knüpft Kontakte, darunter zu Gale Anne Hurd, die als Produzentin durchstarten will. Gemeinsam setzen sie „Terminator“ um. Das wird für beide zum Türöffner. Ein Jahr später, 1985, heiraten sie.

Von „Terminator“ gibt es nur ein Drehbuch, als Cameron den Produzenten von „Alien“ eine Idee verkaufen will. Sie gefällt nicht, aber ihm wird das Drehbuch für „Alien 2“ angeboten. Er bekommt nur eine Anweisung: Ripley und Soldaten. Innerhalb von Tagen schreibt er einen Entwurf, ein Treatment. Es basiert auf älteren Ideen, die er bereits unter dem Einfluss von „Alien“ verfasst hatte: Ein Außerirdischer auf einer Raumstation, ein gieriger Konzern, Lade-Roboter und eine Alien-Mutter, die Eier legt.

Cameron: „Ein Thema des Films ist, dass diese Soldaten an einem technologisch unterlegenen Feind scheitern. Eine Metapher für den Vietnamkrieg, in dem US-Truppen von barfüßigen Dschungelbewohnern gejagt wurden, weil sie diesen Krieg nicht zu führen wussten und den Feind nicht verstanden.“

Durch den Erfolg des mittlerweile erschienenen „Terminator“-Films geschieht es, dass ihm auch die Regie für den zweiten Alien-Film angeboten wird. Seine Partnerin holt er als Produzentin dazu. Der Legende nach schreibt Cameron beim Pitch vor den Studio-Bossen das Wort ALIEN auf die Tafel, fügt ein S dazu – und macht daraus ein Dollar-Zeichen. ALIEN$. Das überzeugt.

Sigourney Weaver spielt die Hauptrolle im ersten Film. Ohne sie ist der Nachfolger nicht denkbar. Ihr gefällt die Idee, ihre Rolle auszubauen – und dafür eine Gage von einer Million Dollar zu erhalten. Die höchste Summe, die bisher an eine Schauspielerin bezahlt wird, abgesehen von Elizabeth Taylor für „Cleopatra“ (1963). Weaver will keine Waffen tragen; es ist ja gerade der Reiz der Figur, dass sie sich inmitten der Marines als Zivilistin behauptet. Doch Cameron macht ihr klar, dass nicht Sigourney Weaver im Film zu sehen ist, sondern Ripley. Und Ripley braucht Waffen, um zu überleben. So feuert sie hinter dem Studio eine Salve Kugeln aus einem Maschinengewehr – und meint verschmitzt: „Das macht wirklich Spaß.“ Übrigens: In keinem der vier „Alien“-Filme betritt Ripley die Erde.

Aliens - Die Rückkehr (7 Bilder)

Gruppenbild: Ripley soll eigentlich nur als Beobachterin mitfliegen, wird aber im Laufe des Films zur Anführerin. (Bild:

© 1986 Twentieth Century Fox Film Corporation. All rights reserved.

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Cameron greift gern auf Schauspieler seiner früheren Filme zurück. Michael Biehn ist der Kyle Reese aus den ersten beiden „Terminator“-Teilen. Er hat auch in „The Abyss“ eine Hauptrolle. Bill Paxton spielt einen der Punks in „Terminator“.

Lance Henriksen ist bereits in „Piranha II“ zu sehen. Er will gern der Terminator sein, während Arnold Schwarzenegger für Kyle Reese vorspricht. Cameron denkt aber, das Muskelpaket würde besser zur Kampfmaschine passen – und gibt Henriksen die Rolle des Polizisten.

Jenette Goldstein liest in einem Zeitungsinserat, dass Schauspieler für den Film „Aliens“ gesucht werden. Weil der Begriff aber auch Einwanderer bedeutet, kommt sie zum Vorsprechen völlig unpassend gekleidet, mit High Heels und einer ärmellosen Bluse. Alle anderen Bewerber tragen Militärkleidung. Als sie erfährt, dass es um Marines geht, zeigt sie ihre Muskeln: Sie ist Bodybuilderin. Damit gewinnt sie dann ein zweites Vorsprechen, und sie erhält die Rolle als weiblicher Rambo.

Für ihre erste Filmrolle ändert sie bereitwillig ihr Äußeres. Denn sie hat eigentlich eine helle Haut, blaue Augen und Haare bis zur Hüfte. Für die hispanische Figur der Vasquez werden ihr die Haare geschnitten, sie wird geschminkt und erhält braune Kontaktlinsen. Im Film wird ihr Irrtum aufgegriffen, was aber in der Übersetzung verloren geht: „Wenn Vasquez was von Außerirdischen hört, dann ist sie nicht zu halten, dann ist sie voll da.“ In „Terminator 2“ ist sie die Pflegemutter von John Connor. In „Titanic“ spielt sie eine irische Mutter, die in die USA ausreist – hier greift Cameron das Wort „Alien“ erneut auf.

