Kriegsschäden in Nahost: Weltkulturerbe unter Beschuss

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Ohne Zweifel muss in Zeiten des Kriegs das Hauptaugenmerk immer auf den zivilen Opfern liegen. Der Blutzoll der iranischen Bevölkerung ist beileibe hoch genug und zählt inzwischen nach Zehntausenden, teils durch die verbrecherische Regierung selbst, teils durch die militärische Intervention von außen verursacht. Da es sich aber seit der gezielten Sprengung der monumentalen Weltkulturerbe-Buddhastatuen von Bamian durch die militanten Taliban und den immensen Zerstörungen in archäologischen Stätten Iraks im dortigen Krieg wie auch in Syrien vor allem in der antiken Oasenstadt Palmyra durch den islamistischen IS zu Recht eingebürgert hat, nach dem Warum planmäßiger Auslöschungen solcher Kulturzeugnisse und Identitätsträger zu fragen, sollte dies auch für den Iran gelten.

Über die 1500 Jahre alten, am 12. März 2001 (übrigens auch mithilfe ausländischer Sprengexperten) vollends pulverisierten Bamian-Buddhastatuen von einst 38 und 55 Meter Höhe war gestern zu erfahren, dass genau ein Vierteljahrhundert nach deren Zerstörung die Taliban dort ironischerweise wieder ausländische Touristen zulassen – gegen umgerechnet 13 Euro Eintritt, mit denen sie ihre Schreckensherrschaft finanzieren. Mit Geld aus italienischen und japanischen Quellen arbeite die UNESCO in Bamian derweil weiter und zähle bis zu fünfzehn Ruinen-Touristen aus dem Ausland täglich. Und dass, obwohl die Taliban die Bilder der weiland kalkuliert zerstörten Kulturdenkmäler produzierten, um die Weltöffentlichkeit zu schocken. Ihre visuelle Drohung, wer derart skrupellos Repräsentanten alter Kulturen wie des Buddhismus im Fall Bamian vernichtet, tötet auch mitleidlos Lebende, machten sie jedenfalls wahr.

Ein Künstler gibt die Erinnerungsarbeit an die Kulturzerstörungen im Irak seit zwanzig Jahren nicht auf

Auch in Palmyra bemühen sich Archäologen aus aller Welt und gerade aus Deutschland seit Jahren, das Menschenmögliche zur Rekonstruktion der funktionierenden multikulturellen antiken Kapitale von Palmyra zu bewerkstelligen. Und in US-Museen wie auch der schwedischen Malmö Konsthall zeigt der irakisch-amerikanische Künstler Michael Rakowitz unter dem Titel „The Invisible Enemy Should Not Exist“ seit Projektbeginn 2006 seine sehr persönliche Rekonstruktion der mehr als 7000 aus dem irakischen Nationalmuseum gestohlenen oder zerstörten Objekte vor der Kulisse des leicht verkleinert nachgebauten Ischtartores von der Berliner Museumsinsel. Rakowitz will das Vergessen der erheblichen Schäden an Kulturgütern im Irak durch Verwüstungen amerikanischer Truppen und die darauffolgenden Plünderungen nicht akzeptieren.

 Der Teheraner Golestan-Palast vor dem KriegRosengarten: Der Teheraner Golestan-Palast vor dem KriegPicture Alliance

So wurden eben nicht nur seitens islamistischer Kräfte unersetzliche wie identitätsstiftende Kunstschätze zerstört, im aktuellen Irankrieg trifft es auch die persische Kultur. Der prächtige, seit dem 18. Jahrhundert als Regierungssitz der Kadscharen errichtete und unter Weltkulturerbeschutz stehende Golestan-Palast im Herzen Teherans beispielsweise wurde wohl als Kollateralschaden der Angriffe auf das nahe Justizministerium durch US-Raketen beschädigt. Das persische Wort „Golestan“ bedeutet übersetzt so viel wie „Rosengarten“ oder genauer „Land der Blumen“, da „stan“ wie im Namen von Pakistan, Usbekistan und Afghanistan „Land“ bedeutet. Ähnlich wie auch unser „Paradies“ aus dem Persischen stammt und in der Antike einfach einen königlich bestückten Tiergarten meint, macht der Golestan-Rosengartenpalast seinem Namen als gebauter und im Innern vielfältig vergoldeter (wenn Trump von den Zerstörungen erfährt, müssen sich seine Generäle warm anziehen) Paradies-Rosengarten alle Ehre.

 Der Marmorthron im Golestan-PalastFürstlich: Der Marmorthron im Golestan-PalastPicture Alliance

Nicht zuletzt nach dem Vorbild des Spiegelsaals in Versailles sind seine Wände in einer Art persischem Rokoko mit Spiegeln und silbriger Metallfolie darunter verkleidet, die bei den Angriffen ebenso wie mehrere Fenster zur Gartenseite zu Bruch gingen. Eine der führenden Expertinnen für Islamische Kunstgeschichte, Christiane Gruber von der Ann Arbor University in Michigan, die das Fach auch als Gastprofessorin an der Berliner Humboldt-Universität mit großem Erfolg unterrichtet hat, beklagte Anfang der Woche die beträchtlichen Zerstörungen an dem Palast. Dessen Zentrum bildet der Thronsaal mit einem monumentalen Fürstensitz aus Marmor. Die älteren Leser mögen sich noch erinnern, dass bis zum Sturz des Schah Mohammad Reza Pahlavi im Jahr 1979 in dem nur noch für offizielle Empfänge genutzten Palast der bisweilen in den Abendnachrichten zu sehende legendäre persische Pfauenthron stand. Für das aktuelle Mullah-Regime ist die Beschädigung des Golestan-Palastes ihrer verhassten Vorgängerautokraten daher kein Verlust, für die Anhänger der Schah-Familie naturgemäß schon.

Eine ähnliche Ironie der Geschichte droht bei fortgesetzten Angriffen auch der Moderne-Sammlung der Schah-Familie. Es ist absolut kein Geheimnis, schon gar nicht seit dem im letzten Moment gescheiterten Versuch einer Ausstellung dieser Schätze in Berlin im Jahr 2016, dass die weltgewandte Vorzeige-Schahbanu Farah Diba seit den Sechzigern eine respektable Kollektion zusammentrug: Picasso, Pollock, Chagall, Warhol, Moore, Giacometti, selbst Klimt und Hopper waren mit dabei, kurz: alles, was seinerzeit angesagt war, um dem Regime einen weltoffenen Anstrich zu verleihen. Gleich mehrere Picassos ducken sich seit dem Sturz des Schahs im Depot unter Teherans 1977 in Betrieb genommenen Modernemuseum des Architekten Kamran Diba, und die Kunsthistoriker weltweit bangen um diese nicht unbeträchtlichen Schätze. Was wäre es für ein Treppenwitz, wenn die Amerikaner die westlichste Sammlung, die Iran je hatte, „aus Versehen“ träfen.

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