Kurt Viles Neues Album: Die Straßen von Philadelphia in etwas anderem Licht

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Manche Songs sind Zeitmaschinen, aber im Fall von Kurt Vile scheint es, als käme auch der Sänger selbst aus einer fernen, schöneren Zeit. Schaut man sich Fotos oder Videos von ihm an, ist es fast einerlei, ob sie zehn oder zwanzig Jahre alt sind, er sieht eigentlich immer so aus wie ein typischer amerikanischer Schüler der mittleren Neunzigerjahre: Generation Grunge.

Das könnte der 1980 Geborene auch wirklich gewesen sein, nur hat er sich eben seither kaum verändert: Die verwaschenen T-Shirts und Holzfällerhemden, die er trägt, konnte man 1995 pfundweise im Laden der Heilsarmee kaufen, und in ihnen wirkt Vile, als wäre er aus dem in jenem Jahr veröffentlichten Spielfilm „Mallrats“ ausgebrochen: ein Slacker-Typ, mit dem man sich stundenlang über Comics und Videospiele unterhalten könnte, und der dabei sehr langsam und versonnen spräche.

97 Klangeffekte im Schrank

In etwa so singt er auch, zum Beispiel beim neuen Song „Zoom 97“. Der Titel verrät, dass der Nerd-Talk in seinem Fall wohl aus dem Bereich der Tontechnik käme: 97 Klangeffekte hat ein bestimmtes Fußpedal für Gitarristen, ein anderes neues Stück mit dem Titel „99 BPM“ bezeichnet das Tempo desselben in beats per minute, noch eines heißt schlicht „99th Song“ (ist es bloß Zufall, dass auch in diesen Titeln die Neunziger erstaunlich präsent wirken?).

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Man mag solche musikalische Selbstreflexivität für banal halten oder gar für ein Zeugnis von Einfallslosigkeit – bei Kurt Vile aber erzeugt sie die Qualität von Readymade-Kunst. Die von sich selbst handelnden Low-Fi-Aufnahmen, die teils nach Keller oder Schrank klingen und manchmal ein sehr starres Drumcomputer-Korsett haben, dafür aber zig übereinandergelegte Gitarrenspuren mit allerlei wabernden Halleffekten, vermitteln den Eindruck eines sich selbst genügenden Nerds, der Tag und Nacht allein mit seinem Musik-Equipment herumdaddelt: „Playinʼ in the music room in my underwear“, wie es in einem früheren Lied einmal hieß.

Gerade noch glücklich, dann bröckelt es

Gut möglich, dass dieses vermeintlich authentische Auftreten nur geschicktes self fashioning ist, aber wenn, dann spielt Vile die Rolle wirklich unglaublich gut, denn welchen Radio- oder Podcastauftritt mit ihm man sich auch anschaut – er fällt nie aus ihr heraus, vielleicht ist er ja auch einfach so. Seine Songtexte immerhin geben Hinweise, dass das gleichmütige Slacker-Dasein doch von plötzlichen Einbrüchen bedroht ist: „Feelin’ fine / And then my psyche crumbled“, sang er früher, und heute wird ganz beiläufig erwähnt, was eigentlich die Hauptnachricht wäre: „World’s been meltin’ in front of my eyes“.

Die Welt, sie schmilzt vor unseren Augen, und wer wie Kurt Vile durch einen notorischen Hippie-Habitus auch unter Verdacht steht, dieser Wahrnehmung ein bisschen nachgeholfen zu haben, versichert schnell mit: „Ain’t on no trips though, no LSD“.  Die Realität ist schon verrückt genug, aber wenn etwas Ruhe im Chaos ausstrahlt, dann ist es die versponnene Heimwerker-Ästhetik, mit der Kurt Vile auf dem neuen Album auch an seine Frühzeit im Musikgeschäft erinnern will.

Old-time-low-fi-DIY-Rock-and-Roll!

Damals, Anfang der Nullerjahre, arbeitete er als Gabelstaplerfahrer und verbrachte seine Freizeit damit, schnoddrigen Vorbildern des Independent-Rock nachzueifern, bevor er selbstr einer und daraus seine Hauptbeschäftigung wurde. Er gründete die Band The War On Drugs mit, bevor er sich entschied, solo weiterzumachen. Inzwischen hat Vile sich als überaus produktiver Singer-Songwriter etabliert, der nie ganz groß herausgekommen ist, aber eben auch trotz der katastrophalen Entwicklung des Musikgeschäfts immer noch da ist. Auf dem vielleicht eingängigsten Stück des neuen Albums, „Chance To Bleed“, singt er vom „old time low-fi-DIY-Rock and Roll“, das reimt sich so schön, das man sofort glauben möchte, jeder könne von seiner Do-It-Yourself-Musik super leben.

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Im Kern des neuen Albums steht sogar die Dankbarkeit: Sie gilt der Stadt Philadelphia, an deren Rand er aufwuchs und die er jetzt in einem erstaunlichen Titelsong würdigt. Erstaunlich, weil hier auch ein orgelhafter Synthesizer zum Einsatz kommt. Ist das, zusammen mit dem Titel, eine Doppelreferenz auf Bruce Springsteens „Streets of Philadelphia“, vielleicht auch eine ironische, weil die beiden Musiker einander vom Typus her nicht ferner sein könnten? Einen Berührungspunkt haben sie  immerhin doch – nämlich darin, dass es vom ansonsten bekanntermaßen bombastisch produzierten Rocksound des Bosses eine bedeutende Ausnahme gab: das im Schlafzimmer aufgenommene Album „Nebraska“ (1982). Es gilt in seiner Schlichtheit als stilprägend auch für den Indie-Rock, daher wäre eine Verbeugung davor auch für Vile gar nicht abwegig.

Bedeutsamer freilich wirkt noch, dass Vile ausgerechnet im amerikanischen Jubeljahr 2026 sein Album der Stadt widmet, in der 1776 die amerikanische Unabhängigkeitserklärung unterzeichnet wurde: „Philly“ gilt als „the birthplace of freedom“. Vile nimmt sich die Freiheit, zwischen sehr relaxter Midtempo-Rockmusik mit Anklängen an die Siebzigerjahre („Rock o’ Stone“) und lässigem Sprechgesang („Avalanches of Snow“) mit seltsamen Schluckauf-Momenten einfach weiter er sein Ding zu machen: Das ist, gerade angesichts der unter Donald Trump auch musikalisch gescheiterten Jubiläumsfeierlichkeiten, eine lustige Art der Unabhängigkeitserklärung.

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