Damit der Zuschauer erst spät erkennt, dass der Konzern-Schlipsträger Carter Burke der Böse im Film ist, besetzt ihn Cameron mit dem sympathisch wirkenden Stand-up-Comedian Paul Reiser, den er in „Beverly Hills Cop“ entdeckt. Der feiert später seinen großen Durchbruch mit der Sitcom „Verrückt nach Dir“ an der Seite von Helen Hunt.

Am längsten sucht man nach der Darstellerin der Newt. Man lässt 500 Schülerinnen vorsprechen. Doch keine trifft den richtigen Ton: den eines traumatisierten kleinen Mädchens, das seine Familie verloren hat. Schließlich wird man bei Carrie Henn fündig, die keinerlei Schauspiel-Erfahrung hat. Der Neunjährigen macht die Arbeit Spaß; sie versteht, dass alles nur ein Spiel ist. Als Cameron sie gegen Ende des Films, als sie im Kokon sitzt, mit Schleim einschmiert, kommentiert sie aus Spaß: „Es sollte verboten werden, kleinen Kindern so etwas anzutun.“ Sigourney Weaver, die zum Zeitpunkt noch kein Kind hat, nimmt in doppelter Hinsicht eine Mutterrolle ein: am Set und im Film.

Carries leiblicher Bruder Chris Henn spielt ihren Bruder. Für beide ist es ihr einziger Ausflug in die Welt des Films. Ihr Vater ist als Angehöriger der US Air Force nur vorübergehend in Großbritannien stationiert und wird kurz nach den Dreharbeiten zurück in die USA versetzt. Seitdem führt Carrie Henn ein normales Leben, wird Lehrerin – ist aber regelmäßig Gast auf Conventions.

Wie schon „Alien“ wird auch der Nachfolger in England gedreht. Der starke Dollar macht die Produktion für das Studio vergleichsweise günstig. Hinzu kommen große Filmstudios und erfahrene britische Crews, von denen einige bereits an „Alien“ mitgearbeitet haben. Doch James Cameron stößt zunächst auf Ablehnung. Viele bezweifeln, dass der junge US-Amerikaner in die Fußstapfen des Engländers Ridley Scott treten kann. Tatsächlich ist Cameron jedoch Kanadier.

Dass er mit seiner Produzentin Gale Anne Hurd verheiratet ist, macht seine Position nicht leichter. Die aus Hollywood gewohnten langen Arbeitstage von bis zu 14 Stunden kollidieren mit der stark gewerkschaftlich geprägten Studio-Kultur in Großbritannien. Als Cameron und Hurd schließlich den angesehenen ersten Regie-Assistenten entlassen, den sie als Schlüsselfigur des Widerstands ansehen, steht das Projekt auf der Kippe. Mit der Zeit gelingt es ihnen jedoch, das Vertrauen der Crew zu gewinnen.

Da Cameron einen nahtlosen Übergang von Teil 1 zu Teil 2 möchte, studiert er den Stil von Ridley Scott, um daran anzuknüpfen – ohne ihn nur zu kopieren.

Der Schweizer Künstler H.R. Giger entwirft in „Alien“ alles, was zum Alien gehört – das Alien, die Eier, den Facehugger, der sich an das Gesicht klammert, die Umgebung im Alien-Raumschiff. Bei Teil 2 kann er nicht dabei sein, da er mit „Poltergeist 2“ beschäftigt ist. Dafür gewinnt Cameron den begnadeten Stan Winston, der bereits an „Terminator“ mitarbeitet. Er erweckt Camerons Skizze der Alien-Königin zum Leben: „Das ist die größte Marionette in der Geschichte des Films. In ihr steckte jede Technik, die wir hatten. Stockpuppen, Hydraulik, was damals ein echter Durchbruch war, Fernsteuerung mit Drähten und Stangen, alles in einem Biest.“ Neben dem vier Meter großen 1:1-Modell der Queen gibt es ein 1:4-Modell, das für Bewegungen einfacher zu handhaben ist, und dem eine 1:4-Version des Laderoboters gegenübersteht.

Teile der Kolonie werden in einem stillgelegten Kohle-Kraftwerk gedreht; das Set bleibt stehen und ist auch in „Batman“ (1989) mit Michael Keaton Kulisse. Um sich große Bauten zu ersparen, verwendet man, wo möglich, in Teilen des Bildes nur die Miniatur einer Kulisse, die man nah an die Kamera hält, während im Hintergrund die Schauspieler vor einem realen Hintergrund agieren.

Das Raumschiff „Sulaco“ ist ein rund zwei Meter großes Modell aus Kunststoff nach Entwürfen von Syd Mead, der zuvor unter anderem „Tron“ und „Blade Runner“ seinen Stempel aufdrückt. Insider wissen natürlich, dass die Namen Sulaco und Nostromo (das Schiff aus dem ersten Teil) aus einem Roman von Joseph Conrad stammen.

