Als im August 1876 zum ersten Mal „Der Ring des Nibelungen“ im neuen Bayreuther Festspielhaus gegeben wurde, war das Interesse der Medien gewaltig: Die großen Zeitungen in New York, London und Paris brachten ausführliche, zum Teil enthusiastische Berichte, fünf Dutzend Journalisten versorgten alle wichtigen deutschsprachigen Blätter, und selbstverständlich war auch die populärste deutschsprachige Zeitschrift des 19. Jahrhunderts vor Ort: „Die Gartenlaube“. Das „illustrirte Familienblatt“ erreichte damals eine spektakuläre wöchentliche Auflage von 382.000 Exemplaren.
Der buntscheckige Inhalt des Magazins sprach ein breites bürgerliches Publikum an, das auf unterhaltsame Weise belehrt und erzogen werden sollte; unverkennbar stand „Die Gartenlaube“ in der Tradition der „moralischen Wochenschriften“ des 18. Jahrhunderts. Artikel über Goethes Leben, „für Frauen geschildert“, finden sich neben Berichten über „Menschenhandel in Afrika“, Anleitungen zur „Liebhaberphotographie“ neben solchen zum richtigen Gebrauch eines Mieders. Dass auch über Richard Wagner berichtet wurde, versteht sich da von selbst. Was hielt das „Familienblatt“ von ihm und seinen Festspielen?
Der Hausherr: Richard Wagner auf einem Foto von Franz Hanfstaengl aus dem Jahr 1871Picture AllianceSchon 1854, ein Jahr nach ihrer Gründung, brachte die Zeitschrift ein ausführliches Wagner-Porträt, weil „eine der hervorragendsten Erscheinungen der Gegenwart“ einfach nicht übergangen werden dürfe. Dass der Komponist in seinen Schriften über andere oft in „einer höchst verächtlichen und bitteren Weise“ spreche, entging dem Autor der „Gartenlaube“ durchaus nicht: Als „Pröbchen“ zitierte er einen zentralen Passus aus Wagners „Das Judenthum in der Musik“ von 1850, und über 20 Jahre später, 1873, reflektierte das Blatt durchaus kritisch über den Bau des Festspielhauses. Dem Journalisten war die Sache suspekt. Wagner wolle „an die Stelle von Staat und Religion ein Opernhaus“ setzen, wobei der „heilspendende Kunsttempel, das große, ruhmreiche Nationalwerk“ ja doch „mit dem eigentlichen Volk auch nicht das Mindeste zu schaffen“ habe: Den „Einlaß finden nur wenige Auserwählte“.
Bei dieser Vorgeschichte ist es kein Wunder, dass man auf „Die Gartenlaube“ im Hause Wahnfried „sehr böse zu sprechen war“, wie Wilhelm Marr (1819 bis 1904) in seinen drei „Bayreuther Festtagebüchern“ vom August 1876 vermerkte. Dabei schätzte Wagner den Journalisten durchaus. Dessen Buch „Der Sieg des Judenthums über das Germanenthum“ (1879), das den Begriff „Antisemitismus“ zuallererst in Umlauf brachte, las er mit Beifall. Marrs „Fest-Plaudereien“ aus Bayreuth handeln aber weder von Politik noch von Kunst.
Amüsiert schildert der Reporter die „hochelegante Volksversammlung“, beschreibt die Festspiele anschaulich als „eine Scene aus dem großen Schauspiele des Daseins“ und ergeht sich genüsslich in der Aufzählung der anwesenden Prominenz auf dem „artistischen Calvarienberg“. Nur die fränkische Küche bereitet Kummer. Die Preise seien „zur Feier des Tages um fünfundzwanzig bis dreißig Procent“ angehoben worden, wobei „die Qualität der Getränke“ immerhin den Vorteil habe, „vor Trunksucht“ zu bewahren.

Weil Marr „ausdrücklich auf eine Verurtheilung der musikalischen Seite der Wagner’schen Festspiele verzichtet“, die Zeitschrift ihren Lesern diesbezüglich „ein vollgültiges Urtheil“ aber durchaus nicht vorenthalten wolle, rückte die Redaktion einen Beitrag von Eduard Hanslick (1825 bis 1904) aus der „Neuen Freien Presse“ eigens ins Familienblatt ein. Und Hanslick lehnte Wagners Idee eines neuen Musikdramas vehement ab. „Das unnatürliche Singsprechen oder Sprechsingen der Wagner’schen ‚Nibelungen‘ ersetzt uns weder das gesprochene Wort des Dramas, noch das gesungene der Oper. (…) Wir sitzen daher rathlos und gelangweilt diesen unendlich langen Dialogen der Sänger gegenüber, dürstend nach der deutlichen Rede, wie nach der allzeit verständlichen Melodie. (…) Niemals haben Menschen so miteinander gesprochen (wahrscheinlich auch Götter nicht). Hin- und herspringend in entlegenen Intervallen, immer langsam, pathetisch, übertrieben, und im Grunde Einer genau wie der Andere.“
Wider den „Kunstreformtyrannen“ Wagner
Ebenso bissig ist der fünfte Artikel, der sich in der „Gartenlaube“ 1876 mit dem „Kunstreformtyrannen Richard Wagner“ befasst. Er stammt von Paul Lindau (1839 bis 1919), der bei Wagner als „ungebildet“ und „unverschämt“ galt – wohl auch, weil er als Jude einer der meistgelesenen Journalisten seiner Zeit war. Später wurde er sogar Direktor des Theaters in Meiningen. In Anspielung auf Goethes Satire „Götter, Helden und Wieland“ trägt sein Beitrag den Titel: „Götter, Helden und Wagner“. Wagners Gesamtkunstwerk wird auch darin abgewertet, wenn auch nicht mit ästhetischen Argumenten.
Lindau stellt praktische Erwägungen in den Vordergrund. „Ein Dichter ist Wagner, aber man kann ihm nicht gerade nachrühmen, daß er mit einfachen Mitteln arbeitet. (…) An außergewöhnlichen Wesen braucht er folgendes Personal: Zwei Riesen, zwei Zwerge, vier Götter, drei Göttinnen, drei schwimmende Mädchen, drei Nornen, acht Walküren“ und ferner „einen ziemlich completen zoologischen Garten, nämlich: eine Riesenschlange, eine Kröte, zwei Widder, einen Lindwurm, der singt, einen Waldvogel, der spricht, zwei Raben und einen Bären“. Nicht von einem Theater der Zukunft zu träumen, ruft Lindau dem „Meister“ abschließend zu, sondern – hic Rhodus, hic salta! – die beschränkten Mittel der Gegenwart geschickt zu nutzen.
Was Camille Saint-Saëns in der Pariser „L’Estafette“ als „Theater der Zukunft“ beschrieb und Tschaikowsky in der Moskauer „Russkije Wedomosti“ als „epochemachendes Ereignis in der Kunstgeschichte“ anerkannte, konnte der Leipziger „Gartenlaube“ nicht gefallen: Zwar boten die Festspiele einen willkommenen Anlass zu charmantem Geplauder. Ihr kunstreligiöser Anspruch samt seinem mythologischen Unterbau lief dem Selbstverständnis einer Zeitschrift indes zuwider, das ganz auf Maß, Nützlichkeit und Wohlanständigkeit beruhte. Aber womöglich offenbart sich in dieser vehementen Ablehnung weniger die seichte Betulichkeit des Familienblatts, die man ihm schon im 19. Jahrhundert ankreidete, als vielmehr ein feines Gespür für die radikale Antibürgerlichkeit von Wagners Kunst.

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