Die Laderoboter werden von einem Stuntman gesteuert. Sie hängen an Drähten oder werden von einem Kran gestützt. Der „Panzer“ ist ein umgebauter Schlepper für große Flugzeuge auf Airports. Es gibt eine knapp zwei Meter lange Modell-Version, die in einigen Szenen zu sehen ist.

Eine der kompliziertesten (und gruseligsten) Szenen ist der Angriff der beiden Facehugger auf Ripley und Newt im Labor. Dafür werden rund zwölf Facehugger gebaut, mit unterschiedlichen Fähigkeiten, die von bis zu sechs Puppenspielern gesteuert werden. Die Szene, in der ein Facehugger Ripley ins Gesicht springt, wird rückwärts gedreht: in Wirklichkeit wird das Monster von Ripley weggezogen.

Weil Sigourney Weaver durch das viele Kriechen und Bücken Rückenschmerzen hat, trägt sie in einigen Aufnahmen am Ende des Films nur eine Newt-Attrappe: ein Mädchen in dem Alter wiegt mehr als 30 Kilogramm.

Bei „Terminator“ (und später seinem Nachfolger) komponiert der Synthesizer-Spezialist Brad Fiedel die Musik. Bei „Aliens“ stellen sich das Studio und Cameron hingegen orchestrale Musik vor. Damit kommt James Horner ins Spiel, den Cameron seit ihrer gemeinsamen Arbeit an „Sador“ kennt. Doch als Horner nach Europa fliegt, sind die Dreharbeiten und der Schnitt noch nicht fertig; und dem Musiker und dem Regisseur gelingt es nicht, ihre Arbeit zu koordinieren. So muss Cameron hastig beim Endschnitt die Musik dort einsetzen, wo sie am besten passt. Horner ist nicht glücklich – erhält aber seine erste Oscar-Nominierung für den Soundtrack.

Später schreibt Horner die Musik für „Titanic“, für die er seine beiden Oscars empfängt: für den Soundtrack und für das Lied von Celine Dion – den Preis für den besten Filmsong erhalten Komponist und Texter, nicht aber der Interpret. Die dritte Zusammenarbeit ist „Avatar“. Doch 2015 stürzt Horner mit seinem Kleinflugzeug ab, und er kann Cameron bei seiner Reise durch Pandora nicht mehr begleiten.

Als der Film soweit fertig ist, verlangt das Studio, ihn um rund 20 Minuten auf 130 Minuten zu kürzen. Zu jener Zeit haben viele Kinos nur einen Saal, lange Filme bedeuten weniger Umsatz. Zudem könnte ein zweieinhalb Stunden langer Film auf Besucher abschreckend wirken.

Der Schere zum Opfer fällt eine Schlüsselszene, in der Ripley erfährt, dass ihre Tochter während ihres 57-jährigen Tiefschlafs bereits gestorben ist. Auf dem Foto in dieser Szene ist tatsächlich Sigourney Weavers Mutter zu sehen. Am meisten entsetzt über den Schnitt ist Weaver selbst: Erst bei der Kinopremiere bemerkt sie, dass der Abschnitt fehlt.

Ebenfalls gestrichen werden die Szenen mit den automatischen Selbstschussanlagen, den Sentry Guns. Das Studio ist der Ansicht, sie treiben die Handlung nicht voran. Komplett entfällt zudem die Vorgeschichte in der Kolonie, in der Newts Familie das abgestürzte Alien-Raumschiff entdeckt und den Parasiten einschleppt.

Bei der ersten TV-Ausstrahlung sind die Tochter und die Maschinengewehre wieder dabei; die Vorgeschichte in der Kolonie wird zum ersten Mal in der „Special Edition“ gezeigt, die 1989 auf Laserdisc erscheint.

Für die Oscars wird der Film in gleich sieben Kategorien nominiert, kann aber nur zwei gewinnen: bester Tonschnitt und beste visuelle Effekte. Die Zahl der Nominierungen ist für das Genre dennoch erstaunlich hoch – aber nicht einzigartig, denkt man an „Krieg der Sterne“ oder „Der Exorzist“. Und zum ersten Mal wird eine Hauptrolle in einem Science-Fiction-Film nominiert – und dazu eine weibliche.

Auch wenn Sigourney Weaver den Preis nicht erhält: Die Nominierung zeigt, dass Science Fiction nicht nur für spektakuläre Effekte und Monster steht, sondern auch Raum für schauspielerische Leistungen bietet. Weaver wird vom Genre-Star zur anerkannten Schauspielerin, und Ripley zu einer der prägendsten Action-Figuren der Filmgeschichte. Sie beeinflusst starke Frauenrollen im Action-Kino und zeigt Hollywood ihr Potenzial.

(nie)

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